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Deutsches Literaturarchiv: Marbach erhält Suhrkamp-und Insel-Archive

Die Archive der Verlage Suhrkamp und Insel (Frankfurt) kommen in das Deutsche Literaturarchiv Marbach.

Deutsche Literatur- und Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts kann künftig noch umfassender für Forschung und Öffentlichkeit erschlossen werden: Die Archive der Verlage Suhrkamp und Insel (Frankfurt) kommen in das Deutsche Literaturarchiv Marbach. Manuskripte und Korrespondenzen berühmter Autoren wie Ingeborg Bachmann, Peter Handke, Martin Walser, Max Brod, Paul Celan, Hermann Hesse und Ricarda Huch sowie das Autorenarchiv von Uwe Johnson sollen noch in diesem Jahr in das Neckarstädtchen gebracht werden. Darauf habe man sich in einem Vorvertrag geeinigt, teilten Verlag und Archiv am Freitag mit. Damit ist die Frankfurter Goethe-Universität im Wettbewerb mit Marbach unterlegen. Über die Kaufsumme wurde Stillschweigen bewahrt.

Der Leiter des Archivs Ulrich Raulff sagte: «In der Größe und Qualität können wir uns nach der Neuerwerbung im internationalen Vergleich mit einer Handvoll von Spitzenarchiven messen.» Es sei eine harte Konkurrenz mit der Universität Frankfurt gewesen. Letztlich hätten die Infrastruktur, das Reservoir von 200 Mitarbeitern und deren Know-How sowie der Wunsch der lebenden literarischen Autoren, ihre Vor- oder Nachlässe Marbach zu überlassen, den Ausschlag gegeben. «Der Hauptgrund war kein finanzieller, Frankfurt hat auch viel Geld geboten.» Nach Raulffs Angaben kommen Mittel für die beiden Archive vom Land Baden-Württemberg, vom Bund, aus Stiftungen und von privaten Sponsoren: «Wir sprechen aber nie über gebotene Preise.» In den Medien wurde spekuliert, dass Suhrkamp das Geld für den Anfang Januar kommenden Jahres geplanten Umzug nach Berlin braucht.

Der Frankfurter Universitätspräsident Prof. Werner Müller-Esterl bedauerte, dass der Stadt mit den Archiven ein «großer intellektueller und kultureller Schatz» verloren gehe. Er sei weiterhin davon überzeugt, ein solches Archiv dürfe nicht aus dem geistigen und kulturhistorischen Entstehungszusammenhang herausgerissen werden. Die Hochschule und das Literaturarchiv hätten aber eine Zusammenarbeit bei Erschließung und Erforschung der Archive vereinbart.

Mit der Übergabe des Materials soll für den optimalen Erhalt der Dokumente gesorgt werden. Außerdem erwartet der Verlag, dass das Archiv das Material nach einem mit ihm abgestimmten Plan zügig erschließt und der Forschung und der Öffentlichkeit - etwa in Ausstellungen - zugänglich macht. In Marbach lagern unter anderem bereits die Archive der Verlage S. Fischer, Rowohlt, Luchterhand, Piper, März, Diederichs und Claassen.

In der Mitteilung wird auf die literaturwissenschaftliche und geistesgeschichtliche Bedeutung der Archive hingewiesen: Das Suhrkamp Archiv stelle einen wesentlichen Bestandteil des geistigen Erbes der Bundesrepublik dar, das Inselarchiv reiche bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts zurück. Für die Marbacher Experten sei dies allenfalls mit der Übernahme des wichtigsten Archivs des 19. Jahrhunderts, des Archivs der Cottaschen Verlagsbuchhandlung, im Jahr 1952 vergleichbar. Das Cotta-Archiv umfasst mehr als 150 000 Briefe zwischen dem Verlag und seinen Autoren. Nach Raulffs Angaben übertrifft die Neuerwerbung diese Zahl noch deutlich.

Um ihren Wert zu unterstreichen, werden die Archive als eigene Abteilung unter dem Namen Siegfried Unseld Archiv geführt. Dokumente über Leben und Werk des gebürtigen Ulmers Unseld, nach dem Tod des Verlagsgründers Peter Suhrkamp alleiniger Geschäftsführer des Unternehmens, gehen ebenfalls nach Marbach. Unseld (1924-2002), der als einer der wichtigsten Verleger deutschsprachiger Nachkriegsliteratur gilt, hatte einen regen Austausch mit seinen Autoren und beeinflusste nach Raulffs Angaben auch die Entstehung ihrer Werke. Von seinen Besuchen bei den Schriftstellern legte er Reiseberichte an, die künftig auch in Marbach sein werden.

DPA / DPA