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Neue Corona-Kriterien Inzidenz verliert an Bedeutung? Was das nun für unseren Blick auf die Pandemie heißt

"Corona"-Schriftzug über Container
Welchen Weg wir durch die Pandemie einschlagen, ist keine politische Entscheidung, sondern eine ethische (Symbolbild)
© Moritz Frankenberg / DPA
Berichten zufolge will das RKI Corona-Kriterien neu gewichten und vermehrt auf die Anzahl der Menschen im Krankenhaus schauen. Dabei ging es schon immer um viele Faktoren – und vor allem um Dinge, die nicht messbar sind.

Er sei froh, dass es Schritte hin zu einer anderen Corona-Strategie gebe, so der FDP-Vorsitzende Christian Lindner gegenüber der "Augsburger Allgemeinen": "Die Zahlen sprechen dafür, dass wir den Status der Beherrschbarkeit erreicht haben." Tatsächlich kann dieser Eindruck entstehen, wenn die bundesweiten wie regionalen Inzidenzen im Wochendurchschnitt unter zehn Fällen pro 100.000 Einwohnern oder wenigstens nicht deutlich darüber liegen. Allerdings stammt das Zitat von Christian Lindner aus dem Mai vergangenen Jahres und nicht aus diesen Tagen, da die Frage nach dem "Wie weiter?" wieder akut geworden ist.

Wie wenig wir den "Status der Beherrschbarkeit" erreicht hatten, als nicht nur Lindner bereits hoffnungsfroh davon ausging, sollte heute allen klar sein, die nach der zweiten auch die dritte Infektionswelle hinter sich gebracht haben und die sich womöglich schon sorgen, es könnte im Herbst eine vierte folgen. Der momentane Eindruck vom Infektionsgeschehen kann jedenfalls zu einem komplett falschen Urteil führen, wenn die Kriterien nicht stimmen. Aber welche sollten es denn sein? Nach welchen Parametern sollten sich die richten, die politische Entscheidungen treffen, rechtliche Regeln vorgeben und uns damit sagen, wie wir uns wo und wann zu verhalten haben, damit der Schaden durch das Corona-Virus möglichst gering bleibt?

Die Moral der Pandemie

Ob Inzidenzen, R-Werte, Positivraten der Corona-Tests oder die Belegungszahlen des Registers der Intensivmedizin – alle diese Zahlen sind für sich genommen nicht geeignet, unseren Weg durch die Pandemie vorzuzeichnen. Denn wo der lang führt, ist keine medizinische oder epidemiologische, ja nicht einmal zuerst eine politische Entscheidung, sondern eine ethische. Was wir wollen, welches Ziel wir uns setzen und welchen Weg wir einschlagen wollen, um dieses Ziel zu erreichen, ist zu allererst eine Frage der Moral. Dass dieses Virus einen beträchtlichen Schaden anrichtet, ist wohl unbestritten, solange wir nicht ins Detail gehen. Nicht ganz so schnell einig aber dürften wir uns bei der Antwort auf die Frage sein, wer diese Lasten denn tragen soll und welche.

Als Impfungen noch Monate, wenn nicht Jahre in der Zukunft lagen, Medikamente versagten oder schlicht nicht vorhanden waren, als selbst auf den Intensivstationen noch die Erfahrung fehlte, wie man dieser gänzlich neuen Infektionskrankheit begegnen kann, war die Frage nach dem Schaden so einfach wie brutal: Wieviel Sterben ist unvermeidbar? Wo die Mittel nicht mehr reichten, kam die "Triage" in die Diskussion, die Zuteilung begrenzter medizinischer Ressourcen nur noch an jene Kranken, bei denen noch die größte Hoffnung auf Erfolg, auf Rettung besteht. Schnell war allerdings klar, dass Covid-19 die da noch ungeschützten Alten und sehr Alten besonders hart traf. Mit den Lebensjahren wächst die Gefahr exponentiell, durch Sars-CoV-2 schwer oder gar lebensbedrohlich zu erkranken, falls nicht schon eine Immunität besteht. Doch die gab es nicht. Und so wurde für Deutschland schon früh in dieser Pandemie entschieden, der Rettung von möglichst vielen Menschenleben den Vorrang vor allen anderen Schadensbegrenzungen zu geben.

Nicht Medizinerinnen und Mediziner wie Lothar Wieler vom Robert Koch-Institut haben das entschieden, nicht Virologen wie Christian Drosten, nicht Epidemiologinnen und Modellrechnerinnen wie Viola Priesemann. Entschieden haben das die, denen das Entscheiden in unserer demokratisch verfassten Gesellschaft zukommt – und die sich mindestens bei den jeweils nächsten Wahlen dafür verantworten müssen. Kriterien für solche Entscheidungen zu bestimmen und dann auch auszuwählen ist allerdings keine Lappalie. Nicht wissenschaftlich, nicht ethisch, nicht politisch. Kein noch so forscher Auftritt in einer Talkshow und keine noch so fette Schlagzeile kann daran etwas ändern. Gesellschaftliches Handeln ist immer komplex. Um so mehr aber im Fall einer zuvor unbekannten existenziellen Bedrohung, für deren Abwendung es keinen fertigen Plan gibt, nicht geben kann.

Was heißt das für diesen Sommer?

