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Langzeit-Reha für Asthma-Kinder: Luft holen und durchstarten

Wenn die Asthmaanfälle bei Kindern immer häufiger und schwerer werden, geht das auf Kosten der Schule und belastet die ganze Familie. Im südöstlichsten Winkel Deutschlands steht ein Rehabilitationszentrum für Fälle, in denen sonst nichts mehr geht.

Von Erich Lederer

Früher musste Stefanie häufig zu Hause bleiben und konnte nicht zur Schule gehen. Für ihre Eltern war es überhaupt fraglich, ob sie die Hauptschule schafft. Jetzt ist Stefanie schon so weit, dass ihr gute Chancen auf einen Wechsel ins Gymnasium eingeräumt werden. Früher, das war als Stefanie häufig unter Atemnot litt, die manchmal auch nicht mit Medikamenten sofort zu bekämpfen war. Früher, das war als Lungenentzündungen dazu kamen und sie den Lernstoff in der Schule einfach nicht mehr aufholen konnte.

Seit einem Jahr lebt Stefanie im CJD Asthmazentrum Berchtesgaden. Auf rund 1000 Metern über dem Meeresspiegel gegenüber von Watzmann und Königssee liegt das einzige Behandlungszentrum für erkrankte Kinder in Deutschland, das eine langfristige Betreuung von Kindern mit Krankheiten von Lunge und Atemwegen ermöglicht. Dieses Jahr feiert die Einrichtung des Christlichen Jugenddorfwerk Deutschlands (CJD) ihr 20-jähriges Bestehen. Begonnen hatte alles auf Anregung einer Hamburger Elterninitiative. Sie wollte für die Kinder eine längerfristige Behandlung ihres Asthmas, ohne dass die Schule dabei zu kurz käme. Im Jahr 1987 entstand schließlich ein Zentrum mit 120 Plätzen, das sich an Vorbildern in Frankreich, Norwegen oder den USA orientierte.

Mit kalkuliertem Risiko zum Traumberuf

"Zur Zeit haben wir Plätze für 228 Kinder" erzählt der Leiter des Asthmazentrums, Dr. Josef Lecheler. "In den schulischen Bereich entfallen davon etwa 160, in den beruflichen etwas über 60". In der Regel dauert ein Aufenthalt für einen jungen Asthmatiker in Berchtesgaden zwischen einigen Wochen und einem Jahr. Für die Ausbildung sorgen dabei eine Grund- und Hauptschule, zur Realschule und dem Gymnasium ist es auch nicht weit. Allerdings stehen auf der "Buchenhöhe" nicht nur Englisch oder Mathematik auf dem Stundenplan, sondern auch Kenntnisse über Asthmaauslöser, Medikamente oder Inhalationstechniken. Vor allem aber die Erziehung zur Selbständigkeit und Belastbarkeit.

Das gilt nicht nur für den Körper, sondern auch für die Seele. Und so arbeiten am Zentrum Ärzte, Physiotherapeuten und Psychologen Hand in Hand. Denn nicht selten kommen die Kinder und Jugendlichen in das Zentrum am Obersalzberg, weil die Situation zuhause einfach zu schwierig geworden ist. Für Notfälle, aber auch schwer erkrankte Jugendliche sorgt auf dem Gelände eine eigene Fachklinik. Fehlzeiten in der Schule werden dann durch einen Unterricht am Krankenbett wieder aufgeholt.

"Wir betreuen Kinder von sechs Jahren bis zum jungen Erwachsenen, der Durchschnitt liegt in etwa zwischen zwölf und dreizehn." erzählt Josef Lecheler. In den nächsten Jahren steht damit für die meisten Schüler eine der wichtigsten Entscheidungen ihres Lebens an, die Wahl des richtigen Berufs. Nicht immer lässt sich dabei der Traumberuf mit dem Risiko von Asthmaattacken vereinbaren. Oft stellt sich dabei das Arbeitsamt quer und rät dem Jungen zu einem Arbeitsplatz im Büro anstatt der erhofften Lehre als Kfz-Mechaniker. Gerade hier sieht das Asthmazentrum einen Schwerpunkt seiner Aktivitäten. Denn: "Wenn er nicht raucht, seine Medikamente regelmäßig nimmt und verständig ist, kann diese Ausbildung zwar ein Risiko für ihn sein, jedoch ein kalkulierbares", so der medizinische Direktor des Zentrums.

Vor Ort können Jugendliche ihren Beruf in verschiedenen Sparten wie dem Metallhandwerk, im kaufmännischen Bereich oder in der Gastronomie für ein paar Wochen erproben. Das spart nicht selten einiges an Frust und Geld. Wenn aber das schwere Asthma eine Berufsausbildung nur mit begleitender Therapie möglich macht, gibt es in Berchtesgaden auch entsprechende Ausbildungsplätze für gut ein Dutzend Berufe.

Dass das alles finanziert werden kann, verdankt das Asthmazentrum einer engen Zusammenarbeit zwischen Arbeitsagenturen, Jugend- und Sozialämtern, Krankenkassen und Ärzten. Dabei erprobt das Zentrum ein neuartiges Versorgungskonzept, die "integrierte Versorgung". Arztpraxen und Rehazentrum können seit 2004 mit den Krankenkassen entsprechende Verträge aushandeln. Alle Beteiligten sind dabei eng vernetzt und tauschen Informationen über die Behandlung aus.

Asthma bei Kindern: Tendenz steigend

Neben Berchtesgaden, das sich auf eine Langzeit-Therapie besonders problematischer Fälle spezialisiert hat, gibt es in Deutschland "etwa sieben oder acht solcher Behandlungszentren", sagt Lecheler, der auch Vorstand der Bundesarbeitsgemeinschaft medizinisch-beruflicher Rehabilitationseinrichtungen ist. Einige davon liegen an der Nordsee, wie auf Amrum oder Sylt, andere in Gebirgslagen wie in Wangen im Allgäu oder auch Davos in der Schweiz, das auch von vielen deutschen Kindern belegt wird. Dass solche Versorgungseinrichtungen immer wichtiger werden, zeigt die Statistik: Rund zehn Prozent aller Kinder leiden an Bronchialasthma. Zwar geht die Zahl der schweren Fälle zurück, die der leichteren nimmt jedes Jahr zu. Asthma ist die häufigste Ursache, warum Kinder in der Schule fehlen.

Zentren wie das in Berchtesgaden ermöglichen sogar scheinbar hoffnungslosen Fällen wieder neue Chancen auf ein Leben mit Asthma, das beruflich erfolgreich und glücklich verläuft. Und damit der Erfolg der Rehabilitation möglichst lange anhält, haben die Spezialisten vom Obersalzberg ein Online-Nachschulungsprogramm für Kinder entwickelt. Eine vorherige Basisschulung und eine Überweisung des Arztes öffnen das Programm für junge Asthmatiker. Das "my-Air.tv"-Zertifikat gibt es aber nur dann, wenn Quizfragen richtig beantwortet und das Protokoll mit den Peak-flow-Werten sorgfältig ausgefüllt wurde. Damit Jugendlichen wie Stefanie auch nach der Rehabilitation die Luft nicht so schnell ausgeht.

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