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Selbstversuch: Heute mache ich mal nichts

Nichtstun beflügelt die Gedanken und schafft Raum für Inspiration, sagen Hirnforscher. Doch meist fällt es schwer, den Kopf frei zu bekommen. Unsere Autorin hat es geschafft - und berichtet über ein Experiment mit Anlaufschwierigkeiten.

Von Franziska Wolffheim

Endlich Zeit, um die Beine hochzulegen und den Kopf abzuschalten: Nichtstun kann ein äußerst produktiver Zustand sein - denn dann kommen meist die besten Ideen.

Endlich Zeit, um die Beine hochzulegen und den Kopf abzuschalten: Nichtstun kann ein äußerst produktiver Zustand sein - denn dann kommen meist die besten Ideen.

Auf den ersten Blick klingt es paradox: Wer viel zu tun hat, sollte ab und zu gar nichts tun. Ja, gar nichts. Nach neuen Untersuchungen kann Nichtstun nämlich sehr produktiv sein. Der amerikanische Neurowissenschaftler Marcus Raichle hat herausgefunden, dass es im Gehirn ein sogenanntes "default mode network" gibt, ein Ruhezustand-Netzwerk, das verschiedene Gehirnregionen einbindet. Es ist gerade dann hochaktiv, wenn wir herumhängen, dösen, die Gedanken schweifen lassen. Es erlaubt uns, quasi aus der Vogelperspektive auf uns selbst zu schauen, eingefahrene Gedankenmuster zu durchbrechen, erfinderisch zu sein.

"Das Default-Mode-Netzwerk unterstützt die Selbsterkenntnis, das autobiografische Gedächtnis, soziale und emotionale Vorgänge und die Kreativität. Es hat Bestand, solange Sie sich ausruhen können", schreibt der Kognitionswissenschaftler Andrew Smart in seinem neuen Buch "Öfter mal auf Autopilot. Warum Nichtstun so wichtig ist". Solange wir dagegen To-do-Listen abarbeiten, ruht dieses Netzwerk in einem tiefen Schlaf.

Nichtstun - eine fast verlernte Beschäftigung

Das Problem ist nur: Wir tun so selten gar nichts, dass wir es fast verlernt haben. Oder? Ich jedenfalls kenne kaum bekennende Nichtstuer, die mir erzählen könnten, wie es ist, einen ganzen Tag lang gar nichts zu tun. In meiner Vorstellung ist das wie eine Reise nach Patagonien oder noch weiter weg. Weil ich im Prinzip eine alte Preußin bin, gewohnt, produktiv zu sein und alles zu meiden, was sinn- und zweckfrei erscheint.Statt mich zurückzulehnen und auch mal in den Produktivitäts-Streik zu treten, neige ich eher dazu, das Tempo anzuziehen. Weil ich der Meinung bin, dass sich die meisten Dinge nicht von selbst erledigen. Dass alles, was man nicht beachtet, nicht besser wird, sondern schmutziger, unaufgeräumter, chaotischer. Andererseits: Wenn man permanent den Dingen hinterherläuft, wird man selbst nie zur Ruhe kommen. Also kann es gut sein, eine Zeit lang die Dinge in Ruhe zu lassen.

Ich erinnere mich an Kindertage, an denen ich gar nichts gemacht habe. Weil ich nicht wusste, was ich mit mir anfangen soll. Nachmittage wie klebriger Kirschsaft, die sich ewig hinzogen. Ich musste es mir nicht vornehmen, nichts zu tun, es war einfach so. Dass das Nichtstun ein Luxus sein kann, habe ich damals nicht empfunden.

Aber was genau ist eigentlich Nichtstun? Zählt Spazierengehen dazu? Ein Buch lesen? Oder eine Freundin treffen und entspannt miteinander reden? Im Duden steht unter dem Stichwort "Nichtstun": 1. Untätigkeit; 2. Faulenzen, Müßiggang, dem sich jemand hingibt. Was aber heißt das konkret? "Fast jede bewusste Tätigkeit, etwa sich zum Essen hinzusetzen oder eine Rede zu halten, bedeutet zugleich, von der Grundaktivität des Ruhestandards abzuweichen", sagt der Neurowissenschaftler Raichle. Es geht also darum, keinerlei zielgerichtete Aktivität zu verfolgen, stattdessen: sich ausruhen, dösen, den Gedanken nachhängen – auch Tagträum-Modus genannt. Man ist im Gespräch mit sich selbst, auch wenn es vielleicht nur lose Gedankenfäden sind. "Erstaunlicherweise", so Raichle, "benötigt das Gehirn dafür etwa 20-mal so viel Energie wie für die bewusste Abwehr einer lästigen Fliege oder eine Reaktion auf irgendein anderes Außengeschehen."

