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Stimmungslampen gegen Winterblues: Licht an!

Wenn im Winter die dauernde Dunkelheit trübsinnig macht, können spezielle Lampen helfen, die Stimmung aufzuhellen. Selbst schwer Depressive profitieren von der Therapie.

Von Kathrin Breer

Die Nächte im schwedischen Umeå sind im Winter lang, die Tage dunkel: Nur rund viereinhalb Stunden scheint die Sonne in der Stadt 500 Kilometer nördlich von Stockholm. Den Rest des Tages liegt Umeå im Dunkeln - und das schlägt manchen Einwohnern aufs Gemüt. Einige fühlen sich nur müde und schlapp, andere werden richtig krank. Saisonal abhängige Depression (SAD) oder Winterdepression heißt die Diagnose, wenn ein Patient mindestens zwei Jahre nacheinander in den dunklen Monaten unter einer depressiven Stimmungsveränderung leidet.

Der Energieversorger Umeå Energi hat der SAD im vergangenen Jahr den Kampf angesagt: Das Unternehmen stattete Bushaltestellen mit hellen Lichtpaneelen aus. Anstelle von Reklametafeln strahlten dort Weißlichtlampen. Das Ziel: per Lichtbestrahlung die Stimmung der Wartenden anzukurbeln und nebenbei das Unternehmen positiv in die Schlagzeilen zu bringen.

Erhöhtes Schlafbedürfnis

Die Aktion in Schweden hat es zumindest geschafft, auf den Zusammenhang von Winterblues und Lichtmangel hinzuweisen. Auch in Deutschland haben einige Menschen in der dunklen Jahreszeit damit zu kämpfen. Im Frühjahr geht es den Betroffenen meist von allein wieder besser. Zwischen Oktober und Februar jedoch fühlen sie sich antriebslos, niedergeschlagen und traurig.

Anders als die gewöhnliche Depression führt die Winterdepression nicht zu Schlafproblemen und Appetitverlust. Ganz im Gegenteil: Betroffene neigen geradezu zum Schlemmen, haben Heißhunger auf Süßigkeiten und fettreiches Essen. Außerdem schlafen sie mehr, als ihnen guttut. "Für Menschen im mittleren Lebensalter reichen gewöhnlich sechseinhalb bis siebeneinhalb Stunden", sagt Hubertus Himmerich, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie vom Uniklinikum Leipzig. "Mehr Schlaf kann sich ungünstig auf die Stimmung auswirken."

Hormone und innere Uhr im Gleichgewicht

Das erhöhte Schlafbedürfnis hängt mit den Ursachen der Winterdepression zusammen. Durch das fehlende Tageslicht schaffen es Betroffene kaum, in den Tagesmodus umzuschalten. Sie produzieren zu viel Melatonin, das Schlafhormon. Gleichzeitig weisen sie einen Mangel des Glücksbotenstoffs Serotonin auf. Um die Hormone ins Gleichgewicht zu bringen und die innere Uhr der dauermüden Patienten wieder richtig einzustellen, setzen Psychologen und Ärzte Licht ein. Die positive Wirkung von Lichttherapie auf Depressive ist durch Studien gut belegt.

Im Universitätsklinikum Leipzig ist in der Nähe des Arztzimmers ein breites Lichtpaneel auf einem Ständer platziert. Drei Stühle stehen davor, so nah, wie man sich niemals vor den Fernseher setzen sollte. Je kleiner der Abstand zur Lichtquelle, desto größer ist die Helligkeit, mit der die Strahlen auf die Netzhaut der Augen treffen. "Ein Abstand von 50 bis 80 Zentimetern ist optimal, um eine Dosis von 10.000 Lux zu bekommen", sagt Psychiater Himmerich. In einem normal beleuchteten Zimmer beträgt die Beleuchtungsstärke nur rund 500 Lux. Deshalb setzen sich Himmerichs Depressionspatienten jeden Morgen für eine halbe Stunde direkt vor das Paneel.

Wirkt die Lichttherapie?

In Leipzig werden Patienten mit schweren Depressionen sowohl mit Lichttherapie als auch mit Psychopharmaka behandelt. Betroffene mit weniger starken Beschwerden, die keine Tabletten bekommen, nehmen die Lichtdusche nach Himmerichs Erfahrung ebenfalls gut an. "Viele Patienten wünschen sich Therapien, die natürlich wirken und bei den Ursachen ihrer Krankheit ansetzen." Beides erfüllt die Lichttherapie. Anders als Psychopharmaka hat sie zudem kaum Nebenwirkungen.

