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Stern Logo Rauchen - Wege aus der Nikotinsucht

Rauchen: Verqualmte Statistik

Laut Fachverband tun Deutschlands Gastwirte genug für den Nichtraucherschutz. Experten bezweifeln jedoch die Aussagekraft der Belege.

Dietmar Jazbinsek und Georg Wedemeyer

Die "Zigarette danach" ist in Gefahr. Jedenfalls die nach dem Essen im Restaurant. Schuld sind der Hotel- und Gaststättenverband "Dehoga" und das Gesundheitsministerium. Die hatten 2005 ein derart windelweiches Abkommen zum Nichtraucherschutz geschlossen, dass nun in der Politik der Wille zum gesetzlichen Rauchverbot steigt.

Bis 1. März 2008 in Restaurants die Hälfte Nichtraucherplätze

Die vierseitige so genannte "Zielvereinbarung" enthält jede Menge Gummiparagrafen. So sollten bis zum 1. März als erste Stufe "mindestens 30 Prozent aller Speisebetriebe mindestens 30 Prozent Nichtraucherplätze anbieten". Allerdings nur, wenn sie mehr als 40 Sitzplätze oder mehr als 75 Quadratmeter "Gastfläche" haben und "regelmäßig Speisen" und nicht nur "Snacks" anbieten. Bis 1. März 2008 sollen dann als letzte Stufe 90 Prozent aller Restaurants mindestens zur Hälfte Nichtraucherplätze bereithalten. Vage verpflichtet sich der Dehoga in dem Papier, entsprechend "auf seine Mitgliedsbetriebe und die Gesamtbranche einzuwirken" und zur "Erfolgskontrolle" jährlich eine "Abfrage" durchzuführen.

Und deren Ergebnis für 2006 hat er schon stolz vermeldet: "Etappenziel erreicht ... 31,5 Prozent der Speisebetriebe haben mindestens 30 Prozent Nichtraucherplätze - so das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Marktforschungsinstituts Marktplatz Hotel." Doch an dem Institut ist der Dehoga selbst beteiligt, und die Aussagekraft der Umfrage ist zweifelhaft.

Gesundheitsbeauftragte wollen über generelles Rauchverbot nachdenken

Der Marktplatz-Hotel-Umfrage vom Vorjahr jedenfalls untersagte ein Gericht, sich "repräsentativer Marktreport" zu nennen. Auch an der diesjährigen lassen Fachleute kein gutes Haar, weil die Stichprobe von 4792 antwortenden Betrieben nicht nach den Regeln der Zufallsstatistik zustande kam.

Für den Statistiker Frank Knapp, Mitglied im Vorstand des Berufsverbandes Deutscher Markt- und Sozialforscher, sind zentrale methodische Aussagen schlicht "Quatsch". Der Kölner Sozialforschungs-"Papst" Jürgen Friedrichs hält die Rücklaufquote der größtenteils per Zeitschriftenbeilage verteilten Fragebögen für "ungewöhnlich niedrig", die Antwortvorgaben für "problematisch" und Angaben über die Methode für "im doppelten Sinne falsch". Ohnehin könnten Nichtraucherplätze eigentlich nur durch "Begehung" statt "Befragung" gezählt werden.

Da man "vergessen" hat, Konsequenzen bei Verfehlung der Etappenziele in der Vereinbarung zu benennen, herrscht nun Katzenjammer in Berlin. Angesichts erfolgreicher Nichtraucher-Schutzgesetze in Qualmer-Ländern wie Irland, Italien und Spanien könnte die Blamage größer nicht sein. Nun fordern die Drogen- und Gesundheitsbeauftragten der Koalition, Maria Eichhorn (CSU) und Marlies Volkmer (SPD), "über ein generelles Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden und Restaurants" nachzudenken.

Im Gesundheitsministerium heißt es, nächstes Jahr werde der Dehoga "nicht mehr so billig davonkommen". Stattdessen wird es für den Steuerzahler teuer: Um die Vereinbarung mit einer unabhängigen, wirklich repräsentativen Studie zu überprüfen, wurden jetzt für 2007 mehrere hunderttausend Euro eingeplant.

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