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Alarmierende UN-Studie Zu lange Arbeitszeiten kosten jährlich Hunderttausende Menschenleben und machen krank

Licht leuchtet in einem Bürogebäude
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Arbeit kann krank machen und im schlimmsten Fall sogar zum Tode führen. Lange Arbeitszeiten kosten einer internationalen Studie zufolge jährlich hunderttausende Menschenleben. Die Weltgesundheitsorganisation und die Internationale Arbeitsorganisation gehen davon aus, dass im Jahr 2016 weltweit fast 400.000 Menschen an Schlaganfällen und knapp 350.000 an Herzerkrankungen starben, weil sie 55 Wochenstunden oder mehr gearbeitet hatten. Laut der Studie nahmen tödliche Herzerkrankungen und Schlaganfälle mit Bezug zur Arbeit zwischen 2000 und 2016 stark zu. In vielen Ländern gelten 35 bis 40 Wochenstunden als Norm, doch vielerorts werde deutlich mehr gearbeitet. Das Risiko, wegen zu viel Arbeit am Herz-Kreislauf-System zu erkranken, hätten vor allem Menschen im westpazifischen Raum und in Südostasien, aber auch in Afrika und in Südamerika. In Europa und Nordamerika seien die Belastungen dagegen nicht so groß. Dennoch sieht man auch hier Probleme. So habe sich im Zuge der Pandemie das Gesundheitsrisiko durch eine erhebliche Veränderung der Arbeitswelt erhöht. Für ihre Analyse haben die Experten Erhebungen aus über 150 Ländern und die Erkenntnisse aus knapp 60 Studien zusammengeführt.
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Lange verursachten Verletzungen die meisten Gesundheitsschäden am Arbeitsplatz. Laut einer neuen Analyse ist Überarbeitung aber das größere Problem. Die Coronakrise könnte die Lage noch verschlimmern, warnen Experten.

Lange Arbeitszeiten kosten einer UN-Studie zufolge jährlich Hunderttausende Menschenleben. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) gehen davon aus, dass im Jahr 2016 weltweit rund 398.000 Menschen an Schlaganfällen und etwa 347.000 an koronarer Herzerkrankung starben, weil sie 55 Wochenstunden oder mehr gearbeitet hatten. Kein Job sei dieses Risiko wert, sagte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus. "Regierungen, Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen sich gemeinsam auf Limits zum Schutz der arbeitenden Menschen einigen."

Durch Überarbeitung gingen 2016 der Analyse zufolge weltweit rund 23 Millionen gesunde Lebensjahre verloren – mehr als durch Verletzungen oder Fehlbelastungen, die bislang als die größten Verursacher von Gesundheitsschäden am Arbeitsplatz gesehen wurden. Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt demnach ab 55 Stunden Wochenarbeitszeit stark an. Einerseits verursache die körperliche und psychische Belastung diese Krankheiten, erklärte Mitautor Jian Li von der Universität von Kalifornien in Los Angeles. Zusätzlich gebe es indirekte Faktoren wie Rauchen, Alkohol, zu wenig Bewegung und Schlafmangel.

"Karoshi" ist längst ein globales Problem

Im Japanischen gibt es ein eigenes Wort für Tod durch Überarbeitung: "Karoshi". "Karoshi wurde in vergangenen Jahren als einzigartiges ostasiatisches Phänomen gesehen, doch durch unsere systematischen Untersuchungen und globalen Schätzungen wissen wir, dass es sich um ein globales Problem handelt", sagte Li. Im Auftrag von WHO und ILO wurden Umfragen zu Arbeitszeiten aus 154 Ländern ausgewertet. Die Daten wurden mit Studien über Schlaganfälle und Herzkrankheiten mit insgesamt 1,6 Millionen Teilnehmern abgeglichen.

Laut den Forschern arbeiten fast neun Prozent der Weltbevölkerung 55 Stunden oder mehr pro Woche. Ostasien, Südostasien und der indische Subkontinent sind demnach besonders stark durch arbeitsbedingte Herz-Kreislauf-Erkrankungen belastet, ebenso einige Länder in Afrika und Südamerika.

In diesen Regionen gebe es viele Menschen ohne geregelte Arbeitsverträge und -zeiten. Die geringste Belastung gebe es in Nordamerika und Europa, wo der Arbeitnehmerschutz stärker sei. "Diese Maßnahmen scheinen also wirklich zu funktionieren", sagte WHO-Experte und Hauptautor Frank Pega.

Laut der Studie nahmen tödliche Herzerkrankungen und Schlaganfälle mit Arbeitsbezug zwischen 2000 und 2016 stark zu. Die Corona-Krise könnte diese Entwicklung noch verstärken, warnte WHO-Chef Tedros: Im Homeoffice verschwömmen Arbeit und Freizeit. Stellenkürzungen erhöhten die Belastung für verbliebene Mitarbeiter. WHO und ILO fordern deshalb, bestehende Arbeitszeitregeln umzusetzen und fehlende Gesetze einzuführen.

fs DPA

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