HOME

"Frontal 21" deckt auf: Getarnt als "Fußballsocke": Wie die Partydroge Ketamin aus China nach Deutschland gelangt

In Berlin ist Ketamin eine beliebte Partydroge. Die Nachfrage steigt. Doch woher stammt das Betäubungsmittel? Recherchen von "Frontal 21" zeigen, wie leicht es ist, die Droge aus China über Europas Grenzen zu schmuggeln. Im Labor gibt es eine weitere, beunruhigende Entdeckung.

Ketamin vor einem dunklen Hintergrund

Ketamin ist ein potentes Betäubungsmittel, gedacht für den Einsatz bei Pferden oder in der Notfallmedizin. Eigentlich. Doch in Berlin mutiert das verschreibungspflichtige Medikament zu einer beliebten Partydroge. "Wir sehen eine Zunahme von Ketamin in der Berliner Partyszene", sagt Felix Betzler von der Arbeitsgemeinschaft "Psychotrope Substanzen" an der Berliner Charité zu "Frontal 21". In den letzten Jahren habe sich die Verbreitung von Ketamin verdreifacht. In einer Umfrage gab rund jeder dritte Clubbesucher an, mindestens einmal im Befragungsmonat Ketamin konsumiert zu haben.

Das weiße, geruchlose Pulver wird meist über die Nase geschnupft. Ketamin, oder auch nur "K", kann zu Halluzinationen führen. Geschmack und Geruch sind ausgeschaltet, einige User glauben zu schweben. Ein Ketamin-Trip birgt große Risiken: Das Betäubungsmittel ist schwer zu dosieren. Schon eine scheinbar geringe Menge kann zu einer Überdosierung führen.

Das ZDF-Magazin "Frontal 21" hat sich auf Spurensuche begeben: Wie gelangt das Ketamin nach Deutschland? Und können User wirklich wissen, was sie da zu sich nehmen?

Von einem ehemaligen Dealer bekommen die Redakteure einen Tipp: Er gibt an, jahrelang Ketamin online in China bestellt zu haben. Über Mallorca habe er das Betäubungsmittel im Anschluss in den Schengenraum nach Deutschland eingeführt. Der Umweg über Mallorca sei nötig gewesen, da die dortigen Zollkontrollen nachlässiger seien, behauptet der Informant.

"Frontal 21" sucht nach entsprechenden Ketamin-Angeboten aus China im Netz - und wird fündig. Die Redakteure bestellen Probemengen bei vier verschiedenen Händlern. Das Gramm kostet rund 5,20 Euro. Auf der Straße wird "K" für rund 40 Euro pro Gramm gehandelt. Als Adresse geben sie wie vom Insider empfohlen einen mallorquinischen Briefkasten an - und warten.

Zoll verweist auf stichprobenartige Kontrollen

Tatsächlich kommen die Päckchen drei Wochen später an, sie wurden nicht vom Zoll beschlagnahmt. Getarnt sind sie als "Fußballsocken" und "Schönheitsprodukt". "Frontal 21" schickt die Umschläge mit dem brisanten Inhalt weiter per Post an das Hauptstadtstudio in Berlin. Auch dort kommen die Sendungen an. Wie kann das sein?

Auf Anfrage erklärt die Zoll-Fahndung in Frankfurt am Main, dass Warensendungen aus anderen Mitgliedsstaaten der EU "stichprobenartig kontrolliert" werden. Von 1000 Warensendungen werden etwa 20 bis 30 geprüft. Anders sei das auch nicht machbar, erklärt ein Pressesprecher.

Im Anschluss lässt "Frontal 21" das weiße Pulver im Labor untersuchen - mit überraschendem Ergebnis. In keiner der vier Proben steckt pures, reines Ketamin, wie vom Hersteller versprochen. In einem Päckchen finden die Prüfer eine Substanz, die nicht zugeordnet werden kann. In den drei anderen Fällen handelt es sich um 2-Flur-Deschloroketamin. Eine chemische Nachbildung mit verändertem Molekül, die um ein Vielfaches potenter sei als das Original. 

Drugchecking könnte vor kritischen Substanzen warnen

Unklar ist, ob die risikoreiche Substanz tatsächlich auch in Berliner Nachtclubs im Umlauf ist. Die Recherchen zeigen jedoch: Wer Ketamin konsumiert, setzt sich einem potenziell "unkalkulierbaren Rausch" aus. Eine Möglichkeit, das zu ändern, wäre Drugchecking. Dabei werden Drogen mithilfe mobiler Schnelltests noch im Club geprüft und die Konsumenten über die Inhaltsstoffe aufgeklärt. Auf potente und gepanschte Substanzen kann so aufmerksam gemacht werden. Gleichzeitig setzen sich User kritisch mit ihrem Konsum auseinander, was zur Konsumreduktion beitragen kann.

In vielen EU-Ländern wird Drugchecking praktiziert, in Deutschland dagegen nicht. Zwar gab es das Verfahren hierzulande schon einmal in den Neunzigern. Doch dann wurde es eingestellt. Derjenige, der Proben zum Prüfen annimmt, macht sich strafbar. Das Bundesland Berlin prüft laut "Frontal 21" derzeit, ob das Verfahren wieder eingeführt werden kann.

Mehr zum Thema sehen Sie heute Abend um 21 Uhr im ZDF bei "Frontal 21"

ikr

Wissenscommunity