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In Zeiten des Organspendeskandales: Das lange Warten auf ein Spenderherz

Michael Helfer hat den Tod vor Augen. Bekommt er kein neues Herz, stirbt er. Stern.de beschreibt der 63-Jährige, wie es sich mit dem Gedanken lebt: "Da muss einer sterben, damit es dir gut geht."

Etliche Patienten haben neue Organe bekommen, obwohl sie laut Warteliste noch gar nicht an der Reihe waren. Wie fühlen Sie sich dabei?

Wenn ich jetzt anfange, mir den Kopf darüber zu verbrechen, ob eines von diesen Organen für mich hätte sein könne, bringt mich das nicht weiter. Warum soll ich mich aufregen? Damit ändere ich doch nichts. An wem sollte ich meine Wut auch auslassen? Ich habe ein Ziel vor Augen - das hält mich hoch. Mein Ziel ist eine Herz- und Lebertransplantation. Ich bin auf neue Organe angewiesen.

Was passiert, wenn Sie nicht bald neue Organe bekommen?

Dann nähert sich mein Leben verhältnismäßig zügig dem Ende. Wie rasch es gehen wird, lässt sich bei meiner Krankheit nicht sagen. Ich habe eine Stoffwechselkrankheit, eine angeborene Amyloidose. Meine Leber produziert andauernd Proteine, die nicht richtig verarbeitet werden. Dadurch entstehen Faserbündel, die sich an den Organen festsetzen und deren Arbeit beeinträchtigen. Mein Herz ist davon mittlerweile sehr heftig betroffen. Deswegen muss es dringend ausgetauscht werden.

Welche Beschwerden haben Sie?
Wegen des kranken Herzens habe ich so starke Luftnot, dass ich nicht mehr arbeiten kann. Sogar die täglichen Einkäufe fallen mir schwer. Zuletzt, bevor ich in die Klinik kam, konnte ich keine drei Flaschen Wasser mehr nach Hause tragen. Treppen kann ich nur noch mit vielen Pausen steigen. Doch wenn diese Luftnot da ist, geht kein Schritt mehr! Inzwischen arbeiten auch meine Nieren durch das schwache Herz nicht mehr vollständig. Deshalb muss ich sehr viele Medikamente nehmen und bekomme täglich eine Nierenspülung, damit sich nicht zu viele Gifte in meinem Körper ansammeln.

Ihnen geht es körperlich sehr schlecht, und bei der Vergabe von Organen wird getrickst. Was sagen Sie dazu?
Wo kriminelle Energie im Einsatz ist, gibt es kein Halten. So ist unser tägliches Leben. Das ist überall das Gleiche. Jeder Mensch ist bezahlbar. Aber wenn es genug Organspenden gäbe, wären die Manipulationen bei der Vergabe vielleicht nicht passiert. Wenn mehr Leute spenden würden, gäbe es keine Basis für krumme Geschäfte.

Haben Sie noch Vertrauen zu Ihren Ärzten?
Ich habe zu der Ärzteschaft an der MHH volles Vertrauen. Wie sollte ich auch dahinterkommen, wenn hier jemand trickst? Ich habe doch gar keine Möglichkeit, in die Unterlagen Einblick zu nehmen. Jedenfalls weiß ich, dass es mir bei meiner Ankunft hier im Krankenhaus schlechter ging, weil ich nicht diese ständige Versorgung hatte.

Was entgegnen Sie Menschen, die wegen des Skandals Ihre Organe nicht mehr spenden wollen?
Jeder Mensch sollte sich fragen, ob er sich nicht auch schon mal eine Unregelmäßigkeit geleistet hat. Das soll den großen Umfang der Manipulationen in keiner Form entschuldigen. Doch wer sich eine Unregelmäßigkeit hat zu Schulden kommen lassen, hofft doch darauf, dass ihm hinterher wieder Vertrauen geschenkt wird. Menschen sollten ihre Organe spenden, weil sie damit helfen.

Wie gehen Sie damit um, dass ein Mensch sterben muss, damit Sie leben können?
Anfangs habe ich gedacht: Da muss einer sterben, damit es dir gut geht. Dann habe ich kapiert, dass der Mensch nicht für mich stirbt. Er ist ohnehin tot. Sonst würden seine Organe gar nicht zur Verfügung stehen. Nach einer dreimonatigen Gewöhnungsphase hat sich bei mir ein gewisses Selbstverständnis eingestellt.

Was werden Sie tun, wenn Sie ein neues Herz und eine Leber haben?
Erst einmal werde ich mich sehr freuen, wenn ich aus der Transplantation wieder aufwache. Dann wartet noch die halbe Welt auf mich. Mir ist im Krankenhaus bewusst geworden, dass ich Ostfriesland noch gar nicht kenne. Dänemark ist auch ein Ziel. Ich hatte größere Pläne, aber die Ärzte haben mich freundlich darauf hingewiesen, dass es immer zu einer Abstoßung der neuen Organe kommen kann. Und nicht überall ist die Versorgung so gut wie in Deutschland und den skandinavischen Ländern.

Martina Janning
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