In Studien, in denen die Wirksamkeit der Methode mit anderen Behandlungsformen der Winterdepression verglichen wurde, berichteten zwar manche Teilnehmer von Kopfschmerzen, Müdigkeit oder Sehstörungen. Langfristige Nebenwirkungen sind jedoch nicht bekannt. "Es ist nicht auszuschließen, dass eine dauerhafte starke Lichtbelastung später zu Problemen mit den Augen führt - allerdings sind eindeutige Daten dazu nur schwer zu erheben und die Gefahr ist sehr gering", sagt Horst Helbig von der Universitätsaugenklinik Regensburg. Bisher hat der Netzhautexperte noch keine Patienten erlebt, die durch eine Lichttherapie Schäden an den Augen erlitten haben. Er rät, während der Bestrahlung nicht zu vergessen, regelmäßig zu blinzeln, damit die Augen nicht austrocknen. Müdigkeit und irritierte Augen gehören zu den häufigen Nebenwirkungen, sind aber harmlos. Patienten, die unter Augenkrankheiten wie dem Grauen Star oder altersbedingter Makuladegeneration leiden, sollten eine Lichttherapie vorher mit ihrem Augenarzt besprechen. Auch wer regelmäßig Medikamente nimmt, sollte Wechselwirkungen abklären, da manche Stoffe, wie etwa Johanniskraut, die Lichtempfindlichkeit erhöhen können.

Morgens eine Lichtdusche

Wer sonst gesund ist und eine Lichtdusche gegen den Winterblues ausprobieren will, muss dafür nicht in eine Klinik gehen. Auch einige niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten bieten sie in ihren Praxen an. Die Kosten übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen allerdings nicht. Lichttherapie ist eine Individuelle Gesundheitsleistung (IGeL), pro Sitzung werden dafür zwischen 7 und 13 Euro verlangt.

Eine Alternative ist die Lichtdusche für zu Hause. Die Geräte gibt es ohne Rezept, sie kosten zwischen 70 und mehreren Hundert Euro. Laut Stiftung Warentest eignen sich Lampen mit blauem und weißem Licht. Beim Kauf sollte man darauf achten, dass die Leuchtdioden kein UV-Licht erzeugen, das Augen und Haut schädigen könnte.

Wer sich zu Hause vor ein solches Gerät setzt, braucht nicht regungslos in die Lampe zu starren. Solange die Strahlen auf die Netzhaut treffen, kann man dabei frühstücken, Zeitung lesen oder am Schreibtisch arbeiten. "Damit der Schlafrhythmus nicht durcheinandergebracht wird, sollte die Lichtdusche morgens stattfinden", sagt Himmerich.

Auf zum Winterspaziergang!

Seiner Erfahrung nach setzt die Wirkung nach einigen Tagen ein: Die Patienten fühlen sich dann fitter und weniger niedergeschlagen. Trotzdem rät er Schwermütigen, nicht allein auf die Lichtdusche zu setzen. "Viele Leute verkriechen sich im Winter und sitzen nur noch vor dem Fernseher. Es ist auch wichtig, Freunde zu treffen, Sport zu treiben und etwas zu unternehmen." Im Übrigen, sagt Himmerich, sei es bis zu einem gewissen Grad normal, im Winter weniger Antrieb zu haben. Nicht immer stecke eine behandlungsbedürftige Depression dahinter.

Der Energiekick, den die Hersteller von Lichtduschen versprechen, klingt auch für Gesunde verlockend. Sie haben die Wahl: Neben Standleuchten werden auch Lichtwecker, Lichthelme und futuristisch anmutende Lichtbrillen angeboten. Ihre Wirkung ist allerdings weniger gut erforscht als die der klassischen Geräte. Neuartig sind die Ohrstöpsel einer finnischen Firma, die aussehen wie die Kopfhörer eines MP3-Spielers. Statt Musik senden sie Licht aus, das über den Gehörgang direkt an lichtempfindliche Rezeptoren im Gehirn gelangen soll. Noch gibt es aber keine unabhängigen Studien, die ihre Wirksamkeit belegen.

Wer solchen Erfindungen misstraut und keine medizinische Hilfe braucht, dem bleibt im Winterblues nach wie vor die Sonne als natürliche Lichtquelle. Selbst an bewölkten Tagen bringt sie es draußen auf 3000 bis 4000 Lux. So lässt sich auch durch einen Winterspaziergang ganz natürlich die Stimmung aufhellen.

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