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Schweinegrippe in Deutschland: Zahl der Infizierten steigt rasant

Die Schweingrippe breitet sich auch in Deutschland immer schneller aus: Von einem Tag auf den anderen ist die Zahl der neuen H1N1-Infektionen um 637 Fälle und damit um etwa ein Fünftel gestiegen.

Urlauber müssen nicht auf ihre Reise verzichten - wenn sie ein paar Dinge beachten

Urlauber müssen nicht auf ihre Reise verzichten - wenn sie ein paar Dinge beachten

Die Zahl der Schweinegrippe-Fälle steigt auch in Deutschland rasant: Von einem Tag auf den anderen ging die Anzahl der neuen Infektionen um 637 Fälle hoch. Das bedeutet einen Anstieg um ein Fünftel, wie das Robert-Koch-Institut (RKI) heute in Berlin mitteilte. Der Anstieg am Tag zuvor war mit 263 nur etwa halb so groß gewesen. Insgesamt sind nun 2.455 Fälle der Schweinegrippe in der Bundesrepublik registriert. Am 15. Juli, vor gut einer Woche, waren deutschlandweit nur 834 Fälle bekannt.

Viele Urlauber aus Spanien betroffen

Der Anstieg wird dem Robert Koch-Institut zufolge hauptsächlich durch Reiserückkehrer aus Spanien verursacht. Experten sehen dies vor allem im Verhalten jüngerer Urlauber beispielsweise auf Mallorca begründet - wie etwa der gemeinsamen Nutzung von Trinkgefäßen, intimen Urlaubsflirts sowie dicht gedrängtem Feiern und Sonnen. "Generell gilt: Viele Menschen auf engem Raum sind immer eine Möglichkeit, sich anzustecken", sagt Jörg Hacker, Präsident des RKI. Dieter Häussinger von der Düsseldorfer Universitätsklinik hatte bereits darauf hingewiesen, dass Sonnenbrand und Alkohol die Immunabwehr schwächen.

Ist das Virus deshalb außer Kontrolle? Wohl kaum, vielmehr entdeckt man auch hierzulande, was das Wort Pandemie bedeutet: Eine Krankheit, die das ganze Volk betrifft. Genau darauf bereiten sich die zuständigen Stellen seit Monaten vor. Nun passiert das, was viele erwartet haben. "Ich vermute, dass im Herbst die Zahl der Infektionen weiter ansteigt", sagt auch Bernhard Fleischer vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. "Das Virus breitet sich so gut aus, da noch keine Immunität dagegen vorhanden ist."

Panik ist Fleischer zufolge dennoch unangebracht. "Die Schweinegrippe ist eine moderate Pandemie. In der Form, in der das Virus im Moment kursiert, ist es schwächer als das der saisonalen Grippe", sagt er. In Deutschland gibt es noch keine Todesfälle. Zum Vergleich: An der normalen Grippe sterben in Deutschland laut RKI jährlich 8000 bis 11.000 Menschen.

Bisher verlaufen die Schweinegrippe-Infektionen zudem zumeist leicht und werden mit antiviralen Mitteln wie Tamiflu behandelt. Resistenzen treten in so geringem Umfang auf, dass sie keinen Grund zu Besorgnis darstellen. Um die Epidemie letztlich in den Griff zu bekommen, setzt die Regierung auf eine Impfung von zunächst 22,5 Millionen Menschen. Vorher muss aber ein Impfstoff entwickelt werden, der frühestens Ende September zur Verfügung stehen soll. Dass dieser womöglich wirkungslos werden könnte, da sich das Virus ändert, ist kaum zu erwarten. Nach Einschätzung des RKI muss allerdings mit weiteren Erkrankungen und auch mit schweren Verläufen gerechnet werden.

Stornierungen sind nicht möglich

Dennoch ist die Schweinegrippe derzeit kein Grund auf Urlaubsreisen zu verzichten - zumindest von offizieller Seite. Das Auswärtige Amt hat keine Reisewarnungen für beispielsweise Spanien ausgesprochen. Als die Grippe in Mexiko ausbrach, warnte die Behörde zumindest, dass unnötige Reisen in das Land verschoben werden sollten. Auch jetzt heißt es: "Reisende sollten selbst entscheiden, ob es notwendig ist, Länder zu besuchen, in denen die Influenza A/H1N1 ("Schweinegrippe") vorkommt, und sollten den Grundsatz der Eigenvorsorge beachten, der dem Pandemieplan zugrunde liegt."