Wie mit dem Nichtstun beginnen?

Wie fängt man nun aber damit an, mit dem Nichtstun? Ich gehe zu meinem Lieblingsplatz in der Wohnung, dem Sofa im Wohnzimmer, von dem aus ich in den Garten schauen kann. Um mich herum viele Kissen, eine Wolldecke, eine Kanne Tee auf dem Tisch. Ein perfektes Setting, finde ich. Dann schaue ich in den Garten und denke, dass ich das Laub zusammenfegen müsste. Der Blick wandert zu meinem unaufgeräumten Schreibtisch. Seltsam, denke ich, dass ich die Umgebung nicht einfach wahrnehmen kann, wie sie ist, sondern sie für mich stets Aufforderungscharakter hat. Könnte ich nicht einfach akzeptieren, dass sie immer unvollkommen sein wird, und wenn es nur die hauchdünne Staubschicht ist? Ich muss an das Lied „Nichtsnutz“ von Judith Holofernes denken: "Ich mach heut nichts was etwas nutzt/was unterstützt/oder was putzt."

Meine Mails habe ich seit zwei Stunden nicht angeguckt. Vielleicht könnte ich einmal kurz, ganz schnell ... Außerdem sollte ich einkaufen gehen, den Kühlschrank füllen, ich habe nicht daran gedacht. Danach kann ich immer noch mit dem Nichtstun anfangen. Oder? Ich langweile mich, fühle mich seltsam überflüssig. Wenn ich krank bin, habe ich
zumindest eine Begründung fürs Nichtstun. Das Telefon klingelt. Rangehen? Die Versuchung ist groß. Aber es könnte meine redselige Schwimmbad-Bekannte sein. Die mir womöglich erzählt, dass ihr Hund, ein Bobtail, gerade wieder beim Frisör war und "zum Anbeißen" aussieht. Will ich das wissen? Nein. Also nicht rangehen.

Es fängt an zu regnen, die Regentropfen laufen die Fensterscheiben hinunter. Manche sind ganz schnell, andere lassen sich mehr Zeit, manche wirken am Anfang zögerlich und legen dann plötzlich einen Endspurt ein. Der Regen wird stärker, die Tropfen trommeln gegen die Scheiben. Jetzt sind es kleine Bäche. Am Ende der Scheiben sammeln sie sich, ich schaue ihnen dabei zu. So klein ist plötzlich die Welt. Und angenehm überschaubar.

Der Regen ist so stark, dass ich gar nicht mehr den Drang verspüre, nach draußen zu gehen. Weniger Wahlmöglichkeiten - das macht das Leben einfacher. Ich schließe die Augen, höre dem gleichmäßigen Trommeln zu, das etwas Beruhigendes hat. Kurz überlege ich, wann ich eigentlich zuletzt Fenster geputzt habe, aber ich kann mich nicht erinnern. Gut so. Es ist schön, sich ganz auf den Regen einzulassen. Ich verliere das Zeitgefühl, habe keine Ahnung, wie lange ich den Tropfen lausche. Ich höre einfach zu, bis der Regen irgendwann aufhört.

