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Medizin: Rosskur auf Altindisch

Ayurveda ist eines der ältesten Medizinsysteme und hat mit den üblichen Wellnessangeboten wenig gemein. Das Interesse an der fremdartigen Heilkunst wächst. In der Kasseler Habichtswald-Klinik wird sie seit Jahren praktiziert.

Von Bärbel Schwertfeger

Brigitte Gaebel kann sich an die drei Ghee-Tage noch gut erinnern. Um acht Uhr morgens reichte man ihr im Teeraum die geklärte Butter in einem Weinglas. Wie Spätlese sah die sattgelbe Flüssigkeit aus, die sie schlückchenweise trinken musste, dazwischen ein Stückchen Ingwer und Kardamomkapseln kauen. "Der Geschmack war einfach eklig", sagt die Patientin. Jeden Tag musste sie mehr von der Brühe herunterbringen: erst 30, dann 60, dann 75 Milliliter.

Nach den drei Ghee-Tagen kam der Abführtag. Das lauwarme Rizinusöl wurde ebenfalls in einem Weinglas gereicht. Sie kippte es hinunter, würgte ein bisschen. Dann ging sie ins Zimmer. Nach etwa einer Stunde war ihr Körper entleert.

Drei Wochen verbringt die 61-jährige Rentnerin in der Kasseler Habichtswald-Klinik, unterzieht sich der ayurvedischen Reinigungskur, erhält Stirngüsse und Ganzkörpermassagen mit Ölen, ernährt sich nach den Regeln der indischen Heilkunst. Anfang des Jahres war bei ihr ein Virus im Herzen festgestellt worden, zwei Monate lag sie im Krankenhaus, litt an Herzrhythmusstörungen und Vorhofflimmern und muss seitdem starke Medikamente nehmen. "Ich hatte überhaupt keine Kraft mehr und war depressiv. Ich wusste, dass ich etwas tun muss." Nun will sie neue Kraft sammeln.

Farbenprächtige Mandala-Bilder an den Wänden

Die lichtdurchflutete Eingangshalle mit roten Teppichböden, großen Palmen und farbenprächtigen Mandala-Bildern an den Wänden erinnert eher an eine Hotellobby. Eine Freitreppe führt auf eine umlaufende Galerie mit einem Café und mehreren Läden. Mit einem gläsernen Aufzug geht es in den dritten Stock zur Ayurveda-Rezeption. Die 30 Zimmer sind zwar klein, aber komfortabel ausgestattet, mit einem Schreibtisch und kleiner Sitzecke und können mit vielen Hotelzimmern mithalten.

Die Habichtswald-Klinik in Kassel ist deutschlandweit die einzige Klinik, bei der Ayurveda als Fachabteilung mit eigenständiger medizinischer Leitung integriert ist - neben Innerer Medizin, Onkologie und Psychosomatik. Schulmedizin, ganzheitliche und Naturheilverfahren sollen Hand in Hand arbeiten, das ist das Ziel des 1986 gegründeten Privatkrankenhauses.

Ayurveda gilt als das älteste Medizinsystem der Welt. Seine Geschichte reicht mehrere tausend Jahre zurück. Drei Gelehrte, Caraka, Susruta und Vagbhata, schrieben in der Zeit zwischem dem 1. Jh. v. Chr. und dem 7. Jh. n. Chr. erstmals das medizinische Wissen ihrer Zeit nieder, ihre Erkenntnisse wurden seitdem kontinuierlich ergänzt und verfeinert.

Die indische Heilkunst beruht auf der Annahme, dass der Mensch von den drei Bioenergien Vata, Pitta und Kapha gesteuert wird. Vata reguliert den Kreislauf und die Nerven, Pitta den Stoffwechsel und die Verdauung, Kapha die "Gelenkschmiere" und die Abwehrkraft. Diese so genannten Doshas bestimmen die gesamten körperlichen und seelischen Vorgänge. Bei Geburt verfügt jeder Mensch über eine individuelle Dosha-Konstitution, die sein ganzes Leben bestehen bleibt. Sie spiegelt sich in seinem Körperbau sowie in bestimmten Zu- und Abneigungen oder Verhaltensgewohnheiten. In der Regel dominieren dabei zwei Doshas.

