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Hilfe in Krisengebieten: "Schüsse im Krankenhaus": Ein Mediziner spricht über seine Einsätze für "Ärzte ohne Grenzen"

Karriere, Wohnung, Auto – das war dem Internisten Tankred Stöbe nicht genug. Und er gab all das auf, um für "Ärzte ohne Grenzen" zu arbeiten. Nach Einsätzen in 15 verschiedenen Ländern weltweit weiß er: Diese Menschen brauchen mich!

Philippinen 2013: Nach dem verheerenden Taifun Haiyan versorgen Mitarbeiter von "Ärzte ohne Grenzen" die Bevölkerung medizinisch

Philippinen 2013: Nach dem verheerenden Taifun Haiyan versorgen Mitarbeiter von "Ärzte ohne Grenzen" die Bevölkerung medizinisch

Was genau machen Sie als Arzt in Ihren Einsätzen?

Ich mache die Erst- und Notfallversorgung. Ich reanimiere, stille Blutungen, verbinde und stabilisiere die Patienten. Die nötigen Operationen machen dann meine Kolleginnen und Kollegen. Und ich triagiere die Kranken.

Das bedeutet?

Simpel gesagt: Ich entscheide, wem ist hier noch zu helfen und wem nicht? Das ist besonders wichtig, wenn im Krieg viele Verletzte auf einmal kommen. Ich entscheide also, wer primär behandelt wird.

Herr über Leben und Tod. Wie fühlt man sich da?

Ich funktioniere dann. Einer muss das machen, nach klaren Kriterien. Das ist eine professionelle Einteilung, die nötig ist. Es hat keinen Sinn, einen schwerstverletzten Sterbenden zu behandeln und einen anderen mit besseren Überlebenschancen warten zu lassen, der verblutet.

Sie sind mit ungeheurem Elend und Folgen brutalster Gewalt konfrontiert worden. Welches Menschenbild hat man angesichts dieses mörderischen Potenzials der eigenen Spezies?

In machen Situationen war es zum Verzweifeln. Aber ich habe überall auf der Welt auch wunderbare Menschen kennengelernt. Ich glaube bis heute immer noch grundsätzlich an das Gute in uns allen. Ja, viele von uns können zu Bestien werden. Krieg ist furchtbar. Aber meist sind Kriege Folgen politischen Versagens. Auch unseres Versagens als westliche Welt. Das macht mich oft wütend.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Die heutigen Zustände in Libyen. Erst wurde der Diktator mit westlicher Hilfe beseitigt und das waffenstarrende Land dann sich selbst und den Warlords überlassen. Jetzt werden dort Flüchtende gequält, die sich auf den Weg nach Europa gemacht haben. Und wir lassen das zu. Das ist beschämend.

Einsatz im Südsudan 2014: Im Südsudan behandelte "Ärzte ohne Grenzen" 2014 fast 551.000 Patienten ambulant und mehr als 32.000 stationär – rund die Hälfte davon waren Kinder unter fünf Jahren

Einsatz im Südsudan 2014: Im Südsudan behandelte "Ärzte ohne Grenzen" 2014 fast 551.000 Patienten ambulant und mehr als 32.000 stationär – rund die Hälfte davon waren Kinder unter fünf Jahren

Immer wenn Sie dann wieder nach Hause kommen, erleben Sie den eklatanten Gegensatz zwischen der medizinischen Spitzenversorgung hierzulande und den niedrigen Standards in Ihren Einsatzgebieten. Wie gehen Sie damit um?

Ich fand das besonders nach meinen ersten Einsätzen schwierig und belastend. Ich sah Menschen an Durchfall und eigentlich gut behandelbaren Infektionen sterben. Die Kluft ist wahnwitzig. Es fehlt außerhalb Europas oft an den elementarsten Dingen, um Menschen zu helfen. Und dann kommst du nach Hause und erlebst, wie hier sterbende, alte Menschen mit hoch aufwendiger Medizin für Hunderttausende von Euro künstlich am Leben gehalten werden. Ein bizarrer Gegensatz.

Und ein heikles Thema.

Absolut. Keinen Menschen dürfen wir einfach so sterben lassen. Völlig klar. Aber wir müssen diskutieren, wie lange das Leiden Sterbender technisch verlängert werden sollte.

