VG-Wort Pixel

"ZDF Magazin Royale" Erst Ex-saufen, dann X-Akten – Böhmi startet stark

Jan Böhmermanns neue Satiresendung "ZDF Magazin Royale" wird ab dem 6. November 2020 im ZDF ausgestrahlt
Jan Böhmermanns neue Satiresendung "ZDF Magazin Royale" wird ab dem 6. November 2020 im ZDF ausgestrahlt
© Jens Koch / DPA
Kann man das eigentlich schon ein Comeback nennen? Jan Böhmermann feierte seine royale ZDF-Premiere in den nächtlichen Untiefen des Freitagabends. Das Thema lautet Verschwörung, und was erst nach billigem Rotwein schmeckt, entwickelt sich doch noch zu einem ganz edlen Tropfen.
Von Ingo Scheel

Zünden die Böhmermann-Bomben wohl auch im Hauptprogramm? Das war wohl die ganz große Frage, die man sich im Vorfeld der "ZDF Magazin Royale"-Premiere am Freitagabend, im Sandwich zwischen der "Heute Show" und "Aspekte", stellen musste. Hätte man sie nach bummelich zehn Minuten beantworten sollen, es gäbe wohl verlegenes Bartgekraule Marke Mark Forster, zwischen den Zähnen eingezogene Luft und Sätze, die mit "Also", "Naja" oder "Och" anfangen. Aber die Wahrheit liegt auf dem Platz und das Spiel dauert 33 Minuten. Und beim Schlussakkord, den ausgerechnet…aber spoilern wir an dieser Stelle nicht, sondern zäumen wir den Böhmermann-Gaul von vorn auf.

Zunächst mal wurde Geld angefasst und dem neuzugezogenen Ex-Neoisten eine schmucke Hochglanz-Kulisse hingestellt. Wer auf den gewohnten 70er-Talkshow-Charme mit Aschenbecher auf dem Tisch und Bienenwaben-Optik steht, für den bedeutete die neue Showarena erst einmal einen dezenten Kulturschock. Sei es drum, dafür kamen die Grußbotschaften zum Start im Zett-Deh-Eff von durchaus illustren Protagonisten: Vera I’nt Veen etwa, Jo Schück und Petr Bystron von der AfD, der die Frage nach einem Comedian, der nicht nur lustig ist, sondern politisch auch noch rechts steht, mit "Harald Schmidt" beantwortete. Es folgten Strache, Fleischhauer, ein merkwürdig maskierter Boris Palmer und Trump-Anwalt Michael Cohen: "If you need a lawyer, call me".

Darauf erst einmal einen Rotwein, gleich auf ex, das erste Glas, wir sind hier schließlich im Lockdown. Von der Fallhöhe des Intros ging es dann zunächst zurück auf Grasnabe. Den großen Verschwörungs-Pointen-Built-up mit Spencer aus "Hallo Spencer" aufzulösen, nun gut, man ahnte ja schon, dass da wohl noch mehr kommen würde. Aber das sollte noch etwas dauern, den konspirativen Rundumschlag mit dem Wendler ("Sie liebt den Deepstate") und dem Naidoo, Jeff Bezos und Bill Gates abzufrühstücken, das war kaum mehr als vorgestriges Blätterrauschen. Zudem gilt nachwievor: Die Dialoge können noch so pointiert sein, die Einspieler perfekt geschnitten – wer in einem Sketch mit Stoffpuppen spricht, der, nun ja, spricht halt mit Stoffpuppen.

Von Verschwörungen zu den reichsten Familien Deutschlands

Das war es dann aber auch an ausgedehnten Aufwärmübungen, mit dem Kopfsprung in Böhmermanns frischgegründeten Telegram-Channel, in dem sich nach nur einer Woche bereits um die 100.000 Follower an dessen Qanonsens ergötzen, war endlich Dampf unterm Kessel. Vom großen Verschwörungsthema aus landete Böhmermann flugs bei den elf reichsten Familien Deutschlands, von denen nicht weniger als sieben einst gemeinsame Sache mit den Nazis machten, von C&A über Porsche bis zu den Klattens und Quandts, allesamt Grauen-Gewinnler mit Steuervorteilen.

Wie Unternehmer Michael Stoschek etwa in Coburg durchdrückte, dass eine Straße nach seinem Großvater, dem NSDAP-Mitglied Max Brose, benannt wird, oder Tochter Julia Stoschek ihren Kunstkrempel in Berlin deinstallierte, weil ihr 2,78 Euro pro Quadratmeter als ein zu hoher Mietpreis erschien, das war tempogeladen und auf den Punkt. Getoppt von Mathias Döpfner, der von "seiner Besitzerin Friede Springer" mal eben eine Milliarde – steuerfrei, ätschibätsch – geschenkt bekam, das machte dann überaus deutlich Verschwörungstheorie und X-Akten braucht’s nicht mal, es geht in der Praxis ohnehin schon tolldreist zu, da oben, in der Bel Étage.

Böhmermann is back. Und das ist gut so

Am Ende machte es noch einmal "Zoom", aus den Home Offices meldeten sich die Musiker*Innen des Rundfunk-Tanzorchesters Ehrenfeld ein weiteres Mal auf dem Computerscreen und gaben zusammen mit the one and only Hans Peter Geerdes alias H.P. Baxxter dessen Corona-Stomper "FCK 2020" zum Besten. Tolle Version, toller Rotwein, toller Showstart mit untertourigem Entrée und hochoktanigem Finale, oder um es frei nach Slime zu sagen: Ein Drittel Speiseöl, zwei Drittel Benzin. Böhmermann is back. Und das ist gut so.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker