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Henri-Nannen-Preis: "Es gibt kein Glück ohne Leistung"

Heute, am 12. Mai, ehrt der stern den Publizisten Joachim Fest mit dem Henri-Nannen-Preis für sein Lebenswerk. Die Bücher von Fest - allen voran seine Hitler-Biografie - haben wesentliche Anstöße zur Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit gegeben.

Herr Fest, Sie haben gerade die Erinnerungen an Ihre Jugend aufgeschrieben. Womit setzen sie ein?

Mit einem Bild. Mein Vater kommt in unsere Wohnung in Berlin-Karlshorst, es muss 1931 oder 32 gewesen sein, mit einer blutigen Mullbinde um den Kopf, zwei Männer stützen ihn. Er war einer der Berliner Führer des "Reichsbanners", der Vereinigung, die den Saalschutz für die republikanischen Organisationen stellte, für die Sozialdemokraten, das Zentrum und die Gewerkschaften. Rotfrontkämpfer und Nazis versuchten, solche Veranstaltungen zu sprengen, mein Vater und seine Leute schützten sie. Meine Jugend ist sehr politisch verlaufen.

Haben Sie Erinnerungen an Hitlers Machtübernahme 1933?

Nicht an diesen Tag, aber an den Reichstagsbrand. Mein Vater fuhr am Tag danach, diesem 28. Februar 33, mit meinem Bruder und mir in der S-Bahn mehrfach die Strecke des Spreebogens hin und her, und wir sahen die dünne Rauchfahne, die noch über dem Reichstag stand. Wir Kinder fanden das ziemlich langweilig und begriffen den ganzen Ausflug nicht. Später hat mir mein Vater dann erklärt, er habe uns die Bedeutung dieses Tages und dieses Ereignisses bewusst machen wollen. Mein Vater war ja auch aktiver Politiker der Zentrumspartei und Rektor einer Schule - und wurde deswegen nach der Machtübernahme durch die Nazis sofort entlassen.

Wovon lebte die Familie dann?

Von 182 Mark Pension. Mit fünf Kindern. Bei uns wurde nichts weggeworfen, und jede noch so zerlöcherte Socke wieder gestopft.

Andere Kinder waren damals in der Hitlerjugend, Sie nicht. War das traurig für Sie?

Nein, es gab bei uns eine Art Verschworenheitsgefühl. Mein Vater hatte das Abendessen der Familie in zwei Durchgänge aufgeteilt. Die kleineren Kinder waren um 18 Uhr dran, dann aß mein Vater mit meinem Bruder und mir um 19 Uhr - er wollte halbwegs frei reden können. Wir genossen dieses Vertrauen. Ich weiß noch, wie mein Bruder mich anstieß und sagte: Wir gegen die Welt! Ich war gerade mal sechs oder sieben Jahre alt und hatte keine Ahnung, was die Welt ist, aber das Gefühl, gegen sie zu stehen, fand ich großartig. Von meinem Vater habe ich auch den Wahlspruch seines Lebens übernommen, das Petrus-Wort aus dem Matthäus-Evangelium: Und wenn alle es tun - ego non. Ich nicht! Das ist auch der Titel meines neuen biografischen Buches.

Welches Bild haben Sie von Ihrem Vater?

Er war ein so großer Held für mich, dass er mich um den Pubertätskonflikt betrogen hat. Ich konnte nie in die offene Opposition zu ihm gehen. Er selbst hat übrigens immer Wert auf die Feststellung gelegt, dass er nicht im Widerstand gegen Hitler war. Mit fünf Kindern könne man kein Widerstandskämpfer sein, fand er. Seine Haltung im Leben war die der klugen, ironischen Distanz. So hat er uns am Beispiel der Gestalt von Goebbels den Schwachsinn der Rassenlehre erläutert. "Ertrage die Clowns", lautete der Rat meines Vaters. Ein guter Satz, wie ich finde. Die Welt ist ja voller Clowns.

Als der Krieg ausbrach, waren Sie 12, als er zu Ende ging, waren Sie 18. Wann hat Ihre Jugend stattgefunden?

Nach dem Krieg. Genauer: nach der Kriegsgefangenschaft. Eigentlich noch später. Das Kriegsende 1945 war ja ein Zusammenbruch, keine Befreiung. Ich weiß noch, dass ich erst 1947 einmal in Freiburg aus dem Laden eines befreundeten Buchhändlers kam mit zwei Büchern, die er mir besorgt hatte, und dann mit den Büchern unter dem Arm die Salzstraße hinunterging und da zum ersten Mal plötzlich ein Gefühl von Freiheit empfand.

Welche Bücher waren das?

"Fiesta" von Hemingway und "Schau heimwärts, Engel" von Thomas Wolfe.

Sie haben Ihre journalistische Laufbahn beim Rias in Berlin begonnen und 1961 beim NDR fortgesetzt, anfangs beim Fernsehspiel, dann als Chefredakteur, der auch für die zeitkritische Sendung "Panorama" zuständig war. Pionierzeiten?

Ja, in jeder Hinsicht. Alles war noch sehr überschaubar, fast familiär, in meiner Abteilung waren vielleicht 80 Leute.

