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Fragen und Antworten

"Enormes Pandemie-Risiko": "Lockdown" im Kreis Gütersloh: Das kommt jetzt auf die Bevölkerung zu

Die Menschen im Kreis Gütersloh müssen nach dem Coronavirus-Ausbruch in einem Tönnies-Schlachthof wieder massive Einschränkungen des öffentlichen Lebens hinnehmen – das sind die neuen Regeln für die Region.

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet

Erstmals seit Beginn der Coronakrise wird ein einzelner Landkreis in der Bundesrepublik wieder in einen sogenannten Lockdown zurückversetzt. Im Kreis Gütersloh in Ostwestfalen treten ab sofort umfangreiche Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Kraft. Das gab Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) auf einer Pressekonferenz bekannt.

Der stern fasst die Aussagen Laschets zusammen und beantwortet die wichtigsten Fragen zum "Lockdown".

Warum gibt es einen neuen "Lockdown"?

Laschet sprach von dem "bisher größten einzelnen Infektionsgeschehen in Nordrhein-Westfalen und Deutschland" in der Region. Hintergrund ist der massenhafte Ausbruch des Coronavirus in der Belegschaft des Tönnies-Schlachthofes in Rheda-Wiedenbrück.

Polizei wegen Coronavirus-Ausbruch im Kreis Gütersloh

Mehrere Hundertschaften der Polizei sind nach Angaben von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet im Kreis Gütersloh vor Ort, um die erneuten Beschränkungen des öffentlichen Lebens nach dem Coronavirus-Ausbruch in einem Tönnies-Schlachthof durchzusetzen

Getty Images

Nach Angaben des Ministerpräsidenten wurden in dem Zusammenhang 6140 Menschen auf eine Infektion getestet, bei 1553 sei der Test positiv ausgefallen, hinzu kämen einige im familiären Umfeld der Tönnies-Mitarbeiter. Ohne die Beschäftigten des Schlachthofes liege die Zahl der Infizierten im Kreis Gütersloh bei 24.

Zwar handele es sich damit um ein lokal auf die Fleischfabrik eingrenzbares Infektionsgeschehen, erklärte Laschet, dennoch habe sich die Landesregierung zum Handeln gezwungen gesehen, denn es herrsche ein "enormes Pandemie-Risiko" – begünstigt durch die "Internationalität" der Tönnies-Belegschaft und die Streuung der Wohnorte der betroffenen Menschen.

Was ist das Ziel des Lockdown?

Es gehe darum, das Infektionsgeschehen in der Region "unter Kontrolle zu bringen", so Laschet. Die Situation im Kreis solle beruhigt werden, bei gleichzeitiger Ausweitung der Tests in der Bevölkerung.

Wie laufen die Coronavirus-Tests in der Region ab?

Die Testungen der Tönnies-Mitarbeiter und deren Angehöriger seien bereits am Wochenende abgeschlossen worden. "Wir haben seit Sonntag ein komplettes Lagebild", so Laschet mit Blick auf den Schlachthof. Nun gehe es darum, festzustellen, "ob über die Mitarbeiter von Tönnies hinaus in der Bevölkerung der Virus bereits verbreitet ist oder nicht", sagte der Ministerpräsident. "Das kann zur Minute niemand sagen."

Die Coronavirus-Tests werden Laschet zufolge deutlich ausgeweitet: Alle Bewohner von Alten- und Pflegeheimen im Kreis Gütersloh sollen in den kommenden Tagen getestet werden. Dies gelte auch für alle Mitarbeiter der Fleischindustrie in ganz NRW. Darüber hinaus haben "alle Bürgerinnen und Bürger des Kreises die Möglichkeit, sich freiwillig und kostenlos testen zu lassen". Es werde überdies eine repräsentative Testung der Bevölkerung vorgenommen, "um ein reales Lagebild zu bekommen", führte Laschet aus.

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Welche Regeln gelten nun im Kreis Gütersloh?

Die erste Stufe des Lockdowns sei bereits am 17. Juni in Kraft gesetzt worden, als die Schließung von Kitas und Schulen für 50.000 Kinder und Jugendliche angeordnet wurde.

