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Zungenbrennen: Loderndes Feuer im Mund

Als hätten Sie gerade Chilischoten gegessen, so beißt es im Mund: Zunge, Lippen und Gaumen fühlen sich an wie versengt - tagelang, nächtelang. Dann wird der Alltag zur Qual.

Wenn der Mund dauernd schmerzt, sind meist Nerven daran schuld

Wenn der Mund dauernd schmerzt, sind meist Nerven daran schuld

Wenn es im Mund zu brennen scheint, sprechen Fachleute von Glossodynie oder, in englisch, vom Burning Mouth Syndrome (BMS). Fünf Prozent der Deutschen kennen das Problem, schätzen Ärzte. Frauen leiden unter den schmerzenden Schleimhäuten bis zu neunmal häufiger als Männer, vor allem in den Wechseljahren: Knapp 16 Prozent der Frauen zwischen 40 und 49 Jahren klagen über Zungenbrennen.

Wenn der Mund dauernd schmerzt, sind meist nicht die Schleimhäute krank - schuld sind häufig die Nerven des Gesichts: Der Trigeminus-Nerv leitet Impulse aus der Mundhöhle dann falsch weiter ins Gehirn. Das bedeutet: Die Schmerzen, die Sie spüren, sind womöglich kein Warnsignal, sondern ein falsches Signal.

Ob die Störung in den kleinen Nervenfasern des Gesichts liegt oder in den nachfolgenden Schaltknoten im Gehirn, lässt sich kaum herausfinden. Tatsache ist: Die Impulse aus den Schleimhäuten - ursprünglich vielleicht ausgelöst durch Wärme, Kälte oder Druck - geraten durch gestörte Leitungen in ein unpassendes Gehirnfach: in das für brennenden Schmerz.

Der Schmerz kann auch ein Zeichen einer Allergie sein

Brennen Mund oder Zunge, kann das aber auch an anderen Krankheiten liegen. Vielleicht kauen Sie nachts oder tagsüber unbewusst auf der Wangenschleimhaut herum. Vielleicht verletzen Sie sich immer wieder in der Mundhöhle, zum Beispiel, wenn Sie Ihre Prothese einsetzen. Es kann auch sein, dass Ihre Zungenschleimhaut erkrankt ist oder dass Ihre Speicheldrüsen nicht richtig funktionieren.

Möglicherweise ist der Schmerz ein Warnsignal für eine Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) oder die Reflux-Krankheit - dann stoßen Sie gleichzeitig sauer auf. Das Brennen kann auch eine Nebenwirkung von Arzneimitteln sein, wenn diese einen trockenen Mund verursachen.

Vielleicht reagieren Sie allergisch auf Nahrungsmittel, Zahnpasta, Mundwasser oder auf Amalgam, auch dann könnte Ihre Mundschleimhaut brennen. Rein theoretisch könnten sogar minimale elektrische Ströme schuld sein: Sie entstehen, wenn Sie verschiedene Metalle im Mund haben, zum Beispiel Amalgam- und Goldfüllungen. Wissenschaftliche Studien konnten den Zusammenhang bislang allerdings nicht bestätigen.

Menschen, deren Mund und Zunge brennen, sind oft seelisch stark belastet. Fachleute gehen deshalb davon aus, dass viele verschiedene Ursachen zusammen kommen müssen, bevor Mund und Zunge schmerzhaft brennen. Etwa bei der Hälfte der Geplagten hört die Pein nach einigen Jahren plötzlich auf.

Symptome

Am häufigsten brennen die Zungenspitze, der Gaumen und die Lippen. Auch Zungenrand und -rücken schmerzen oft. Letztlich können die Beschwerden aber an allen Schleimhäuten der Mundhöhle auftreten - sowohl auf einer Seite als auch auf beiden. Auf den Schleimhäuten können Sie dabei nichts erkennen. Möglicherweise ist Ihr Mund aber trocken oder Sie haben ständig Durst. Vielleicht schmeckt es auch bitter oder metallisch in Ihrem Mund.

Nachts ist der Brand auf der Zunge erloschen

Die Schmerzen fangen häufig morgens leicht an und verschlimmern sich zum Abend hin. Bei anderen brennt der Mund konstant den gesamten Tag über gleich stark. Möglicherweise kommt und geht das sengende Gefühl aber auch im Laufe des Tages. Nachts spüren die meisten nichts.

