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Covid-19-Pandemie Eine neue WHO-Gruppe könnte die letzte Chance sein, den Ursprung des Coronavirus zu finden

WHO Coronavirus Wuhan: Medizinisches Personal nimmt einen Abstrich für einen Corona-Test
Die chinesische Millionenmetropole Wuhan verzeichnete Ende 2019/Anfang 2020 den ersten bekannten Ausbruch des Coronavirus. Kleinere Ausbrüche werden seitdem mit Maßnahmen wie umfangreichen Tests eingedämmt. Die Aufnahme entstand im August 2021.
© Xiao Yijiu/ / Picture Alliance
Die Weltgesundheitsorganisation wagt einen neuen Versuch: Erneut soll eine Expertengruppe den Ursprung des Coronavirus untersuchen und künftige Studien über Pandemie-Erreger voranbringen. Unter den vorgeschlagenen Expertinnen und Experten ist auch der Berliner Virologe Christian Drosten. 

Es begann mit Nachrichten um eine "rätselhafte Lungenkrankheit", die sich Anfang 2020 zunächst in der chinesischen Millionenmetropole Wuhan ausbreitete. Bald darauf meldeten weitere Länder erste Fälle mit Sars-CoV-2 Infektionen. Die WHO erklärte Covid-19 schließlich zur Pandemie. Seitdem haben sich weltweit mehr 230 Millionen Menschen mit dem Coronavirus angesteckt. Mindestens 4,8 Millionen Menschen sind an der Erkrankung gestorben.

Mittlerweile gibt es wirksame und zugelassene Impfstoffe gegen Covid-19, auch die Behandlung von Patientinnen und Patienten hat wichtige Fortschritte gemacht – allein der Ursprung des Virus bleibt weiterhin unklar. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat nun erneut ein Gremium aus internationalen Expertinnen und Experten zusammengestellt, um mögliche Ursprünge der Pandemie zu untersuchen. Die "Scientific Advisory Group on the Origins of Novel Pathogens", kurz "SAGO", soll auch damit beauftragt werden, Richtlinien für künftige Studien über den Ursprung von Pandemien und Epidemien zu erarbeiten.

Vorläufige Liste veröffentlicht

Die WHO veröffentlichte eine vorläufige Liste mit 26 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus zahlreichen Ländern, die künftig Teil des "SAGO"-Beirats werden sollen – darunter Forschende aus China, Russland, den USA, Saudi-Arabien und Kambodscha. Auch der Virologe Christian Drosten, Institutsdirektor der Virologie an der Berliner Charité, ist auf der Liste vertreten. Einer seiner Forschungsschwerpunkte liegt auf dem Gebiet neu auftretender Viren, sogenannter "emerging viruses". Nach einer Frist von zwei Wochen sollen die "SAGO"-Expertinnen und Experten offiziell bestätigt werden. Für die Arbeit des Pandemie-Gremiums hatten sich mehr als 700 Forschende beworben.

Unter den von der WHO genannten Vorschlägen sind elf Wissenschaftlerinnen sowie sechs Forschende, die bereits Teil eines WHO-Expertengremiums waren, das Anfang des Jahres nach Wuhan, China, gereist war, um zu dem möglichen Ursprung der Pandemie zu forschen. Das Expertenteam kam damals zu dem Schluss, dass ein natürlicher Ursprung des Virus "wahrscheinlich bis sehr wahrscheinlich" sei. Demnach stammt Sars-CoV-2 voraussichtlich von Fledermäusen ab und könnte über einen Zwischenwirt zum Menschen gelangt sein. Welche Tierart als Zwischenwirt gedient haben könnte, ließen die Experten allerdings offen. Sie betonten, dass weitere Untersuchungen notwendig seien. Das WHO-Expertengremium hatte unter anderem einen Tiermarkt in Wuhan besichtigt, von dem die ersten bekannten Sars-CoV-2-Fälle ausgingen. An den Untersuchungen waren auch chinesische Kolleginnen und Kollegen beteiligt.

Die damalige Expertengruppe nahm auch Bezug zu der Theorie, wonach das Virus aus einem Labor freigesetzt worden sein könnte und bezeichnete diese mögliche Ursache der Pandemie als "sehr unwahrscheinlich". In einem aktuellen "Science"-Editorial, das WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus mit zwei weiteren WHO-Offiziellen verfasst hat, heißt es jedoch, dass ein Laborunfall erst dann ausgeschlossen werden könne, "wenn ausreichende Beweise dafür vorliegen und diese Ergebnisse offen geteilt werden".

China hatte diese Theorie immer wieder scharf zurückgewiesen. Weitere Untersuchungen vor Ort sollen nicht mehr zugelassen werden. Die US-Regierung wirft China vor, Informationen vorenthalten zu haben. Nach Ansicht Pekings missbrauchen die USA und andere Länder die Pandemie für politische Attacken.

Politik behindert Wissenschaft

Michael Ryan, der geschäftsführende Direktor des "W.H.O. Health Emergencies Programme", bezeichnete die Arbeit des künftigen Expertengremiums auf einer Pressekonferenz als womöglich "letzte Chance, die Ursprünge dieses Virus auf kollegiale, kollektive und gegenseitig verantwortungsvolle Weise zu verstehen". Gleichzeitig betonte er, dass es nicht möglich sei, Hindernisse wie "Nationalstolz" auf der Suche nach dem Ursprung des Erregers zu ignorieren. Das Expertengremium sei nun ein Versuch, verstärkt wissenschaftliche Fragestellungen in den Fokus der Bemühungen zu rücken. Auch in dem aktuellen Science-Editorial wird "Politisierung" als größtes Hindernis für wissenschaftliche Prozesse genannt.

Corona-Desinfektion in China (Symbol)

Das "SAGO"-Gremium soll auf der Arbeit der ersten WHO-Expertenmission aufbauen, Studien zu dem Thema sichten und die WHO über offene Fragestellungen und notwendige weitere Schritte unterrichten. "Alle Hypothesen müssen weiterhin überprüft werden", heißt es in dem Science-Editorial. Ein transparenter wissenschaftlicher Prozess sei "unerlässlich". 

Die WHO hofft auch, dass die Arbeit des Gremiums künftige Untersuchungen erleichtert und politische Auseinandersetzungen vermieden werden können. Covid-19 werde nicht die letzte "Krankheit X" sein, schreiben die WHO-Offiziellen in "Science". Es sei im Interesse aller, für die nächste neuartige Erkrankung besser vorbereitet zu sein.

Quellen:Science / WHO / New York Times / DPA

ikr

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