Im Wesentlichen sollen nun weitere Maßnahmen greifen, die bereits aus dem März bekannt sind, kündigte Laschet an und nannte die zentralen Punkte:

  • Kontaktbeschränkungen: Der gemeinsame Aufenthalt im öffentlichen Raum ist fortan nur für im selben "Familien- oder Haushaltsverbund" lebende Menschen oder für zwei Personen aus unterschiedlichen Haushalten erlaubt.
  • Freizeitaktivitäten in geschlossenen Räumen werden verboten, sofern keine sogenannte Maskenpflicht besteht.
  • Konzerte und Aufführungen dürfen im Kreis Gütersloh nicht stattfinden. Kinos, Museen, Ausstellungen, Galerien, Schlösser, Burgen, Gedenkstätten müssen schließen.
  • Sport in geschlossenen Räumen und der Betrieb von Fitnessstudios werden untersagt. Gleiches gilt für Indoor-Spielplätze, Wellness-Einrichtungen und Saunen.
  • Bars müssen schließen, "gastwirtschaftlicher Thekenbetrieb" ist verboten. Restaurants und Speisegaststätten dürfen nur von Personen eines Hausstands aufgesucht werden.
  • Reisebusfahrten sind verboten, "Stadtrand- und Ferienfreizeiten" müssen genehmigt werden.

Die Polizei sei mit mehreren Hundertschaften im Kreis Gütersloh vor Ort, um die Regeln durchzusetzen und bei den Testungen zu helfen, hieß es auf der Pressekonferenz.

Wie wird die medizinische Versorgung gesichert?

"Wir werden Plätze freihalten, auch in benachbarten Kreisen", versprach Laschet, falls es eine erhöhte Anzahl von Menschen gibt, die im Krankenhaus oder gar intensivmedizinisch behandelt werden müssen. Grund zur Besorgnis bestehe nicht.

Sind weitere Regionen betroffen?

Laschet zufolge sind auch zahlreiche Tönnies-Mitarbeiter im benachbarten Kreis Warendorf infiziert. Dort sei der Grenzwert von 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen überschritten worden. Daher sollen auch dort örtlich die Regeln verschärft werden, insbesondere in den Gemeinden Oelde, Beckum und Wadersloh. Details dazu sollen am Dienstagnachmittag bekannt gegeben werden. Die Landesregierung NRW stehe außerdem im Austausch mit jener des benachbarten Niedersachsen. Ein "Lockdown" dort sei bisher nicht nötig, so Laschet.

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Wie lange gilt der "Lockdown"?

Bisher sehen die Pläne der Landesregierung vor, die neuen Regeln für sieben Tage, also bis zum 30. Juni, gelten zu lassen. "Wir können dann klarer sehen, wie die Faktenlage ist. Deshalb wollen wir diesen Ruhezustand herbeiführen", erklärte Laschet. Er versprach: "Wir werden die Maßnahmen so schnell wie möglich wieder zurücknehmen, wenn wir Sicherheit über das Infektionsgeschehen haben." Es handele sich um eine "prophylaktische Maßnahme." Gleichwohl könne der "Lockdown" auch verlängert werden oder die Landesregierung noch zu schärferen Maßnahmen greifen. "Wir müssen die Lage weiter beobachten." Sollte sich keine signifikante Ausbreitung des Coronavirus auf die Bevölkerung, die nicht bei Tönnies beschäftigt ist, feststellen lassen, sei ein Ende des "Lockdowns" möglich.

Wie sieht es mit Reisen aus?

Es gelten Laschet zufolge keine Reisebeschränkungen mit Blick auf die am Wochenende beginnenden Sommerferien in NRW. Wer in den Kreis Gütersloh einreist, müsse die nun dort geltenden Regeln beachten. Wer aus dem Kreis herausreist, müsse sich an die Regeln am Zielort halten. Es gebe "überhaupt keinen Anlass", Reisende aus dem Kreis Gütersloh abzuweisen. Die Bevölkerung des Kreises dürfe nicht stigmatisiert werden. Gleichwohl appellierte der Ministerpräsident an die Menschen, den Kreis Gütersloh möglichst nicht zu verlassen – präziser wurde Laschet zum Thema Reisen nicht.

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