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Tief Durchatmen, bitte Weniger Stress, mehr Lebensfreude: was Achtsamkeit wirklich leisten kann

Eine Frau meditiert auf einer Wiese.
Meditation wird als Königsweg des achtsamen Lebensstils beschrieben. Aber es gibt auch Menschen, die nicht meditieren sollten.
© Benjamin Child / Unsplash
Achtsamkeit macht unser Leben besser. Das liest man seit Jahren immer wieder. Aber stimmt das? Martina Aßmann ist Arbeitsmedizinerin, Psychotherapeutin und Vorsitzende des MBSR-Verbandes in Deutschland. Im Interview klärt sie über Chancen und Risiken der Praxis auf.

Achtsamkeit ist mittlerweile zum echten Trendbegriff geworden. Martina Aßmann, Sie sind Vorsitzende des MBSR-Verbandes. MBSR (Mindfullness Based Stress Reduction) gilt als erstes Achtsamkeits-Training, das nachweislich helfen kann. Was hat es damit auf sich?

Der Psychologie-Professor Jon Kabat-Zinn hat das System auf Basis seiner eigenen Erfahrungen entwickelt. Er soll einmal selbst starke Schmerzen während einer Meditation gehabt und dann bemerkt haben, dass das Schmerzempfinden sinkt, wenn er meditiert. Dafür hat er die buddhistische Meditation von dem religiösen Aspekt befreit und sich auf die individuellen Wirkweisen fokussiert.

Dr. Martina Aßmann
Dr. Martina Aßmann ist Arbeitsmedizinerin, Psychotherapeutin und Vorsitzende des MBSR-Verbandes in Deutschland. In ihrer Privatpraxis bietet sie unter anderem Resilienz- und Achtsamkeitstraining sowie Verhaltenstherapie an. 
© Privat

Wir wenden das Prinzip aus dem Jahr 1979 auch heute noch in der ursprünglichen Form an. Das Programm geht weltweit acht Wochen, was eine sehr gute Vergleichbarkeit mit sich bringt. Deshalb wissen wir heute auch durch zahlreiche Studien, dass die Lebensqualität der Teilnehmenden steigt.

Der Drang zur Ablenkung

Was genau kann MBSR bewirken?

Beim MBSR geht es um Stressbewältigung und einen gesunden Umgang mit Sorgen und negativen Gefühlen. Wir entwickeln sehr schnell Strategien, um uns von negativen Emotionen oder Problemen abzulenken, zum Beispiel durch Netflix, Social Media oder sogar Alkoholkonsum. Bei Achtsamkeit geht es hingegen darum, dieses Ausweichverhalten zu umgehen und zu lernen, sich bewusst mit allen Seiten des Lebens auseinanderzusetzen.

Achtsamkeit heißt für mich immer, in Beziehung zu sich selbst und seinem Umfeld zu leben. Damit ist Achtsamkeit kein Hobby oder eine Phase, sondern eine grundsätzliche Haltung. Wer das Programm die ganzen acht Wochen lang durchzieht, der kann dadurch nachweislich besser schlafen und hat eine allgemein bessere Lebensqualität.

Sie sagen, wir neigen dazu, uns ständig abzulenken. Warum?

Negative Gefühle entstehen in einer alten Gehirnregion, dem Hirnstamm. Sobald eine für uns negative Emotion aufkommt, fangen wir deshalb an, systematisch in unseren Erinnerungen und unserem Erfahrungsschatz nach Lösungsansätzen zu suchen. Wir sind also darauf ausgelegt, Fehler schnellstmöglich zu beheben. Auch hierfür gibt es evolutionäre Gründe.

Wenn ich einem Raubtier über den Weg laufe, dann sollte ich schnellstmöglich einen Fluchtweg parat haben – sonst wird es brenzlig. Wenn sich das Negative jetzt stapelt, dann entsteht schnell eine Überlastung in unserem Kopf – die Geburtsstunde der Grübelspirale. Und weil wir damit nicht gut umgehen können, neigen wir dazu, uns lieber abzulenken.

Warum hilft uns Achtsamkeit?

Und wo genau setzt Achtsamkeit da an?

Bei Achtsamkeit geht es auch darum, in sein Inneres zu schauen. Wenn wir es schaffen, eine echte Beziehung zu uns selbst aufzubauen, dann schüttet unser Körper das Bindungshormon Oxytocin aus. Das Hormon wirkt sehr beruhigend auf unseren Organismus.

Der amerikanische Psychologe Richard Davidson hat mal gesagt, dass Meditation unser körpereigenes Alarmsystem, die Amygdala, um 50 Prozent herunterfahren kann. Und das ist doch schonmal ein guter Anfang.

Können Sie sagen, warum Achtsamkeit sich positiv auf unser Leben auswirken kann? 

Studien konnten zwar mehrfach belegen, dass Achtsamkeit sich positiv auf unser Leben auswirkt – aber welche Wirkmechanismen dabei zu Tragen kommen, das wissen wir noch nicht wirklich. Ist es vielleicht das verbesserte Zeitgefühl für den Augenblick oder die bessere Beziehung zum eigenen Umfeld, die Gruppendynamik im MBSR-Kurs? Wir wissen, dass menschliche Beziehungen eine entscheidende Rolle im Glückserleben spielen, aber ich denke nicht, dass das der einzige Wirkfaktor von Achtsamkeit ist.

Die dunkle Seite der Achtsamkeit

Achtsamkeit wird gerne als Allheilmittel dargestellt. Ist es das?

Achtsamkeit hat natürlich auch Grenzen. Wer gerade eine schwere Krise durchmacht, eine lebensverändernde Diagnose bekommen oder einen geliebten Menschen verloren hat, der sollte nur sehr vorsichtig an das Thema herantreten. Gleiches trifft auf Substanzabhängigkeit zu – in diesem Fall hilft ein achtsamer Lebensstil leider im ersten Schritt so gar nicht.

Wer Traumata erlebt und sie noch nicht verarbeitet hat, der läuft außerdem Gefahr, schlimme Gedanken und Gefühle durch die Meditation wieder hochzuholen. Richtig schwierig wird es für Menschen mit einer Psychose. Wer denkt, er sei Gott, der könnte diesen Wahn bei einer Meditation noch verfestigen.

Tut der Hype um Achtsamkeit unserer Gesellschaft denn generell gut?

Es gibt häufig das Vorurteil, dass wir durch Achtsamkeit egoistischer werden. Ich sehe das etwas komplexer: Wir lernen durch Achtsamkeit, eine gesunde Beziehung zu uns selbst aufzubauen. Damit legen wir wiederum die Basis, um auch eine richtige Verbindung zu unserem Umfeld und unserer Lebenswelt zu entwickeln.

Wenn ich mich mit mir selbst auseinandersetze, dann lerne ich auch, meine Macken und Fehler zu akzeptieren. Das schärft dann auch meinen Blick dafür, dass andere Menschen eben auch Makel haben, die es zu akzeptieren gilt.

Trotzdem gibt es durchaus Menschen, die durch vermeintliche Achtsamkeit auf einen Egotrip geraten…

Immer wieder wird Achtsamkeit leider auch zweckentfremdend. Es kommen zum Beispiel zunehmend Leute auf mich zu, die durch Achtsamkeit noch leistungsfähiger und perfekter werden wollen. Es geht dabei also auch um Selbstoptimierung. Und das mag sogar eine Weile lang gut gehen, aber langfristig wird man mit diesem Anspruch nicht glücklich.

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