HOME
TV-Kritik

"Maischberger" über Alkohol: Nina Bott über alkoholkranke Mutter: "Die Hüfte gebrochen, das Gesicht zerschmettert"

Für die einen ist Alkohol ein Genussmittel. Harmlos und lecker. Für die anderen ist es ein Teufelszeug. Weil sie selbst süchtig sind oder ihre Angehörigen. Wie lassen sich diese Widersprüche vereinen? Gar nicht, stellte sich gestern Abend bei "Maischberger" heraus.

Sprach bei "Maischberger" über das Leben mit einer alkoholkranken Mutter: Schauspielerin Nina Bott

Sprach bei "Maischberger" über das Leben mit einer alkoholkranken Mutter: Schauspielerin Nina Bott

Es ist eine Wahrheit, die vielen Menschen so gar nicht schmeckt: ist ein Zellengift. Es macht krank, süchtig und verkürzt das Leben. Lange Zeit hielt sich der Glaube, ein Glas Wein am Abend sei gesund. Doch Forscher sind gerade dabei, auch diesen Mythos zu widerlegen. Vor wenigen Tagen sorgte eine Studie eines internationalen Forscherteams für Schlagzeilen. Die Wissenschaftler sichteten Daten zu dem Thema und kamen zu dem Schluss: Höchstens fünf Flaschen Bier oder fünfeinhalb Gläser Wein dürfen es in der Woche sein, um risikoarm zu trinken. Das bedeutet: In vielen Ländern – auch in Deutschland – müssten die Richtwerte für risikoarmen Konsum heruntergesetzt werden. Deutlich.


Alkohol – und vor allem die Gefahren, die von ihm ausgehen – war gestern das Thema der Talkrunde bei "Maischberger". Die Runde war klug besetzt. Es kamen nicht etwa Politiker und Meinungsbildner zu Wort, sondern Menschen, die direkt oder indirekt von den Folgen eines ausufernden Alkoholkonsums betroffen sind: Mit Ex-Fußballprofi Uli Borowka und Politikwissenschaftler Henning Hirsch saßen zwei ehemalige Alkoholiker im Studio. Seniorin Monika Schneider berichtete aus dem Alltag eines Altenheims, in dem sie als Süchtige lebt. Außerdem zu Gast: Schauspielerin , deren verstorbene Mutter schwer alkoholkrank war. 

Für fachliche Einordnung sorgte der Alkoholforscher und Mediziner Helmut Seitz. Und dann war da noch Bernhard Sitter, seines Zeichens Brauereibesitzer, der die Meinung vertrat, Alkohol in Maßen sei vollkommen in Ordnung - und Bier an sich sogar gesund. Allein: Als sich erkundigte, wie er zu dieser Erkenntnis gelangt sei, wusste der Gastronom keine Antwort. Und schob den Satz hinterher, "zwei 0,3 Gläser" Bier zum Essen seien ja vertretbar. (Einwurf von Alkoholforscher Seitz: Die Menge ist tatsächlich vertretbar. Nur eben an einem Tag in der Woche getrunken - nicht jeden Tag.)

Nina Bott bei "Maischberger": "Der Körper ist an dem Alkohol zerbrochen"

Fragen rund um zulässige Höchstmengen interessieren Nina Bott nicht. Sie habe aufgrund ihrer Erfahrungen mit einer alkoholkranken ein "totales Desinteresse" gegenüber Alkohol entwickelt. Sie selbst trinke so gut wie gar nichts. Im Alter von zehn Jahren habe sie gemerkt, dass ihre Mutter trank. "Ständig hatte sie etwas: die Hüfte gebrochen, das Gesicht zerschmettert - wie oft wir ins Krankenhaus fahren mussten, ohne zu wissen, in welchem Zustand wir sie finden würden." Der Körper ihrer Mutter sei schließlich "am Alkohol zerbrochen". Sie starb im Alter von 51 Jahren an einer Unterzuckerung.

Auch der Körper von Henning Hirsch litt jahrelang an den Folgen seines Alkoholkonsums. Hirsch machte Karriere, hatte Familie - und trank gleichzeitig täglich bis zu zwei Flaschen Wodka und einen Kasten Bier. Es folgte ein Totalabsturz: Der Politikwissenschaftler lag mit sechs Promille tagelang auf der Intensivstation. Er machte 30 Entzüge und schaffte mithilfe der Anonymen Alkoholiker schließlich den Absprung von Alkohol. Heute ist er seit sieben Jahren trocken. "Es lohnt sich beim 30. Entzug noch! Es lohnt sich immer", sagt Alkoholforscher Seitz.

"Alkohol ist der Tod"

Ex-Fußballprofi Uli Borowka erging es ähnlich: Auch er war Alkoholiker, trank einen Kasten Bier pro Tag, kippte Schnaps. Trotzdem war er morgens immer "der Erste auf dem Platz". Heute ist er trocken - doch muss täglich gegen die Sucht ankämpfen. Die Verlockungen des Alkohols lauern für ihn überall. Selbst ein Stück Schwarzwälder Kirsch sei gefährlich, er könnte rückfällig werden. "Der Alkohol ist für mich als trockener Alkoholiker der Tod."

Es sind solche Botschaften, die an diesem Abend im Gedächtnis haften bleiben. Die Botschaften von Menschen, die fast am Alkohol zu Grunde gegangen wären. Oder erleben mussten, wie ihnen nahestehende Menschen am Alkohol zerbrochen sind. Gehen wir als Gesellschaft zu leichtfertig mit dem "Kulturgut" Alkohol um? Wahrscheinlich. Oder ist es nicht vielmehr so, wie Mediziner Seitz betonte: "Alkohol ist eine Kulturdroge"?

Wer das wahre Wesen des Alkohols erkennen will, muss sich nicht lange mit zulässigen Höchstmengen, Studien oder der Frage nach höheren Steuern herumschlagen. Er muss sich Botschaften wie die von Henning Hirsch und Nina Bott anhören. Und für sich selbst entscheiden: Trinke ich - oder eben nicht?


Wie es sich anfühlt, ein Jahr lang auf das berühmte Weinchen und den Prosecco zu verzichten, hat die Autorin Susanne Kaloff ausprobiert. Wir haben Sie zum Video-Interview getroffen:


Wissenscommunity