HOME

Stern Logo Gesundheits-Mythen im Check - Tatsache oder Trugschluss?

Tatsache oder Trugschluss: Ist es sinnvoll, den Apfel am Ärmel abzureiben?

Das sieht man oft: Viele Menschen reiben einen Apfel am Ärmel ab, bevor sie hineinbeißen. Das sei sogar besser, als ihn zu waschen, glauben sie. Was ist dran an dieser Überzeugung?

Von Sonja Helms

Kann man über Nacht ergrauen? Ist es schädlich, den Deckel des Joghurtbechers abzulecken? Gibt es süßes Blut? Der stern nimmt in loser Reihenfolge Alltagsmythen unter die Lupe. Zuerst lassen wir Sie, die Leser, darüber abstimmen. Auf der nächsten Seite finden Sie die Auflösung des Mythen-Checks.

Ist es sinnvoll, den Apfel am Ärmel abzureiben?

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie hilfreich das Abreiben des Apfels am Ärmel wirklich ist.

Manche Handgriffe haben wir so sehr verinnerlicht, dass wir kaum noch darüber nachdenken. Einen Apfel am Ärmel abzureiben ist so ein Beispiel. Doch wie sinnvoll ist das eigentlich. Es lohnt sich durchaus, dieser Frage einmal nachzugehen, bei den Mengen, die wir an Äpfeln verzehren, und der Unsicherheit, die oft vorherrscht.

Fast jeder mag und isst Äpfel, und das nicht wenig: Im Schnitt verzehrt jeder Deutsche 24,7 Kilogramm Äpfel im Jahr, das macht grob geschätzt rund 100 Äpfel pro Person. Aber bedenkenlos hineinzubeißen, das trauen sich viele Menschen heute nicht mehr. Zu groß ist die Angst vor Schadstoffen auf der Schale, etwa vor Pestizidrückständen. Auch die Wachsschicht ist vielen nicht geheuer. Aus diesem Grund schälen manche Menschen ihren Apfel - oder zumindest jenen, den sie ihren Kindern geben.

Dabei ist das nicht die beste Lösung: In der Schale der Äpfel stecken viele Nährstoffe, insbesondere Vitamin C und sekundäre Pflanzenstoffe, hatte eine Untersuchung der Bundesforschungsanstalt für Ernährung in Karlsruhe (heute Max Rubner-Institut, MRI), vor vielen Jahren ergeben. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) und Verbraucherdienste wie der aid Infodienst empfehlen daher, Äpfel und vergleichbare Früchte wie Birnen nicht zu schälen und die Schale mitzuessen - vorausgesetzt, die Frucht wurde vorher gründlich gewaschen, mit Betonung auf gründlich.

Wasser entfernt Dreck - aber Pestizide?

Experten nehmen an, dass ein Teil der äußerlich aufgetragenen Pestizide sich mit Wasser entfernen lässt - genaue Daten gibt es dazu aber nicht. Das Waschen ist aber auch aus anderen Gründen sinnvoll: Sofern die Früchte nicht gerade aus dem eigenen Garten stammen, sondern vom Wochenmarkt oder aus dem Supermarkt, handelt es sich um Ware, die gelagert, verladen und transportiert, vielleicht von anderen Menschen angefasst wurde. Wasser entfernt zumindest Staub und manch andere Verunreinigung.

Doch reicht es aus, um auch Pestizidrückstände zu entfernen? Nicht wirklich. Das bringt den Ärmel wieder ins Spiel.

Beim Reinigen gilt: Mehr hilft mehr

Bei der Frage nach Rückständen auf Äpfeln gehe es im Wesentlichen um sogenannte Lagerfungizide, sagt Bernhard Trierweiler, Biologe am MRI. Das sind Pflanzenschutzmittel, die speziell gegen Pilze wirken. Die Äpfel werden vor der Lagerung damit behandelt, um sie während der Lagerung vor Pilzbefall und Verderb zu schützen. "Diese Mittel bauen sich im Laufe der Zeit aber ab. Es gibt Vorgaben, wonach bestimmte Wartezeiten einzuhalten sind, bevor die Äpfel verkauft werden dürfen, sodass die gefundenen Rückstände in der Regel unter der zulässigen Höchstmenge liegen", sagt der Biologe.