Stornierungen mit der Begründung "Schweinegrippe" werden daher nicht möglich sein. Beim Ausbruch der Grippe hatten mehrere Reiseveranstalter ihre Mexikoreisen verlegt und den Urlaubern die Möglichkeit gegeben, kostenlos umzubuchen oder zu stornieren. Da die Krankheit nun nicht mehr auf ein Land beschränkt ist, kann man keinen konkreten Ansteckungsherd ausmachen. Die Gefahr einer Ansteckung sei beim Aufenthalt in Urlaubsländern nicht höher oder anders zu bewerten als in Deutschland, so die übereinstimmende Einschätzung medizinischer Einrichtungen, wie etwa dem Centrum für Reisemedizin (CRM) und der Weltgesundheitsorganisation WHO. "Es handelt sich vielmehr um ein globales Phänomen, da eine Ansteckung überall auf der Welt möglich ist", betont auch Klaus Laepple, Präsident des Deutschen Reiseverbands (DRV).

Verständlich, dass die Tourismusbranche mitten in der Hauptreisezeit Urlauber nicht verschrecken möchte. Die Urlaubsbuchungen lagen lange hinter den Vorjahreszahlen zurück, spontan verreisen viele Deutsche nun doch noch. Fluglinien und Reiseveranstalter geben sich gut vorbereitet. "Wir halten die Vorschriften des Gesundheitsministeriums ein, das Personal ist entsprechend geschult", so eine Sprecherin von Air Berlin. Sollten während eines Fluges Symptome bei einem Passagier auftauchen, informiert der Pilot die deutschen Behörden.

Die Weltgesundheitsorganisation rät nicht von Reisen ab - jedoch mit der Begründung, dass die weltweite Ausbreitung so auch nicht zu stoppen wäre. Zu den Ansteckungsrisiken in einzelnen Ländern äußert sich die WHO nicht, weist aber auf Vorsichtsmaßnahmen hin, wie man sich auch im Urlaub schützen kann: Regelmäßig die Hände mit Wasser und Seife zu waschen, engen Kontakt mit Kranken sowie Menschenansammlungen zu meiden und "hygienisch" in den Ärmel zu husten, um die Hände nicht zu kontaminieren.

Übliche Hygienemaßnahmen reichen aus

"Es sollten die üblichen Hygienemaßnahmen angewendet werden, zudem stehen Medikamente für schwerere Fälle zur Verfügung", sagt auch Fleischer. Ein sehr wichtiger Punkt sei auch, sich im Urlaub rasch freiwillig zurückzuziehen und einen Arzt aufzusuchen, wenn man bei sich selbst Symptome bemerke, betonte der RKI-Präsident. Nur so sei es möglich, die Erkrankungswelle einzudämmen.

Vom Verhalten der Menschen hänge ab, wie sich die Situation in den nächsten Wochen entwickle. Griffen die Warnungen nicht, seien - gerade mit Blick auf die anstehende Rückreisewelle - weiter rasch steigende Zahlen möglich. "Wenn die Fallzahlen sich erhöhen, werden wir auch schwere Verläufe bekommen", warnte Hacker. Noch seien in Deutschland ausschließlich mild verlaufende Erkrankungen erfasst. "Wir sehen es generell so, dass die Erhöhung Besorgnis bei uns auslöst, aber keinen Grund zur Panik darstellt."

Behörden und Unternehmen seien aber gut beraten, eigene Pandemie- Pläne auszuarbeiten und umzusetzen. "So einen Plan gibt es auch beim RKI", sagte Hacker. Darin stünden etwa Vorsichtsmaßnahmen und Regeln, was beim Ausfall von Mitarbeitern zu tun sei. Generell gelte für Arbeitnehmer, dass sie besser erst mal zu Hause bleiben, wenn sie sich mit Schweinegrippe angesteckt haben könnten. In so einem Fall solle man sich auch besser nicht ins Wartezimmer eines Arztes setzen, sondern diesen vorab telefonisch informieren, riet Hacker.

swd/lea/AP/DPA / AP / DPA

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