Einsatz während einer Ebola-Epidemie in Westafrika 2015

Einsatz während einer Ebola-Epidemie in Westafrika 2015

Aber wer soll das am Ende entscheiden?

Am besten die Patienten selbst. Und die nächsten Angehörigen. Möglichst, wenn sie gesund und klar im Kopf sind. Ich kann nur jedem zu einer möglichst eindeutig und individuell formulierten Patientenverfügung raten. Das hilft auch uns Ärzten. Die Medizin hier im Westen kann sehr viel. Und das ist oft ein Segen. Aber jeder sollte selbst entscheiden, was mit ihm oder ihr am Lebensende geschehen soll.

Aber wie gehen Sie denn nun mit dieser elementaren Kluft zwischen hier und dort um?

Ich vergleiche mittlerweile nicht mehr. Das würde mich sonst wahnsinnig machen. Diese Kluft gilt ja für jeden Lebensbereich der Menschen. Ich nehme es jetzt so, wie es ist, und tue, was jeweils nötig und möglich ist.

Sind Sie jemals im Einsatz ernsthaft in Gefahr geraten?

Ein paar Mal war es heikel. Ich erinnere mich besonders an eine Situation im Jemen. Wir versorgten schwer verletzte Opfer einer Schießerei. Die wurden im Minutentakt gebracht. Irgendwann war der Schockraum überfüllt. Und auf einmal hörten wir Schüsse im Krankenhaus. Dicht bei uns. Sie kamen immer näher. Ich musste in Sekunden entscheiden, ob wir weitermachen oder den Raum verlassen.

Du bist in Sicherheit! Tankred Stöbe hilft Geflüchteten beim Seenotrettungsdienst 2015 im Mittelmeer.

Du bist in Sicherheit! Tankred Stöbe hilft Geflüchteten beim Seenotrettungsdienst 2015 im Mittelmeer.

Was taten Sie?

Wir haben in einem Nebenraum Schutz gesucht und abgewartet, bis die Situation geklärt war.

Welche Gefühle hatten Sie in diesem Moment?

Ich empfand Ohnmacht und tiefes Bedauern. Ich bin Arzt. Ich will helfen. Aber es gibt eine klare Regel bei uns: Eigensicherung geht vor.Es hat auch keinen Sinn, wenn wir erschossen werden und das Krankenhaus ohne Ärzte dasteht, das müssen wir professionell sehen. Nach dem Ereignis haben wir dann weitergearbeitet.

Kommt so etwas häufiger vor?

Zum Glück nicht. Wir werden selten direkt angegriffen. Die Konfliktparteien respektieren uns als neutrale Helfer. Dass Mitarbeiter von uns sterben oder verletzt werden, ist wirklich selten.

Manchmal ist auch die Natur Ihr Gegner. Zwei Monate nach der Tsunami-Katastrophe im Dezember 2004 waren Sie in Indonesien im Einsatz.

Das war die schlimmste Zerstörung, die ich je in meinem Leben gesehen habe. Ein Inferno! Und dann die Tausenden von Verletzen. Wir waren in der Unruheprovinz Aceh tätig. Mich hat besonders bewegt, dass die Menschen gar keine Worte für ihr seelisches Leid, ihre Traumata hatten.

Sie wussten nicht, dass sie traumatisiert sind?

Genau. Wir haben dann einheimische Teams ausgebildet, die auf die Marktplätze gingen und in Rollenspielen zeigten, wie sich depressive Menschen verhalten. Und die Leute blieben stehen, sahen zu und riefen: "Genau wie bei meiner Mutter." "So ist mein Bruder." Oder: "So geht es mir." Dann erklärten wir ihnen, dass das eine Krankheit ist, die behandelt werden kann.

Und dann erlebten Sie auch noch ein schweres Erdbeben in der ohnehin schon verwüsteten Region …

Es war kurz vor Mitternacht, als es begann. Wir rannten aus dem Haus, und die Welt um uns herum bewegte sich. Alles schwankte. Es war wirklich unheimlich. Wie in einem Katastrophenfilm. Wir waren schon geschockt, aber die Einheimischen verloren völlig die Fassung.

Weil sie dachten, dass sich der Horror wiederholt?

Ja, wir erleben immer wieder, dass Menschen eine einzelne Katastrophe irgendwie noch verarbeiten können. Aber wenn sich das Ereignis kurzfristig wiederholt, dann können die Menschen einfach nicht mehr. Dann brechen alle Dämme. Die Panik um uns herum war bedrückend.