Diese Lagerfungizide sind eher fettlöslich. Dadurch haften sie besser an der Wachsschicht und schützen die Früchte besser. "Aber gerade deswegen lässt sich das Spritzmittel nur in geringem Maße von den Früchten abwaschen." Insofern lägen jene richtig, die meinten, durch das Abreiben ließen sich eher mehr Rückstände entfernen als mit dem bloßen Abspülen. "Ideal ist es, Äpfel mit einem sauberen Mikrofasertuch abzureiben, da die Mikrofasern auch an kleine Risse der Wachsschicht kommen und somit Substanzen aus diesen entfernen können", sagt der Biologe. Die Wachsschicht werde durch das Reiben aber normalerweise nicht komplett entfernt.

Am effektivsten seien mehrere Reinigungsvorgänge, in diesem Fall: Waschen und Abreiben. Müsste man aber zwischen Wasser und Tuch wählen, spreche mehr für das Tuch. Da man unterwegs oft weder das eine noch das andere zur Hand hat, ist die Kleidung durchaus hilfreich. Vielleicht sollte es nicht gerade die speckige Jeans sein, an der man seinen Apfel zu reinigen versucht, ebenso wenig wie ein viel benutztes Küchentuch, das schon länger feucht herumliegt und möglicherweise verkeimt ist. Aber wenn das Hemd oder Shirt frisch ist - warum nicht? Nur: Damit all das überhaupt etwas bringt, sollte man gründlich vorgehen. Den Apfel nur kurz am Ärmel hin und her zu scheuern, womöglich nur an einer Seite, dürfte genau gar keinen Effekt haben.

Künstliches Wachsen ist verboten

Zur Wachsschicht ist übrigens zu sagen, dass Äpfel diese selbst bilden. Je nach Sorte ist sie stärker oder schwächer ausgeprägt. Jonagold und Granny Smith etwa produzieren recht viel Wachs, sodass sich die Früchte glatt und fettig anfühlen, Boskoop oder Elster eher wenig. Diese Schicht ist Ergebnis eines Stoffwechselvorgangs, denn Äpfel reifen nach der Ernte weiter. Sie schützt die Frucht vor Austrocknung und ist gesundheitlich unbedenklich. Das künstliche Wachsen von Äpfeln hingegen sei in Deutschland verboten, sagt eine Sprecherin des MRI. Das gelte auch für importierte Früchte.

Experten des Verbraucherdienstes aid Infodienst empfehlen daneben, Äpfel bevorzugt in der Saison zu kaufen, also von September bis März, weil Sommerware in der Regel stärker belastet ist. In dieser Zeit werden die meisten Äpfel aus fernen Ländern importiert und mit Pflanzenschutzmitteln behandelt, damit sie nicht verderben. Daher raten sie, wenn möglich, heimische Ware zu kaufen oder zu Bio-Ware zu greifen.

Fazit

Für das Reinigen von Äpfeln gilt: Mehr hilft mehr. Am sinnvollsten ist es, sie zu waschen und sie mit einem Mikrofasertuch abzureiben, und das jeweils gründlich. Ob der Ärmel effektiver ist als Wasser, hängt vom Stoff und von der Gründlichkeit ab. Aber wenn die Kleidung sauber ist und weder Wasser noch Mikrofasertuch zur Hand sind, spricht nichts dagegen, den Apfel am Ärmel abzureiben. Das ist zumindest sinnvoller, als gar nichts zu tun.

"Life Hacks": Nie wieder Äpfel mit braunen Stellen
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity