Suchtforschung Impfung gegen die Kippe


"Das ist meine letzte Zigarette." Unzählige Male ist dieser Satz schon gefallen und doch nicht in die Tat umgesetzt worden. Eine Spritze könnte da helfen, wo das Fleisch zu schwach ist.

Die guten Vorsätze bleiben immer wieder im Ansatz stecken - zu sehr hat sich die Sucht in den Alltag eingeschlichen, zu viele Freunde bieten ständig eine Kippe zum Schnorren an.

Mediziner wollen nun helfen, die Abhängigkeit zu überwinden, indem sie mit einer Impfung die Droge vor den Toren des Gehirns abfangen. Die Folge: Das Hochgefühl bleibt aus. Auf der Suche nach neuer Befriedigung könnte das Gehirn in dieser Zeit der Askese leichter umprogrammiert werden. "Damit können wir Menschen, die von der Droge loskommen wollen, ein schädliches Verhalten nehmen", glaubt Thomas Cerny vom Schweizer Kantonsspital in St. Gallen.

Es werden Antikörper gegen Nikotin gebildet

Mehrere Unternehmen und Forschungseinrichtungen suchen nach einem solchen Impfstoff gegen Nikotin. Ein Kandidat hat bereits die Phase II der klinischen Studien mit Patienten durchlaufen. Die Schweizer Firma Cytos Biotechnology hat gegenwärtig mit einem Wirkstoff gegen den Glimmstängel namens "NicQb" die Nase vorne. Cerny ist einer der Entwickler dieser Substanz. Auch gegen die Droge Kokain wird an Impfstoffen gearbeitet: So hat das britische Unternehmen Xenova im vergangenen Jahr die Ergebnisse der Phase II-Studie mit dem Impfstoff "TA-CD" publik gemacht.

Der Impfstoff gegen das Rauchen besteht aus einem virusähnlichen Baustein, der mit dem eigentlichen Auslöser der Sucht, dem Nikotin, verschweißt ist. Wird diese Kombination in die Blutbahn gebracht, bildet das Immunsystem Antikörper speziell gegen das Nikotin aus. "Wir brauchen generell solche Vehikel, da Nikotin selbst keine Immunantwort auslösen kann", sagt Cerny. Die produzierten Antikörper patrouillieren fortan im Blut und fangen die Suchtstoffe aus der Zigarette ab, noch bevor sie ins Gehirn gelangen. Das positive Gefühl beim Rauchen bleibt daher aus. Ähnlich funktioniert auch die Impfung gegen Kokain.

Erfolgsquote bei 40 Prozent

In der jüngsten placebokontrollierten Studie von Cytos wurden 341 Raucher getestet. Sie hatten seit mindestens drei Jahren täglich 10 bis 40 Zigaretten konsumiert und wollten das Rauchen aufgeben. Ein Drittel von ihnen bekam innerhalb von vier Monaten fünfmal den Impfstoff gespritzt. Alle Teilnehmer erhielten zudem eine professionelle Suchtberatung.

"In der Gruppe mit den meisten Antikörpern im Blut hörte über die Hälfte mit dem Rauchen auf. Das lässt uns hoffen", sagt Cerny. Doch nicht alle Abstinenzler konnten sich endgültig vom Glimmstängel lossagen. Bei der Nachuntersuchung ein halbes Jahr später verzichteten noch 40 Prozent auf das Rauchen. Dahingegen liegt die Erfolgsquote mit herkömmlichen Entwöhnungsmethoden wie einer Beratung oder einem Nikotinpflaster bei 15 bis 20 Prozent. "Unser Ziel ist es, diese Werte mit einem Impfstoff weiter zu verbessern", verkündet Cerny. Er erwartet, dass dafür höhere Dosen des Impfstoffs gespritzt werden müssen als in der jüngsten Studie geschehen.

Ähnliche Ergebnisse erbrachte auch Xenovas Impfstoff gegen Kokain: Die Teilnehmer mit den höchsten Antikörperspiegeln konsumierten am wenigsten Drogen. Doch Rückfälle gab es auch dort. "Eine hundertprozentige Wirksamkeit ist ausgeschlossen. Mit sehr viel von der Droge kann die Wirkung des Anti-Drogen-Präparates zunichte gemacht werden", warnt Gerald Zernig, Suchtforscher an der Innsbrucker Universitätsklinik für Psychiatrie. "Die Antikörper verweilen außerdem nur einige Monate in ausreichender Menge im Blut. Dann fällt ihre Konzentration immer mehr ab." Für eine prophylaktische Impfung von Jugendlichen gegen eine mögliche spätere Sucht taugen sie daher vermutlich nicht.

Der Will muss dennoch da sein

"Die Impfung ist eine Möglichkeit, Menschen, die von der Droge loskommen wollen, medizinisch zu unterstützen", sagt Cerny. "Sinnvollerweise muss gleichzeitig das Belohnungssystem im Gehirn umprogrammiert werden: Dies geschieht über eine klassische Drogenberatung." Ein neues gesundes Glücksgefühl könne beispielsweise Sport geben.

Dass sich das Suchtgedächtnis tatsächlich überschreiben lässt, bestätigt auch Zernig: "Im Moment des Verlangens nach einer Droge scheint es besonders gut manipulierbar zu sein." Da die Impfstoffe die Gier nach der Zigarette nicht mindern, sondern lediglich die Belohnung löschen, würde dies für den Erfolg einer Kombinationstherapie aus Beratung und Impfung sprechen. Doch selbst wenn entsprechende Medikamente in einigen Jahren in die Apotheken kommen: Entschlossenheit und eiserner Wille werden auch künftig gebraucht, um die letzte Zigarette für immer auszudrücken.

Susanne Donner/DDP DDP

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