Bei 33 Prozent der Betroffenen ist das Malheur plötzlich da, zum Beispiel nach einer Behandlung beim Zahnarzt oder nachdem die Schleimhäute entzündet waren. Die anderen zwei Drittel berichten, dass sich das Brennen im Mund ganz leise und langsam eingestellt hat und mit der Zeit immer schlimmer wurde.

Diagnose

Sie brauchen Geduld, um klären zu können, ob Sie an Zungenbrennen leiden. Denn erst wenn sicher ist, dass keine andere Krankheit die Schmerzen verursacht, kann Ihre Ärztin die Diagnose Burning Mouth Syndrome stellen. Sie muss daher eine mögliche Ursache nach der anderen ausschließen.

Im Gespräch wird Sie der Arzt fragen, ob Sie eine Strahlentherapie hinter sich gebracht haben, ob Sie sauer aufstoßen oder kürzlich an den Zähnen behandelt wurden. Er wird sich auch für Ihre Lebenssituation interessieren, um möglichen seelischen Einflüssen auf die Spur zu kommen. Denn Stress, Depressionen oder die Folgen der Wechseljahre können das brennende Gefühl auf der Zunge verstärken.

Fehlen Ihnen Hormone oder Vitamine, reagiert Ihre Mundschleimhaut mit Missempfindungen. Daher wird die Ärztin Sie danach fragen, wie Sie sich ernähren und ob Sie unter Hormonschwankungen leiden. Auch verschiedene Krankheiten können die Schleimhäute zum Brennen bringen, daher wird sie nachhaken:

  • Bildet Ihre Speicheldrüse zu wenig Flüssigkeit?
  • Haben Sie eine Magen-Erkrankung?
  • Nehmen Sie Medikamente ein und falls ja, welche?
  • Ist Ihre Bauchspeicheldrüse krank?
  • Haben Sie Infektionen, vor allem solche mit dem Pilz Candida albicans?
  • Leiden Sie an Ess-Brech-Sucht (Bulimie)?

Eine Inspektion des Mundes muss sein

Anschließend wird der Arzt Schleimhäute und Zähne, Zunge und Rachen inspizieren und nach Auffälligkeiten suchen, zum Beispiel danach, ob die Schleimhaut entzündet ist. Er wird auch nachsehen, ob Sie sich auf die Zunge gebissen haben oder sich mit heißem Essen oder Getränken verbrüht haben. Vielleicht tragen Sie auch eine Zahnspange oder Ihre Prothese ist defekt. Schon eine besonders scharfe Kante kann Ihre Beschwerden ausgelöst haben.

Um der Sache auf den Grund zu gehen, kann der Arzt verschiedene Bluttests in Auftrag geben. Sie können zeigen, ob es Ihnen an Vitamin B12 oder an den Vitaminen B1, B2 und B6 fehlt. Möglicherweise haben Sie auch zuwenig Folsäure oder Eisen im Körper. Testen lassen kann er auch, ob Ihre Schilddrüse in Ordnung ist.

Mit Bluttests kann Ihre Ärztin zudem herausfinden, ob die Nerven Ihrer Mundhöhle beeinträchtigt sind, weil sie eine chronische Krankheit haben, zum Beispiel eine Leberzirrhose, eine Nierenerkrankung (Urämie) oder die Zuckerkrankheit (Diabetes). So kann auch Gewebetests veranlassen, wenn sie den Verdacht auf die Knötchenkrankheit (Lichen planus) hat oder sie kann einen Allergie-Test empfehlen.

Therapie

Wenn Ihnen der Mund brennt, weil Sie etwas höllisch Scharfes gegessen haben, hilft kalte Milch. Leiden Sie jedoch unter dem Burning Mouth Syndrom, bringt Milch nichts. Versuchen Sie es stattdessen mit kühlem Salbeitee oder gurgeln Sie mit kaltem Salzwasser.

Leider gibt es keine Pille, die heilen könnte. Medikamente können die Symptome nur lindern. Alpha-Liponsäure hilft gegen Zungenbrennen, wie wissenschaftliche Studien belegen. Die Substanz bildet der menschliche Körper selbst, sie schützt uns vor aggressiven Stoffwechselprodukten. Tabletten mit Alpha-Liponsäure können Sie ohne Rezept in Apotheken kaufen.