Ayurveda liegt ein wissenschaftliches Weltbild zu Grunde

Dieses individuelle Mischverhältnis kann durch Stress, falsche Lebensweise und Ernährung gestört werden - nach der ayurvedischen Lehre ist das der Grund für Gesundheitsprobleme und ernsthafte Krankheiten. "Dem Ayurveda liegt ein eigenständiges und differenziertes wissenschaftliches Weltbild zugrunde, auf dessen Grundlage diagnostiziert und behandelt wird", erklärt Ananda Samir Chopra, leitender Arzt der Ayurveda-Sektion der Habichtswald-Klinik. Der 39-jährige, indisch-stämmige Deutsche ist ausgebildeter Schulmediziner und absolvierte nach seinem Abschluss an der Universität Heidelberg ein Ayurveda-Studium in Indien.

"Bei einer Vielzahl von Krankheiten konnten wir gute Behandlungserfolge erzielen." Etwa bei Bluthochdruck, Reizmagen, Neurodermitis, Arthrosen, Rheuma und psychischen Erschöpfungszuständen. Auch bei Multipler Sklerose, Parkinson oder der Nachbehandlung von Krebs haben die Ärzte mit ayurvedischen Therapien gute Erfahrungen gemacht: Begleitend zur Schulmedizin trage sie zur Regeneration und Verbesserung der Lebensqualität bei.

Am Anfang steht die Diagnose des Dosha-Zustands. Dafür werden die Patienten ausführlich untersucht, befragt und beobachtet. Ayurvedische Ärzte setzen auf Puls- und Zungendiagnose: So deutet etwa ein ruhiger und langsamer Puls auf einen Kapha-Typ hin, eine raue und rissige Zungenoberfläche gilt als Zeichen für ein verstärktes Vata.

Wie sieht Ihr Tagesablauf aus? Was und wann essen und trinken Sie? Träumen Sie viel? Vertragen Sie Hitze? Wie ist Ihre familiäre Situation? Was machen Sie beruflich? Als Roswitha Schneider vor sechs Jahren ihre erste Ayurveda-Kur machte, war sie erstaunt über die detaillierten Fragen zu ihrer Lebensweise. "Bis dahin hatten sich die Ärzte immer nur für meinen Darm interessiert", sagt die 41-Jährige, die seit ihrem 16. Lebensjahr an einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung (Colitis ulcerosa) leidet und bereits die dritte Kur in der Habichts-wald-Klinik gemacht hat.

Es geht nicht um duftige Wellness-Ölungen

Mit den duftigen Wellness-Ölungen, wie sie in Deutschland immer häufiger angeboten werden, hat eine medizinische Ayurveda-Kur nur wenig gemeinsam. Denn das Herauspicken einzelner Behandlungen und das Abspulen von Standardprogrammen widerspricht dem Grundgedanken des Ayurveda.

Echte Kuren sind stets komplexe und individuell abgestimmte Therapiekonzepte. Dazu gehören nicht nur verschiedene Arten von Behandlungen wie Öl- oder Pulvermassagen, Schwitzbäder, Einläufe oder Stirngüsse, sondern auch die Verwendung medizinischer Kräuteröle und die Einnahme von Kräuterpräparaten. Längst nicht alle Anwendungen sind dabei angenehm.

Die anstrengende und intensive Reinigungskur dauert mindestens zwei Wochen und bedarf strenger ärztlicher Aufsicht. Zwar gibt es inzwischen unzählige Varianten der klassischen Therapie, aber alle folgen dem gleichen Prinzip. Zunächst wird der Körper durch Ghee-Trinken und verschiedene Ölmassagen "innerlich und äußerlich gefettet", um ihn geschmeidig zu machen und die festsitzenden krankheitsverursachenden Substanzen aus dem Gewebe zu lösen. In der Hauptbehandlung werden die gelösten Stoffe dann ausgeleitet. Das erfolgt meist durch Abführen, andere Methoden sind Darmeinläufe oder das induzierte Erbrechen.

Unterstützt wird die Behandlung durch stoffwechselfördernde Massagen und eine typgerechte Ernährung. Für die Ayurveda-Gäste gibt es einen eigenen Speisesaal mit eigener Küche. Die Kost ist vegetarisch und mit indischen Gewürzen abgeschmeckt. "Es geht vor allem darum, dass das Essen leicht verdaulich ist", erklärt Chopra. Denn durch die Anwendungen sei der Körper schon sehr belastet.

Der Haarausfall ließ nach

Trotz der zum Teil zehrenden Prozeduren kommt die Kur bei den Patienten gut an, viele berichten schon nach wenigen Tagen von Besserung und geben an, dass sie sich innerlich und äußerlich gereinigt fühlten. Brigitte Gaebel kam bei ihrer Ankunft kaum fünf Stufen hoch, bevor die Atemnot sie packte. Nach sechs Tagen schaffte sie bereits das Doppelte. Die übergewichtige Frau nahm mehrere Kilo ab, der Haarausfall, eine Nebenwirkung der starken Medikamente, ließ nach. "Die Umstellung ist enorm", sagt sie. Auch psychisch fühlt sie die Veränderung. "Es kommt vieles hoch, was ich vorher nicht anschauen mochte. Meine Energie hat deutlich zugenommen. Ich habe wieder Mut gewonnen."

