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Stern Logo Gesundheits-Mythen im Check - Tatsache oder Trugschluss?

Tatsache oder Trugschluss: Bekommt man vom kalten Stein eine Blasenentzündung?

"Verkühl dich nicht, sonst holst du dir eine Blasenentzündung" - diese Warnung hört man oft. Doch ist es wirklich gefährlich, auf kaltem Stein zu sitzen oder nasse Badekleidung anzubehalten?

Bekommt man wirklich eine Blasenentzündung, wenn man zu kühl angezogen ist?

Bekommt man wirklich eine Blasenentzündung, wenn man zu kühl angezogen ist?

Macht abends essen dick? Ist es schädlich, den Deckel des Joghurtbechers abzulecken? Gibt es süßes Blut? Der nimmt in loser Reihenfolge Alltagsmythen unter die Lupe.

Bekommt man vom Sitzen auf kaltem Stein eine Blasenentzündung?

Die Auflösung

Eine Blasenentzündung wünscht man niemandem. Alle paar Minuten zwingt heftiger Harndrang zur Toilette, das Wasserlassen brennt wie Feuer, der Unterleib schmerzt - das alles für ein paar spärliche Tröpfchen Urin. Kurzum: Wer einmal eine Blasenentzündung hatte, will keine zweite.

Doch wie beugt man vor? Nicht auf kalten Steinen sitzen, nasse Badekleidung sofort wechseln und den unteren Rücken und Bauch warmhalten, lauten die gängigen Ratschläge. Doch stimmen sie? Ist Kälte wirklich der Auslöser für eine Blasenentzündung? Immerhin haben Harnwegsinfekte in der Freibadzeit ja Hochsaison.

Auslöser sind meist Darmbakterien

Dazu erstmal ein klares Nein. Auslöser für eine Harnwegsentzündung sind immer Bakterien. In rund 80 Prozent der Fälle, sind es die Darmbakterien E. coli und Enterokokken. Sie gelangen über die Harnröhre in die Blase - etwa durch falsche Toilettenhygiene. Frauen sind deutlich häufiger betroffen, da ihre Harnröhre rund vier Zentimeter kürzer ist und zudem näher am After anliegt, als die der Männer. Auch eine angeborene zu kurze oder zu enge Harnröhre begünstigt, dass Bakterien in den Harntrakt gelangen.

Der Rat, direkt nach dem Sex zur Toilette zu gehen, ist zwar unromantisch, aber durchaus sinnvoll: Denn auch beim Geschlechtsverkehr können Darmbakterien verteilt werden und so in die gelangen. Zudem können beim Sex die schützenden Schleimhäute des Intimbereichs verletzt werden. Für Harnwegsentzündungen, die aufgrund von häufigem Sex entstehen, hat sich daher auch der Begriff "Honeymoon-Zystitis" eingebürgert.

Andere mögliche Ursachen

Eher seltener seien auch Scheidenbakterien oder andere Erreger verantwortlich, die durch mangelnde Hygiene oder ebenfalls über Sexualkontakte übertragen werden, schreibt der Berufsverband der Frauenärzte (BVF) im Netz. Dazu zählten etwa Staphylokokken, Gonokokken (Erreger des Trippers), Hefepilze oder Chlamydien. Wer aus Sorge vor einer Entzündung mit übertriebener Hygiene reagiert, erweist sich im Zweifel aber einen Bärendienst: Durch häufiges Waschen mit Seife im Intimbereich werden die Schleimhäute ebenfalls beschädigt.

Dass vor allem viele Frauen in den Wechseljahren über eine Entzündung der Blase klagten, hänge mit Veränderungen im Hormonhaushalt zusammen, erklärt der BVF. Sinkt der Östrogenspiegel, nimmt der Schutzmantel im Intimbereich ab, Bakterien können sich dann leichter vermehren und in die Harnröhre gelangen. Doch auch Männer trifft es mit den Jahren immer häufiger. Vergrößert sich ihre Prostata altersbedingt, kann die Harnblase schlechter entleert und durchgespült werden.

Mediziner gehen davon aus, dass wiederkehrende Harnwegserkrankungen auch mit einem #link;. http://www.eurekalert.org/pub_releases/2010-08/wuso-iso081110.php; schwachen Immunsystem# zusammenhängen können. Körperliche Überlastung und Stress können dabei einen ebensolchen Beitrag leisten wie Diabetes oder die dauerhafte Einnahme von Medikamenten.

Welche Rolle spielt Kälte?

Niemand bekommt also eine Blasenentzündung, allein weil er sich den Hintern verkühlt hat. Doch Unrecht hatten unsere Eltern trotzdem nicht, wenn sie uns die Unterhemden über die Nieren zogen: Denn ein warmgehaltener Unterleib kann die Ausbreitung der Bakterien hemmen. Wärme fördert die Durchblutung und damit die körpereigene Schutzfunktion. Ist der Lenden- und Beckenbereich dagegen kalt, geschieht das Gegenteil: Die Abwehr wird gedrosselt - Bakterien können sich leichter ausbreiten.

Fazit

Auf einem kalten Stein zu sitzen oder einen feuchten Badeanzug am Leib zu tragen reicht nicht aus, um sich eine Blasenentzündung zuzuziehen. Sie wird einzig durch Bakterien - und seltener auch durch Pilze - ausgelöst. Doch wer den Erregern den Angriff erschweren will, sollte den Beckenbereich warm halten - und raus aus den nassen Klamotten.

Generell empfiehlt sich, stets ausreichend zu trinken, um die Blase und die Harnwege regelmäßig durchzuspülen. Ist die Blase schon entzündet, können harntreibende Blasentees noch helfen - 80 Prozent der Harnwegsinfekte lassen sich laut dem Berufsverband Deutscher Urologen durch eine frühzeitig gesteigerte Trinkmenge auskurieren. Häufiges Wasserlassen ist dann besonders wichtig, auch wenn's brennt.

Dauern die Beschwerden länger als fünf Tage, sollte ein Arzt hinzugezogen werden - eventuell muss dann mit Antibiotikum nachgeholfen werden. Ist der Urin durch Blut rot gefärbt und kommen Fieber oder Schmerzen im Nierenbereich hinzu, sollte dringend ein Arzt konsultiert werden. Denn wird eine Blasenentzündung nicht behandelt, kann sie sich zu einer Nieren- oder Nierenbeckenentzündung auswachsen, die lebensbedrohlich sein kann.

Mirja Hammer
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