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"Die Weber": Subversiv oder volksverhetzend?

Das Berliner Landgericht hat die umstrittene "Weber"-Inszenierung gerichtlich verboten. Jetzt wittern die Dresdner eine Berliner Verschwörung gegen die kollektive ostdeutsche Biografie.

"Besserwessi mit Bierflasche erschlagen - ganz Bernau jubelt" hieß vor Jahren eine viel zitierte Boulevard-Schlagzeile, und ähnlich fidel muss es zugegangen sein, als das Dresdner Staatsschauspiel kürzlich den Gerhart-Hauptmann-Klassiker "Die Weber" auf die Bühne brachte. Da wurde auch mächtig geklatscht, als 33 unerschrockene Dresdner Bürger, Laien allesamt, im "Chor der Arbeitslosen" mal so richtig die Sau rauslassen durften und vor allen Leuten Sätze ausspuckten wie: "Das Verräterschwein Schröder wird wie ein Hamster in ein Laufrad gesperrt... Gemisch aus Diktatur und Demokratie muss her. Hartz IV-Befürworter, Anhänger großer Parteien werden interniert und mit Peitschen zur Arbeit getrieben. Wenig Schlaf, Folter. Straffällige Personen werden härter per Gesetz bestraft, Ausweisung nach Sibirien oder Verbrennung in Öfen. Politi-ker: einbuddeln, anpissen, zuscheißen. Wen ich sehr schnell erschießen würde, das wäre Frau Christiansen..."

Begeisterte Publikumsreaktionen

"Die Zuschauer regen sich nicht auf, im Gegenteil, sie klatschen", berichtet stolz der Regisseur Volker Lösch, während eine erschrockene Sabine Christiansen einen Aufruf zum Mord vermutet und per einstweiliger Verfügung eine Streichung der Passage verlangt. Als dann auch noch der Berliner Verlag Felix Bloch Erben gemeinsam mit der Hauptmann-Enkelin Anja die komplette Aufführung stoppen ließ, (Begründung: volksverhetzende Passagen, die vehement dem Charakter des Stückes widersprechen) war für die Dresdner völlig klar: Eine Berliner Verschwörung gegen die kollektive ostdeutsche Biografie.

Fassungslos verfolgte Anja Hauptmann, Enkelin des 1946 verstorbenen Dramatikers und Nachlassverwalterin, am vergangenen Donnerstag die "Diskussion" im Schauspielhaus, zu der Intendant Holk Freytag geladen hatte. Da saßen sieben Männer auf der Bühne, die allesamt einer Meinung waren. Nicht einen einzigen abweichenden Teilnehmer gestattete die Dresdner Herrenrunde. Das wäre bei Sabine Christiansen nicht passiert.

Urlaub am Meer statt Schmalzstulle

Was Anja Hauptmann "volksverhetzend" nennt, ist für den Regisseur Lösch subversives aktuelles Theater. Denn, so Lösch: "Wir übertragen den verzweifelten wütenden Gestus des Stücks nur in die heutige Zeit". Das stimmt. Während die Elenden des Jahres 1844 bei Hauptmann um eine Schmalzstulle barmen, fordern die Elenden des Jahres 2004 auch nur das Überlebensnotwendige: "Urlaub am Meer. Öfter mal Partys. Phonoturm mit CD-Player. Schickes neues Rad. Im Orient-Express nach Russland. Zum Tangotanzen nach Argentinien", raunt der Chor der Elenden.

Während das Landgericht Berlin am 11. Januar über das umstrittene Stück entscheiden will - die Vorstellung am 29.12. ist bereits ausverkauft - steht dem Dresdner Schauspielhaus ein weiterer Aufruf zur Gewalt ins Haus, das Solo des Kabarettisten Georg Schramm am 8. Mai. Der bemüht nicht Gerhart Hauptmann, wohl aber den ebenso toten österreichischen Dramatiker Thomas Bernhard. Titel: "Thomas Bernhard hätte geschossen". Was will uns das nun wieder sagen?

Gerda-Marie Schönfeld