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Engpässe in Krankenhäusern Intensivmediziner warnen vor vollen Stationen – sind für Notfälle dann noch Betten frei?

Ärztinnen, Ärzte und Pflegende arbeiten auf der Corona-Intensivstation der Charité am Bett einer jungen Patientin
Ärztinnen, Ärzte und Pflegende arbeiten auf der Corona-Intensivstation der Charité am Bett einer jungen Patientin
© Carl Gierstorfer / DPA
Seit dem 10. März ist die Zahl der Corona-Intensivpatienten um knapp 1000 gestiegen. Intensivmediziner warnen vor überfüllten Intensivstationen – die könnten nämlich Folgen für die normale Versorgung haben.

Angesichts stetig steigender Corona-Zahlen fordern Intensivmediziner einen harten Lockdown für zwei oder drei Wochen. Andernfalls drohe eine Überfüllung von Deutschlands Intensivstationen. "Seit Mitte März sind unterm Strich 1000 Intensivpatienten zusätzlich in den Krankenhäusern gelandet. Wenn sich diese Geschwindigkeit fortsetzt, sind wir in weniger als vier Wochen an der regulären Kapazitätsgrenze angelangt", sagte der wissenschaftliche Leiter des Divi-Intensivregisters, Christian Karagiannidis, der "Rheinischen Post" am Donnerstag.

Laut DIVI-Intensivregister gibt es deutschlandweit knapp 24.000 Intensivbetten. Etwas mehr als 20.000 sind derzeit belegt, 3720 davon mit Corona-Patienten (Stand 31. März). Am 10. März lag die Zahl der Covid-19-Intensivpatienten noch bei 2727, teilte die Vereinigung mit. "Diese Zahl wird die kommenden zweieinhalb Wochen weiter exponentiell wachsen, egal was wir jetzt tun", erklärte der medizinisch-wissenschaftliche Leiter des DIVI-Intensivregisters. Bei mehr als 5000 COVID-19-Patienten werde es wirklich langsam kritisch.

Alle Patienten konkurrieren um Intensivbetten

Doch nicht nur bei Ihnen: Auch für Patienten, die beispielsweise wegen eines Herzinfarktes oder einem Beinbruch ins Krankenhaus müssen, könnte es eng werden. "Alle Patienten, egal ob mit Covid oder ohne, konkurrieren um die Intensivbetten", sagt Divi-Sprecherin Nina Meckel auf Anfrage des stern. Notfälle würden in diesem Fall zwar weiterhin aufgenommen, allerdings werde in einer Notsituation entschieden, wer den freien Intensivplatz bekomme. "Das hängt von der Ausgangssituation ab, also davon, in welcher Verfassung sich die Patienten befinden." Von einer Triage könne derzeit aber noch nicht gesprochen werden.

Um solch einer Notsituation entgegenzuwirken, sei es möglich, die Regelversorgung herunterzufahren, heißt es etwa von der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). Dieser Notbetrieb, wie er während der ersten Welle im vergangenen Frühjahr geführt wurde, gehe allerdings zu Lasten der Patienten, allen voran von Herz- und Krebspatienten, sagt Meckel.

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Um derartige Szenarien zu verhindern, müsse jetzt gehandelt werden. Karagiannidis, der auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) ist, sagte: "Wir malen keine Schreckensbilder, unsere Warnungen sind von den Zahlen gedeckt. Es braucht jetzt dringend einen harten Lockdown für zwei Wochen, verpflichtende Tests an Schulen zweimal in der Woche und deutlich mehr Tempo bei den Impfungen in den Zentren und Arztpraxen."

Die Politik muss den Ernst der Lage angemessen kommunizieren

Der neue Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gerald Gaß, kritisierte in der "Rheinischen Post" solche Warnungen: "Ich bin auch davon überzeugt, dass die Schreckensszenarien, die aus dem Bereich der Intensivmedizin seit Tagen verbreitet werden, weder in der Politik noch in der Bevölkerung zu den damit wahrscheinlich beabsichtigten Reaktionen führen werden."

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Auf die Kommunikation im Allgemeinen bezogen sagte Gaß: "Die derzeitige politische Kommunikation sorgt weder für Glaubwürdigkeit noch für Vertrauen in der Öffentlichkeit. Wenn der eine Ministerpräsident vor Inzidenzraten von 700 warnt und der andere sein gesamtes Bundesland zum Modellversuch erklärt, ist das aus meiner Sicht das genaue Gegenteil dessen, was die Bürgerinnen und Bürger von der Politik erwarten dürfen."

cl/DPA

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