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Hautirritationen: Vorsicht, Reizwäsche!

Viele Kleidungsstücke enthalten chemische Stoffe, die Hautreizungen auslösen oder sogar in den Körper gelangen und Krebs verursachen können - wer bewusst einkauft, verringert das Risiko für seine Gesundheit.

Von Regina Naumann

800 Farbstoffe nutzt die Textilindustrie. Einige können Allergien auslösen oder enthalten gar krebserregende Stoffe

800 Farbstoffe nutzt die Textilindustrie. Einige können Allergien auslösen oder enthalten gar krebserregende Stoffe

"100 Prozent Baumwolle" steht auf dem hübschen bunten T-Shirt. Das klingt gut, ist aber nicht unbedingt korrekt. Tatsächlich kann sich das damit gekennzeichnete Kleidungsstück wie folgt zusammensetzen: 75 Prozent Baumwolle, 14 Prozent Harnstoff-Formaldehydharz, 8 Prozent Farbstoffe, 2,7 Prozent Weichmacher, 0,3 Prozent optische Aufheller. Denn das Textilkennzeichnungsgesetz verlangt lediglich Angaben über die verwendeten Fasern. Hilfs- und Farbstoffe brauchen nicht deklariert zu werden.

Etwa 7000 unterschiedliche Chemikalien kommen in der Textilherstellung zum Einsatz: als Bleichmittel, Aufheller, Weichmacher, Farbstoffe, zur Veredelung. Sie geben Jacken wie Hosen schöne Farben, machen sie pflegeleicht, verhindern Filzen und Knittern. Ohne Chemie ist das nicht zu erreichen.

Chemietextilien auf Billiglohnländern

In den vergangenen Jahren hat die Textilindustrie sich auf einen verantwortungsvolleren Umgang mit Chemikalien eingestellt - auch, weil die Öffentlichkeit heute sensibler auf Schadstoffe in Kleidung reagiert. "Für viele bedenkliche Stoffgruppen gibt es Anwendungsbeschränkungen", sagt Dirk Bunke vom Öko-Institut in Freiburg. "Azofarbstoffe sind verboten. Die Diskussion um diese krebserregenden Farben ist eigentlich eine Schlacht von gestern."

Eigentlich. Denn in der Praxis sind Textilien nicht immer so sauber, wie das Gesetz es vorschreibt. 95 Prozent der hierzulande verkauften Kleidung werden mittlerweile in Billiglohnländern produziert. Viele der bei uns verbotenen Textilchemikalien sind dort noch in Gebrauch - und landen mit den T-Shirts und Jeans oft auch in unseren Läden. Immer wieder werden bei Stichproben bedenkliche Inhaltsstoffe gefunden - selbst in der Ware namhafter Firmen oder in Kleidungsstücken, bei denen besondere Vorsicht angebracht wäre, wie in Babytragetüchern oder Kinderschlafanzügen.

Je dunkler, desto weniger schweißecht

Etwa 800 verschiedene Farbstoffe nutzt die Textilindustrie. Viele davon sind Azofarbstoffe, von denen einige krebserregende aromatisierte Amine enthalten. Bis zu ein Prozent der Farbstoffe, die Kontakt mit der Haut haben, gelangen in den Körper. Hautbakterien spalten aus den Azofarben die Amine ab, die dann im Organismus Schaden anrichten können. Etliche Azofarbstoffe sind zudem Kontaktallergene, können also allergische Reaktionen auslösen. Besonders problematisch sind Polyamidfasern, weil Dispersionsfarben auf ihnen - anders als auf Polyester - nicht gut haften.

Auch die Farbtiefe ist ein Risikofaktor: Je dunkler, desto weniger schweißecht ist ein Kleidungsstück, die Farbe löst sich beim Schwitzen leichter heraus. Experten des Bundesinstituts für Risikobewertung vermuten, dass etwa ein Prozent aller neu auftretenden Sensibilisierungen durch Chemikalien in Textilien ausgelöst werden, zwei Drittel davon durch Dispersionsfarben, die Azofarbstoffe enthalten können.

Gefährliche Weichmacher in Kinderpyjamas

Bunte Aufdrucke auf T-Shirts, Sportanzügen oder Schlafanzügen bestehen meistens aus PVC, das mit Phthalaten weich gemacht wird. Phthalate können durch die Haut aufgenommen werden. Sie stehen im Verdacht, in den Hormonhaushalt des Menschen einzugreifen und unfruchtbar zu machen.

Vor allem bei Kleidungsstücken, die direkt auf der Haut getragen werden, ist Vorsicht geboten. In einigen bedruckten Kinderpyjamas etwa fand "Ökotest" eine bedenkliche Menge von Phthalaten - auch in teuren Markenmodellen.

Designerlabel schützen nicht vor Chemie

Nicht gefährlich sind nach aktuellem Wissensstand die derzeit branchenüblichen optischen Aufheller, die Textilien weiß strahlen lassen. Dafür werden heute Varianten des Kohlenwasserstoffs Stilben eingesetzt. Nach Einschätzung des Bundesinstituts für Risikobewertung sind sie weder allergisierend noch schädlich für das Erbgut.

Weder ein hoher Preis noch Designerlabel schützen Verbraucher vor gesundheitsgefährdenden Chemikalien. Textilprüfsiegel, die die Einhaltung bestimmter Grenzwerte von Chemikalien garantieren, versprechen Sicherheit. Fehlen diese, geben Etiketten und Pflegeanleitungen zumindest Anhaltspunkte auf Art und Ausmaß der chemischen Behandlung. Wir helfen Ihnen bei der Spurensuche - mit Informationen darüber, was Pflegehinweise und Werbung versprechen und was Textilprüfzeichen verraten.

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