Die Gedanken fliegen - und reisen in die Ferne

Mein Kopf ist jetzt leichter, Bilder tauchen auf. Vor Kurzem war ich auf Föhr, habe mir eine Ausstellung mit indischen Klangschalen angesehen. Ich muss an eine ehemalige Schulkameradin denken, die eine Klangschale zu Hause hatte und jetzt in San Francisco lebt. Etwas verrückt, aber sympathisch. Sie hat mich mehrfach eingeladen. Vielleicht sollte ich wirklich hinfahren, die Stadt reizt mich schon lange. Dann taucht ein anderes Bild auf: In Florenz, wo ich im Sommer war, stehe ich auf dem Glockenturm. Von oben wirkt die Stadt geschrumpft, die Touristen sind nur noch Fliegendreck. Wenn ich den Kopf hebe, sehe ich die geschwungenen Hügel und den weiten Himmel. Vom Himmel aus betrachtet bin auch ich nur Fliegendreck. Es ist gut, mal die Perspektive zu wechseln. Überhaupt sollte man sich selbst nicht immer so wichtig nehmen. Ich spüre, wie die Gedanken vor sich hin treiben. So fühlt es sich offensichtlich an, wenn das Ruhezustands-Netzwerk angesprungen ist.

Plötzlich merke ich, dass ich Hunger habe. Wie kann ich ohne etwas zu tun zu einem anständigen Essen kommen? Praktisch wäre jetzt so etwas wie die Knackwurst-Bring-Anlage, die das Sams in dem Kinderbuch von Paul Maar erfunden hat. Ich bestelle bei einem asiatischen Lieferservice Huhn mit Erdnusssoße. Sonst bestelle ich das nur für meinen Sohn. Es schmeckt gut, auch weil ich fast nichts dafür tun musste.

Es ist jetzt Nachmittag, ich setze mich auf den Balkon, der zur Straße geht, die Luft ist mild. Obwohl die Straße wenig befahren ist, sitze ich sonst niemals hier. Es gefällt mir, mal eine ganz andere Position einzunehmen. Die Margeriten in den Blumenkästen sind hinüber, ich müsste sie abschneiden, aber ich zwinge mich, sitzen zu bleiben. Ich sehe den Postboten, der mir zunickt, und für einen Moment habe ich ein schlechtes Gewissen und fühle mich nutzlos. Ich könnte ihm erklären, dass ich mir heute vorgenommen habe, gar nichts zu tun, aber er würde mich vermutlich für durchgeknallt halten.

Zwei Frauen, elegant gekleidet, ziehen Rollkoffer hinter sich her, sie gehen schnell. Ein Junge heizt auf seinem Rad über den Bürgersteig und klingelt ein paar Fußgänger weg. Unter mir läuft eine Ameise zielstrebig auf die Mauer zu, ich frage mich, was sie dort sucht und woher sie eigentlich weiß, wohin sie will. Während ich ihr zuschaue, merke ich, wie angenehm es ist, überhaupt kein Ziel zu haben. Nur dazusitzen, solange ich Lust habe und mich die Sonne noch ein bisschen wärmt. Ich denke daran, wie ich im Sommer durchs Watt gelaufen bin, immer weiter, ohne Ziel, bis ein Priel mich gestoppt hat und ich zurückgelaufen bin. Auch damals hatte ich jedes Zeitgefühl verloren. Es war einer der besten Spaziergänge meines Lebens, ganz ohne Karte und Google Maps.

Der Geist schwebt, ist schläfrig und hellwach zugleich

Irgendwann stehe ich auf, weil ich nicht mehr sitzen mag. Im Film würde ich mir jetzt, gegen die Hauswand gelehnt, eine Zigarette anstecken. Aber dies ist kein Film, und ich rauche nicht. Ich stehe einfach da und habe nicht das Bedürfnis, etwas zu tun. Ein erstaunlicher Zustand: Der Geist schwebt herum, ein bisschen schläfrig und hellwach zugleich. Auch wenn ich weiß, dass das Gehirn jetzt viel Energie verbraucht, empfinde ich diesen Zustand nicht als kräftezehrend, sondern als entspannend.

Im Film hätte es längst einen Cut gegeben, eine neue Einstellung, weil dieser Mensch auf dem Balkon - ich - einfach nichts tut, und es ist langweilig, ihm dabei zuzusehen. Mir ist dagegen überhaupt nicht langweilig, ganz anders als heute morgen. Man muss sich offenbar nur einlassen, auch wenn es zunächst schwerfällt. Wenn man Glück hat, laufen einem die Gedanken irgendwann davon, der Tagträum-Modus übernimmt die Führung. Mein Kopf fühlt sich angenehm leer an. Mal sehen, auf welche Ideen er noch kommt. Vielleicht fahre ich bald nach San Francisco.

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