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Mittel gegen Viren: Die Fänger im Zellfeld

Viren sind zäh und lassen sich nicht so leicht töten wie Bakterien. Möglich ist nur, sie an der Vermehrung zu hindern. Drei verschiedene Medikamente greifen in den Kopierzyklus der Viren ein.

Bei den meisten Anti-Viren-Mitteln ist Vorsicht geboten

Bei den meisten Anti-Viren-Mitteln ist Vorsicht geboten

Weil Viren keinen eigenen Stoffwechsel haben, sie somit nicht essen und ausscheiden, sind sie darauf angewiesen, dass andere Zellen ihnen alles Notwendige bereitstellen. Deshalb brauchen sie Wirte: Bei Erkältungsviren sind das hauptsächlich die menschlichen Schleimhautzellen. In diesen Wirtszellen vermehren sie sich.

Das Virus programmiert die Wirtszelle so um, dass sie neue Virenbausteine herstellt. Diese Bruchstücke fügen sich noch in der Wirtszelle zu neuen Virennachkommen zusammen. Ein bestimmtes Enzym des Virus, die Neuraminidase, schleust die neuen Viren anschließend aus der gekaperten Zelle heraus. Sind sie im Gewebe, können sie sich neue Opfer suchen.

Dieses Enzym kann mithilfe von Chemikalien lahmgelegt werden. Solche Wirkstoffe heißen Neuraminidasehemmer. Wenn Sie ein entsprechendes Präparat einnehmen, kleben die Virennachkömmlinge an den Wänden der Schleimhautzellen fest. Weil die Erreger an den Außenhüllen der Zellen haften, werden sie vom Abwehrsystem des Körpers erkannt und zerstört. Deshalb können sie keine weiteren Schleimhautzellen befallen. Die Folge: Die Grippe oder die Erkältung verläuft milder.

Neuraminidasehemmer nur im Notfall nehmen

So gut sich dieses Prinzip in der Theorie darstellt, so ungeeignet sind Neuraminidasehemmer für den täglichen Gebrauch. Denn Viren mutieren schnell und können sich anpassen: Sie werden resistent gegen die Substanzen. Das heißt, sie verändern sich so, dass ihnen der Wirkstoff nichts mehr anhaben kann. Deshalb sollten diese Anti-Viren-Mittel nur im Notfall geschluckt werden. Neuraminidasehemmer sind vor allem gedacht für Menschen mit einem Risiko für Komplikationen.

Ohnehin ist der Effekt bei einer normalen Grippe nicht gerade beeindruckend: Studien belegen, dass Neuraminidasehemmer die Krankheit nur um einen Tag verkürzen. Und dies auch nur, wenn der Wirkstoff spätestens bis zum zweiten Tag nach Auftreten der ersten Beschwerden eingenommen wird. Ein Ersatz für eine Grippeschutzimpfung sind Neuraminidasehemmer nicht.

Derzeit sind die beiden Substanzen Zanamivir (zur Inhalation) und Oseltamivir (als Pulver oder Kapsel) erhältlich. Beide Substanzen wirken gegen zwei Virentypen, die Influenza-A- und die B-Viren.

Zanamivir: verkürzt die Grippe und lindert Beschwerden

Der Neuraminidasehemmer Zanamivir kann Grippe nicht heilen. Er mildert aber die Symptome und verkürzt die Erkrankung. Das Risiko für Komplikationen wie etwa eine Lungenentzündung sinkt.

Asthmatiker, Menschen mit chronischen Atemwegserkrankungen, Schwangere und Stillende sollten das Medikament nur nach Rücksprache mit dem Arzt einnehmen. Für Kinder unter fünf Jahren ist das Präparat nicht geeignet. Kinder über fünf Jahre sollten schon innerhalb von 36 Stunden nach den ersten Symptomen behandelt werden.

Zanamivir kann - wie jedes Medikament - Nebenwirkungen haben. Es sind vor allem solche Symptome, die sich auch bei einer Erkältung oder Grippe zeigen, zum Beispiel Beschwerden im Nasenraum, Kopfschmerzen, Bronchitis, Husten und - das ist eher untypisch für Erkältungen - Magenbeschwerden.

Oseltamivir: nur bei einer Epidemie einzunehmen

Oseltamivir ist ebenfalls ein Neuraminidasehemmer. Das Präparat sollte nur auf ärztlichen Rat bei einer Grippe-Epidemie eingenommen werden, denn es gibt einige Nebenwirkungen. Wenn Sie zu dieser Zeit mit einem Erkrankten in Berührung gekommen sind, sollten Sie das Mittel so früh wie möglich einnehmen. Für Menschen mit bestimmten Nierenerkrankungen, Blutwäschepatienten und Kinder unter einem Jahr ist das Mittel nicht geeignet. Schwangere und Stillende sollten das Medikament nur nach Rücksprache mit Ihrem Arzt einnehmen.

Oseltamivir löst häufig Nebenwirkungen aus, vor allem Übelkeit und Erbrechen, Durchfall und Bauchschmerzen, Schwindel und Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit und Schlaflosigkeit. Bei manchen Menschen entwickelte sich eine Bronchitis, es entzündeten sich vereinzelt Stellen auf der Haut oder die Lymphknoten schwollen an. Wieder andere klagten über Ohrenschmerzen. Bei Kindern kann Oseltamivir unter anderem eine Mittelohr-, Nasennebenhöhlen- oder Lungenentzündung auslösen. Es kann zu Asthmaanfällen führen. Auch Bindehautentzündungen und Nasenbluten können auf das Mittel zurückzuführen sein.

Besonders bedenklich, wenn auch selten: Der Wirkstoff kann bei Jugendlichen möglicherweise Krampfanfälle und schwere psychische Störungen hervorrufen, etwa geistige Verwirrung, Angstzustände, Wahnvorstellungen bis hin zu Selbstmordgedanken. Daher sollte man bei Kindern und Jugendlichen unbedingt darauf achten, ob sich ihr Verhalten ändert.

Amantadin: kaum noch eingesetzt

Ursprünglich entwickelte die Pharmaindustrie Amantadin für Menschen, die unter Schüttellähmung (Parkinson) leiden. Der Wirkstoff lindert aber auch Grippebeschwerden. Denn er verhindert, dass die Viren in den Zellkern eindringen und sich in der Zelle vermehren.

Amantadin wirkt allerdings nur gegen einen Typ von Viren, die Influenza-A-Viren. Zudem gewöhnen sich die Erreger schnell an das Medikament und werden resistent gegen den Wirkstoff. Dieses Problem ist bei Amantadin ausgeprägter als bei Zanamivir oder Oseltamivir.

Amantadin sollte spätestens 48 Stunden nach Auftreten der ersten Symptome eingenommen werden. Alte und abwehrgeschwächte Menschen sollten es zur Vorbeugung nehmen, nachdem sie Kontakt mit einem Grippekranken hatten.

Der Wirkstoff verursacht häufig Nebenwirkungen, etwa Schlafstörungen, Nervosität, Schwindel, Wasseransammlungen in den Beinen, Hautveränderungen, Übelkeit, Mundtrockenheit, Blutdruckschwankungen. Deshalb verordnen Ärzte das Medikament heute eigentlich nicht mehr.

Menschen mit Herzerkrankungen, Herzrhythmus- und Nierenfunktionsstörungen sowie Kinder unter fünf Jahren dürfen Amantadin nicht nehmen. Schwangere, Stillende und Kinder über fünf Jahren sollten das Medikament nur nach Rücksprache mit dem Arzt einnehmen.

Wolfgang Schillings
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