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Bisphenol S: Gift im Kassenzettel? Zara-Mitarbeiter fürchten um ihre Gesundheit

In Kassenzetteln von Zara steckt eine potenziell gesundheitsgefährdende Chemikalie. Das Problem ist seit zwei Jahren bekannt. Doch getan hat sich seitdem: nichts.

Bisphenol S dient in Kassenzetteln als Farbentwickler

Bisphenol S dient in Kassenzetteln als Farbentwickler

Getty Images

Christian Berhorst arbeitet seit vielen Jahren in einer Münchner Filiale der Modekette Zara. Er steht oft an der Kasse, scannt Hosen, Shirts und Schuhe, packt die Kleidung in die Tüten, kassiert. Dann folgt der Arbeitsschritt, der dem Zara-Mitarbeiter Angst macht: Der Drucker spuckt den aus. Berhorst reißt ihn ab und legt ihn in die Tüte. "Den Zettel in die Hand zu nehmen fühlt sich nicht gut an", sagt er. "Nicht mit dem Wissen, dass darin diese Chemikalie steckt."

Die Chemikalie, von der Berhorst spricht, hört auf den Namen Bisphenol S (BPS). Kassenzettel bestehen aus Thermopapier. Das Bisphenol S erfüllt darin die Aufgabe des Farbentwicklers. Der Stoff ähnelt Bisphenol A (BPA), einem hormonellen Schadstoff, der so giftig ist, dass er ab Februar 2020 nicht mehr in Kassenzetteln in der EU verwendet werden darf. BPA gelangt bei Hautkontakt in den Körper. Im Körper entfaltet er eine östrogen-ähnliche Wirkung: Die Chemikalie kann die Fruchtbarkeit schädigen und gilt als Mitauslöser von hormonell bedingten Krebsarten wie Brust- oder Prostatakrebs. BPS - der Stoff in Zara-Zetteln - steht im Verdacht, "viele ähnlich schädliche Wirkungen auf die Gesundheit zu haben wie BPA", schreibt die Europäische Chemikalienagentur "Echa". Welche genau, werde derzeit untersucht. 

Die Zeit drängt. Fabriken, die Thermopapier fertigen, satteln angesichts des nahenden BPA-Verbots um: Allein im Zeitraum von 2016 auf 2017 hat sich der Einsatz von Bisphenol S in Thermopapier verdoppelt, schreibt die EU-Behörde "Echa". Die Entwicklung sei "besorgniserregend". Im Raum steht die Frage, ob "nicht eine gefährliche durch eine andere gefährliche Chemikalie ersetzt wird". Als besonders gefährdet gelten Kassierer, die am Tag Hunderte Zettel in die Hand nehmen müssen.

Der Geschäftsführung von Zara dürfte die BPS-Problematik in den Kassenzetteln bekannt sein. Im Mai 2016 hatte der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) 19 Kassenzettel-Stichproben untersucht, darunter Bons von Tankstellen, Drogerien, aber auch Textilketten. In 14 der 19 Kassenzettel fanden die Prüfer BPA oder BPS. Die Konzentrationen schwankten allerdings stark. (Die Ergebnisse können Sie hier einsehen.)  Auf dem Zettel von Zara fanden die Prüfer BPS, wie auch auf den Zetteln von H&M. Die Konzentration lag bei beiden Unternehmen in einem Bereich, der nahelegt, dass "BPS gezielt eingesetzt wurden", schrie der BUND im Mai 2016.

Der schwedische Konzern H&M setzt nach eigenen Angaben nun auf eine unbedenkliche Alternative. Gegenüber dem erklärte das Unternehmen, dass alle Kassenzettel "ausschließlich von geprüften H&M Zulieferern" stammen und "frei" von BPA oder BPS seien. 

Und Zara? Schweigt. Der stern bat die Modekette mehrfach, zu den Vorwürfen der Mitarbeiter Stellung zu beziehen. Doch entsprechende Anfragen blieben bislang unbeantwortet.

Bisphenol S - Zara-Mitarbeiter starten Petition

"Es hat sich nichts getan", sagt Christian Berhorst. "Es wurde keine Stellungnahme abgegeben. Man kehrt das Thema einfach so unter den Tisch." Er und viele andere Mitarbeiter sind sauer. "Auf gut deutsch gesagt, ist das eine Unverschämtheit. Als Arbeitgeber hat man gegenüber seinen Angestellten eine Fürsorgepflicht." Einige Mitarbeiter haben eine Petition mit dem Namen "Kein Hormongift in ZARA-Kassenbelegen" gestartet. Das Team hat bereits mehr als 7000 Unterschriften gesammelt.

Was müsste sich ändern? Berhorst, der auch im Zara-Betriebsrat tätig ist, hofft, dass die Kette das Thermopapier umstellt und eine unbedenklichere Variante nutzt - denn die gibt es bereits. "Man könnte das Papier einfach auswechseln", sagt er. Das sei zwar mit Kosten verbunden, "aber den Schuh muss man sich eben anziehen". 

Bis es soweit ist, haben einige Kollegen eine vorübergehende "Lösung" des Problems gefunden: Sie lassen sich nicht mehr für Dienste an der Kasse einteilen - oder kassieren nur noch mit Handschuhen.

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