Die an chronischer Darmentzündung leidende Roswitha Schneider ist mittlerweile weitgehend beschwerdefrei. Sie hält sich auch zu Hause an ayurvedische Lehrsätze: Jeden Morgen reibt sie sich mit einem speziellen Kräuteröl ein. Sie trinkt über den Tag verteilt heißes Wasser und verzichtet auf Rohkost.

Die Patienten lassen sich die Behandlungen einiges kosten, Brigitte Gaebel bezahlt 4200 Euro für drei Wochen Kur. Die Gesetzlichen Krankenkassen übernehmen nichts davon, denn Ayurveda ist als wirksame medizinische Therapie bei uns nicht anerkannt. Belege, die den westlichen Standards genügen, stehen noch aus; in den relevanten wissenschaftlichen Journalen sind bisher kaum methodisch akzeptable Studien veröffentlicht worden.

Dennoch versuchen sich immer mehr Patienten an der fernöstlichen Heilweise. Wie in der Kasseler Habichtswald-Klinik registieren auch andere Anbieter ayurvedischer Behandlungen regen Zulauf, Kliniken in Indien und auf Sri Lanka verzeichnen einen wachsenden Anteil ausländischer Patienten.

Pioniere einer globalisierten Heilkunde

Möglicherweise sind die Ärzte der Habichtswald-Klinik Pioniere einer globalisierten Heilkunde, denn auch in der Medizin wächst das Interesse. Neue wissenschaftliche Studien werden angesetzt, Universitätsprojekte zur Erforschung von Wirkung und Nebenwirkung initiiert. Im April versammelten sich Ärzte, Wissenschaftler und Therapeuten zum ersten Europäischen Ayurveda-Kongress in Castrop-Rauxel und diskutierten über die Entwicklung von Qualitätsstandards für ayurvedische Ausbildung und Anwendungen.

"Angesichts der weltweit zunehmenden Gesundheitsprobleme kann es sich keiner mehr leisten, nur noch sein Medizinsystem zu nutzen", mahnte P. K. Warrier, Chefarzt des renommierten Krankenhauses Kottakkal Arya Vaidya Sala im südindischen Bundesstaat Kerala. Dort kommt bereits ein Drittel der Patienten aus dem Ausland. Vor allem im Bereich der Prävention könne Ayurveda einen wichtigen Beitrag leisten, betonte der 84-Jährige, der in Indien als der "Ayurveda-Papst" gilt.

So wurde auf dem Kongress eine Zusammenarbeit des Kerala Ayurveda-Gesundheitszentrums in Castrop-Rauxel mit dem indischen Gesundheitsministerium beschlossen. Gemeinsam sollen Ausbildungen für Schulmediziner ausgearbeitet, Studienergebnisse ausgetauscht werden. Eine zweijährige Ausbildung zum Ayurveda-Therapeuten nach indischem Vorbild hat bereits begonnen, zwei Forschungsprojekte sind in Vorbereitung.

Unterstützt wird die Kooperation von der Landesregierung Nordrhein-Westfalen, dem Wissenschaftszentrum "Institut für Arbeit und Technik" (IAT) in Gelsenkirchen sowie der Stadt Castrop-Rauxel, die sich mit einer neuen Akademie und Klinik als europäisches Kompetenzzentrum für Ayurveda positionieren möchte. "Wo immer es möglich ist, müssen wir internationale Standards erfüllen", sagt Stephan von Bandemer vom IAT. Gleichzeitig müsse man jedoch auch die Unterschiede zur westlichen Medizin akzeptieren. "Ayurveda hat eine lange und erfolgreiche Tradition, man muss nicht alles neu erfinden."

“Zwei völlig unterschiedliche Welten“

"Da treffen zwei völlig unterschiedliche Welten aufeinander", sagt auch Gudrun Ulrich-Merzenich, Naturwissenschaftlerin an der Medizinischen Poliklinik Bonn. Vier Jahre lang dokumentierte sie ayurvedische Behandlungsmethoden bei Rheumaerkrankungen in Indien und beobachtete vielversprechende Ergebnisse. In einer Studie, die am Tarachand Ayurvedic Hospital in Pune zusammen mit der Medizinischen Poliklinik Bonn durchgeführt wurde, wurden 44 Patienten mit rheumatoider Arthritis zehn Monate lange mit Panchakarma-Methoden und Kräutermedizin behandelt.