Manchen Menschen mit Burning Mouth Syndrom scheint der Wirkstoff Clonazepam gutzutun. Das Beruhigungsmittel verschreiben Neurologen häufig bei Epilepsie. Eindeutig wissenschaftlich nachgewiesen ist es aber nicht, dass Clonazepam das Brennen im Mund löschen kann.

Schwere Geschütze gegen das harmlose Sengen

Einige Ärzte verschreiben gegen das Zungenbrennen Antidepressiva. Solche Medikamente helfen gegen schwere seelische Störungen, vor allem gegen Depressionen. In niedriger Dosis eingenommen, können sie Schmerzen lindern. Psychiater empfehlen Antidepressiva gegen das Burning Mouth Syndrome, wenn alle anderen Therapien versagt haben. Sie sollten Antidepressiva nicht auf eigene Faust nehmen: Die Substanzen machen abhängig.

Weil besonders Frauen in den Wechseljahren vom Feuer im Mund gepeinigt werden, greifen manche Ärzte zur Hormon-Pille. Hormon-Ersatz-Therapien sind jedoch nicht empfehlenswert: Erstens zeigen Studien, dass sie gegen die Beschwerden nicht helfen. Zweitens ist seit einigen Jahren bekannt, dass sie das Risiko erhöhen, an Brustkrebs zu erkranken.

Wissenschaftliche Studien haben eindeutig nachgewiesen, dass eine so genannte kognitive Verhaltenstherapie den Schmerz im Mund verbannen kann. Der Therapeut wird Ihnen zeigen, wie Sie Ihre Gefühle und Ihr Denken so lenken können, dass die Pein verschwindet.

Vielleicht kann Ihnen auch eine Schmerztherapie helfen. Dabei wird Ihnen ein Betäubungsmittel in die Mundhöhle gespritzt: Es sorgt dafür, dass der Schmerz kurzfristig aufhört und die Schleimhäute wieder besser durchblutet werden. Das kann möglicherweise einen Heilungsprozess anstoßen - wissenschaftlich belegt ist das aber nicht.

Expertenrat

Dr. med. Frank Waldfahrer von der Hals-Nasen-Ohren-Klinik der Universität Erlangen antwortet
Welche Therapien helfen am besten? Wir haben gute Erfahrungen mit Alpha-Liponsäure gemacht. Dieses Medikament setzte man ursprünglich gegen die so genannte diabetische Neuropathie ein, also gegen Missempfindungen, die durch Nervenenden hervorgerufen werden, die infolge eines zu hohen Blutzuckerspiegels zerstört sind. Da wir dank neuerer Forschungsarbeiten mittlerweile davon überzeugt sind, dass das Zungenbrennen ebenfalls eine Art Neuropathie ist, ist der Erfolg einer solchen Therapie nur logisch. Ich schätze, bei der Hälfte der Patienten bessert sich die Symptomatik durch die Alpha-Liponsäure. Viele Patienten profitieren aber auch von einer kognitiven Verhaltenstherapie. Bei dieser Therapieform geht man davon aus, dass die Art und Weise, wie wir denken, auch bestimmt, wie wir uns fühlen und wie wir körperlich reagieren.

Welche Rolle spielt die Seele beim Zungenbrennen?

In der Klinik sehen wir überdurchschnittlich häufig Patienten mit depressiven Erkrankungen. Im Nachhinein lässt sich jedoch meist nicht mehr so leicht feststellen, was zuerst da war: die depressive Verstimmung oder das Zungenbrennen.

Kann Zungenbrennen durch eine bestimmte Behandlung beim Zahnarzt entstehen?

Die Patienten sollten sich keinesfalls jeglichen Zahnersatz entfernen und neu machen lassen. Das wäre völlig übertrieben. Wenn, dann spielt die Behandlung höchstens eine verstärkende Rolle; sie ist jedoch praktisch niemals Ursache. Dennoch sollte ein Zahnarzt schauen, ob ein drückendes Gebiss, ein sperriger Draht oder eine raue Füllung für Probleme sorgen.

Wo bekomme ich die beste Hilfe?

Das Krankheitsbild ist häufiger als man glauben mag. Dennoch scheuen sich viele niedergelassene Ärzte vor einer Behandlung, da es ein sehr vielschichtiges Krankheitsbild ist. Daher haben viele HNO-Unikliniken und universitäre Zahnkliniken entsprechende Spezialsprechstunden.

Constanze Löffler
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