Erdbeben, Schießereien, Tote und Schwerverletzte – dachten Sie nicht manchmal: "Was tue ich mir hier an? Es reicht jetzt. Ich fahre nach Hause."

Ich war oft frustriert und auch entsetzt, aber dieser Gedanke kam mir nicht. Ich hatte eine Aufgabe als Arzt übernommen, und die galt es zu erfüllen. Und es gab immer wieder auch wunderschöne Momente, und die nehme ich dann umso stärker wahr: Menschen, die wir retten konnten, Hilfsbereitschaft, die ungeheure Dankbarkeit der Patienten und – nicht zuletzt – auch die Naturerlebnisse. Das hat mich immer wieder aufgerichtet.

Im August 2012 erhielten Sie eine bizarre Mail: "Wir würden Tankred gerne nach Syrien schicken, um in einer Höhle einen Operationssaal zu installieren."

Ich dachte: Das klingt ein bisschen verrückt, aber auch spannend. Das wurde dann mein zehnter Einsatz.

Wie sah denn die Arbeit in dem Höhlen-OP aus?

Wir haben erst einmal Planen eingezogen und Liegen und Material hineingestellt und dann ein aufblasbares Zelt aufgebaut, in dem wir unter sterilen Bedingungen operieren konnten.

2011 im Somalia. Vor allem die Kinder litten unter der Dürre und schlechter Versorgung. 2013 zog "Ärzte ohne Grenzen" nach 22 Jahren Einsatz in dem Krisengebiet seine Helfer ab. Grund waren Angriffe auf Mitarbeiter. 2017 wurde die Arbeit wieder aufgenommen.

2011 im Somalia. Vor allem die Kinder litten unter der Dürre und schlechter Versorgung. 2013 zog "Ärzte ohne Grenzen" nach 22 Jahren Einsatz in dem Krisengebiet seine Helfer ab. Grund waren Angriffe auf Mitarbeiter. 2017 wurde die Arbeit wieder aufgenommen.

Wen haben Sie behandelt?

Jeden, der gebracht wurde. Wir unterscheiden da nicht. Es gibt nur eine Regel: Die Patienten dürfen keine Waffen tragen, und wenn möglich sollten Soldaten auch ohne Uniform zu uns kommen.

"Menschlichkeit als letzte Medizin" überschreiben Sie das Kapitel in Ihrem Buch über Sierra Leone. Was meinen Sie damit?

Dort war Ebola ausgebrochen. Eine ungeheuer tödliche Krankheit. Das war erschütternd. Normalerweise haben Patienten, die wir behandeln, eine reelle Chance zu überleben. Hier nicht. Ich habe noch in keinem Einsatz so viele Menschen sterben sehen.

Ihr ethischer Ansatz geht immer vom anderen, vom Schwächsten aus. Sind Sie ein religiöser Mensch?

Das nicht. Hilfsbereitschaft muss ja nicht religiös begründet werden. Ich schätze den französischen Philosophen Emmanuel Levinas. Der sagt sinngemäß: "Die Not des anderen ist für mich der Ruf, etwas zu tun." Und so will auch ich handeln. Nicht ununterbrochen, aber grundsätzlich. Ich bin mir sicher: Wir Menschen brauchen einander.

Sie sind seit 2011 verheiratet. Ihre Frau schrieb Ihnen einmal die Worte: "Ich hoffe, ihr seid nah an der Not, aber fern der Bomben. Ich bitte dich sehr, nicht zu mutig zu sein – was du tust, ist bemerkenswert genug! Sei lieber für mich feige!" Haben Sie sich daran gehalten?

Das war, als ich in Syrien war. Sie hatte eine Karte mit diesem Text im Gepäck versteckt. Das hat mich sehr berührt. Meine Frau ist auch Ärztin. Sie wusste, auf wen sie sich da einlässt. Aber ich bin vorsichtig. Ich halte mich an die Sicherheitsregeln. Ich lebe ausgesprochen gern.

Wie lange wollen Sie noch für "Ärzte ohne Grenzen" arbeiten?

Da ist kein Ende in Sicht.

Inspiration: Tankred Stöbe: "Mut und Menschlichkeit. Als Arzt weltweit in Grenzsituationen", Fischer, 192 S., 14,99 Euro

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