Über die Hälfte der Patienten, die die Behandlung beendet hatten, zeigten deutliche messbare Verbesserungen der Gelenkentzündungen. 41 Patienten konnten ganz auf Antirheumatika verzichten, die übrigen die Dosis um die Hälfte reduzieren. Ulrich-Merzenich plant, nun auch an der Bonner Universität die ayurvedischen Behandlungen als Unterstützung der schulmedizinischen Therapien zu erforschen - nach westlichen Standards.

Kleinere Studien weisen darauf hin, dass einige der von ayurvedischen Ärzten verwendeten Pflanzen bei chronischen Krankheiten tatsächlich wirken. So hat Hermann Ammon, ehemaliger Direktor des Pharmazeutischen Instituts der Universität Tübingen, die Effekte der im Harz des indischen Weihrauchbaumes (Salai Guggal) enthaltenen Boswelliasäuren bei der Behandlung von chronisch entzündlichen Erkrankungen nachgewiesen.

Auch bei klinischen Untersuchungen konnte die Wirksamkeit bei Patienten mit rheumatoider Arthritis, chronischer Darmentzündung, Asthma und Morbus Crohn beobachtet werden. Allerdings waren die Fallzahlen zu gering. Ausnahme ist eine Studie bei 102 Morbus-Crohn-Patienten an der Medizinischen Klinik Mannheim, die ebenfalls die Wirksamkeit des Weihrauch-Extraktes bestätigte. Doch für die Zulassung als Medikament wären umfangreichere Studien notwendig.

Erfolge bei Parkinson

An der A & M Universität in Temple, Texas, hat der Neurologe Bala Manyam die Wirkung der in Indien beheimateten Juckbohne (Mucuna pruriens) untersucht, deren Wirkstoff Levodopa in synthetischer Form auch in den gängigen Medikamenten gegen die Parkinsonkrankheit enthalten ist. Die dreimonatige Behandlung von 60 Parkinson-Patienten mit der aus dem Pulver hergestellten Präparation HP-200 zeigte nicht nur eine deutliche Verbesserungen der Symptome, sondern auch geringere Nebenwirkungen.

Während das Mittel in den USA bisher nur für klinische Studien zugelassen ist, gibt es in Indien bereits ein entsprechendes Medikament mit dem Namen Zandopa. Was Manyam heute erforscht, wussten die Ayurveda-Ärzte offenbar schon vor 4500 Jahren. Bereits damals wurde die Parkinsonkrankheit als Kampavata - als Vata-Krankheit - beschrieben und mit Zubereitungen des Mucuna-Pulvers behandelt. Dabei ist das Bohnenpulver möglicherweise sogar viel wirksamer als die heutigen Medikamente.

So stieß Manyam bei Tierversuchen darauf, dass die Wirkung von HP-200 möglicherweise deutlich stärker ist als der synthetische Stoff von gleicher Menge. Über 600 ayurvedische Kräuterpräparate werden in Indien schon lange genutzt und sind dort meist auch als Medikament erhältlich. Bei uns haben die oftmals in aufwendigen Prozeduren hergestellten Mittel jedoch keine Chance, als Medikament zugelassen zu werden. Weil sie aus Stoffgemischen verschiedener Pflanzen oder Pflanzenteile bestehen, lässt sich ihre Wirkung nicht mehr einer Substanz zuordnen - das aber ist bisher Voraussetzung für einen wissenschaftlichen Nachweis.

Bislang dürfen indische Ayurveda-Medikamente in Deutschland nur als Nahrungsergänzungsmittel importiert und verkauft werden. Allerdings liefern nicht alle indischen Hersteller einwandfreie Qualität. Mit Schwermetallen wie Blei verseuchte Mixturen sorgten bereits mehrmals für Schlagzeilen. Auch die indische Regierung hat das Problem erkannt und verspricht, künftig für die Sicherheit der Präparate zu garantieren.

Entsprechende Gesetze zur Produktion der Mittel und Lizenzierung der Hersteller gibt es bereits. Der Ayurveda-Arzt Ananda Chopra von der Kasseler Habichtswald-Klinik ist dennoch skeptisch, ob die Vorschriften auch immer eingehalten werden. "Wer sichergehen will, braucht einen zuverlässigen Importeur in Deutschland, der die Qualität jeder Lieferung sorgfältig überprüft."

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