Die erste, nur scheinbar banale Antwort: Dass dieser Sommer allenfalls vom Gefühl her wie der vergangene ist. Die Infektionslage jedenfalls ist eine komplett andere, obwohl die Zahl der Neuinfektionen in etwa wieder da liegt, wo sie vor zwölf Monaten auch war: deutlich unter 10, wenn man die 7-Tage-Inzidenz zugrunde legt. Damals aber gab es so gut wie keine Schnelltests. Als Maske nutzten viele – wenn überhaupt – "Mund-Nasen-Bedeckungen" aus Stoff oder Plastik. Und was das Impfen anging, so gab es zwar Hoffnungen und auch schon groß angelegte Studien für diverse Vakzine, aber noch keine sicheren Ergebnisse. Alles das ist heute anders. Vor allem das Impfen gegen Covid-19 ist zumindest in den wohlhabenden Teilen der Erde massiv vorangekommen und hat die Gefahrenlage für viele erheblich vermindert. Daran ändern zumindest derzeit auch neue Mutanten des Virus nichts. Vollständige Impfungen schützen gegen alle Varianten vor schweren oder gar tödlichen Erkrankungen. Und auch der Schutz durch medizinische Masken ist verlässlich – ob gegen Alpha, Gamma, Delta, Lambda oder was noch immer kommen mag. Tragen muss man sie halt.

Wenn also die Alten und durch Vorerkrankungen besonders Gefährdeten zu großen Teilen schon geschützt sind und jüngere und ganz junge Menschen, Kinder, selbst im Fall einer durch Test bestätigten Infektion nur sehr selten schwer erkranken, kann die Inzidenz dann noch das Kriterium für jenen Weg sein, auf dem wir durch die Pandemie steuern? Knappe Antwort: Sie war es nie. Nicht einmal zu Zeiten der "Bundesnotbremse" hat allein diese Zahl die Realität unseres Alltags bestimmt. Regionale Unterschiede, auch solche auf Länderebene gab es immer. Unterschiedliche Interpretationen von ein und derselben Zahl auch. So wurde ja die "Bundesnotbremse" überhaupt nur eingeführt, weil die Zahl der Intensivpatienten überhand zu nehmen drohte. Und am Anfang der Pandemie war mindestens so oft wie von der Inzidenz vom "R-Wert", also von der Reproduktionszahl die Rede. Die gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter durchschnittlich ansteckt. Und auch in dieser Zahl steckt wieder ein ganzer Strauß von Parametern, die Eigenschaften des Virus selbst ebenso beschreiben wie die Wirksamkeit bestimmter Gegenmaßnahmen von Masken im Alltag über Kontaktbeschränkungen wie Teststrategien.

England als Vorbild?

Und doch ist die Inzidenz auch heute nicht bedeutungslos. Denn sie ist ein Maß für die Gesamtzahl der Ansteckungen und darüber, wie sich das Infektionsgeschehen entwickelt. England macht gerade vor, wie man damit umgehen kann: Trotz rasant steigender Fälle soll am 19. Juli der "Freedom Day" gefeiert werden, der Tag der Befreiung von so gut wie allen Corona-Beschränkungen. Das muntere Treiben rund um die Europameisterschaft im Fußball zeigte, was das vermutlich bedeutet. Befürworter der Öffnungen wie Premier Boris Johnson verweisen auf die trotz steil steigender Fallkurve niedrigen Kranken- und Todeszahlen. Man müsse eben lernen, mit dem Virus zu leben, heißt es. Und für viele – auch bei uns – bedeutet das den Abschied von der Inzidenz. Die Zahl der Kranken, die Belegungen der Intensivstationen und Beatmungsgeräte sei jetzt das Maß der Dinge.

Von Mitte Mai bis Mitte Juli verzehnfachte sich die 7-Tage-Inzidenz im Vereinigten Königreich von gut 30 auf etwa 320. Die Zahl der Intensivpatienten mit Covid-19 verdreifachte sich in diesem Zeitraum, die Zahl der täglichen Covid-Sterbefälle ebenfalls. Derzeit sind das etwa 30 zusätzliche Tote pro Tag. Ist das viel? Wird die Zahl steigen, wenn auch die Inzidenzen weiter anwachsen? Wie hoch darf sie steigen? Und wie viele Kinder werden womöglich an Spätfolgen einer zunächst ganz unauffälligen Infektion leiden, auch an "Long Covid"?

Die Medizin kann etwas darüber sagen, wie die eine Zahl mit der anderen zusammenhängt. Sie kann auch etwas darüber sagen, wie wahrscheinlich es ist, dass jede und jeder von uns, dass unsere Kinder oder Eltern erkranken und welche medizinischen oder auch wirtschaftlichen Folgen das in der Gesamtschau haben würde. Aber ob dann eine Inzidenz, eine Kranken- oder Sterbezahl "hoch" ist "vertretbar" oder doch "zu hoch", und wer in dieser Pandemie künftig welche Last tragen und wer welche Opfer bringen muss, das alles kann nicht wissenschaftlich in Kliniken oder Universitäten entschieden werden, kann nicht mit Computermodellen errechnet werden, egal welche Parameter das Fundament bilden. Für solche Entscheidungen gibt es nur eine Instanz: die Moral, das Gewissen.

les

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