Leute, die überwiegend gegen Sie waren.

Anfangs ja, denn ich war ja in deren Augen der von oben eingesetzte Aufpasser. Aber ich konnte die meisten ziemlich bald von mir überzeugen, weil ich mit Zeitkritik keinerlei Probleme hatte, wenn sie nicht nur Zeitgeist war. Ich habe ja dann auch Eugen Kogon zu "Panorama" geholt und nach seinem Weggang die Sendung zwei Jahre lang selbst moderiert.

Ohne den Versuch der politischen Einflussnahme auf Sie?

Wo denken Sie hin! Ich war gerade mal zwei Tage als Chefredakteur im Amt, als der Geschäftsführer der Hamburger CDU zu mir kam und sagte: "So, jetzt machen wir Personalpolitik. Hier ist alles SPD-durchseucht, da müssen wir jetzt ran und das ändern ..." Ich habe ihm unmissverständlich gesagt, dass ich nicht bereit bin, darüber auch nur ein Wort mit ihm zu wechseln, und am Ende habe ich ihn buchstäblich rausgeschmissen. Er ging mit dem Satz "Das werden Sie noch bereuen", und zwei Tage später habe ich einen Brief bekommen, der mich aus der CDU ausschloss. Erik Blumenfeld, der Landesvorsitzende, hat sich dann entschuldigt und mit Händen und Füßen versucht, mich in die Partei zurückzuholen, aber ich habe mich geweigert. Das politische Engagement war ein Irrweg, ich gehörte da nicht hin.

Überraschenderweise haben Sie den NDR dann 1968 mitten in einer verheißungsvollen Karriere verlassen. Warum?

Es ging um einen Nachruf auf Konrad Adenauer, in dem ich auch zwei kritische Stimmen zu Wort kommen ließ, die von Rüdiger Altmann und Günter Grass. Der Programmdirektor Dietrich Schwarzkopf, ein CDU-Mann, wollte das nicht, es gab heftigen Streit, und ich kündigte ihm schließlich meinen Weggang an, wenn er meine journalistische Entscheidung nicht toleriert. Das hat er aber nicht ernst genommen und gesagt: Sie werden sich das noch überlegen, denken Sie doch mal an Ihre drei Kinder und Ihren Pensionsanspruch. Ich fand das typisch, dass dem als Erstes die Pension einfällt. Und dann bin ich gegangen. Meine Freunde hielten mich für verrückt.

Danach hat es vor dem NDR eine Demonstration für Sie gegeben, an der auch Ulrike Meinhof teilgenommen hat.

Ja, sie hat in "Konkret" einen Artikel geschrieben und für mich demonstriert - gemeinsam mit Stefan Aust, Manfred Bissinger, Peter Rühmkorf, einem kleinen, feinen Zirkel Hamburger Intellektueller.

Ausgerechnet mit Ulrike Meinhof, der ultralinken Journalistin und späteren RAF-Kämpferin, verband Sie, den skeptischen Konservativen, eine merkwürdige Freundschaft. Woraus erklärt sie sich?

Aus unseren Streitereien. Jedes Mal wenn wir uns irgendwo bei einer Party trafen, zogen wir uns in eine Ecke zurück und redeten über Politik. Und jedes Mal wussten wir schon vorher ganz genau, dass wir uns sowieso nicht näher kommen würden. Aber wir beide genossen den Streit miteinander, er forderte uns, er setzte die Ganglien im Kopf in Bewegung. Mit wenigen machte es so viel Vergnügen zu streiten wie mit Ulrike Meinhof.

War in Ihren letzten Gesprächen mit ihr etwas zu ahnen von dem Weg, den sie dann einschlug?

Nein. Ich habe so etwas nicht vermutet. Ich habe allerdings damals Freunden gegenüber die Befürchtung geäußert, dass es mit ihr ein schlimmes Ende nehmen werde. Ich spürte bei ihr eine aggressive Resignation, sie hatte ihre Sache eigentlich aufgegeben und rettete sich in die Aggression. Sie verkörperte einen Typus von Intellektuellen, der alles ungeheuer ernst nimmt. Das war auch einer unserer wiederkehrenden Streitpunkte. Meine Position ist: Intellektuelle haben keinen Einfluss, sie sind, wenn's hochkommt, Stichwortgeber. Sie finden die Formel, den Begriff für eine Entwicklung, aber sie sind nicht deren Akteure. Ulrike Meinhof hat geglaubt, an ihr, an uns hänge das Schicksal der Republik.

Wie gut kannten Sie Henri Nannen?

Sehr gut! Ich war ja in der Gründungs-Jury des Egon-Erwin-Kisch-Preises, gemeinsam mit Robert Jungk, Walter Jens, Hans Ulrich Kempski und eben Henri Nannen. Er war eine wirklich große, eindrucksvolle Persönlichkeit, und ich fand und finde es lächerlich, dass ihm zeitlebens vorgehalten wurde, dass er als junger Mann unkritisch gegenüber den Nazis war und im Olympia-Film mit Mikrofon zu sehen ist. Da warfen diejenigen, die immer nur dem Zeitgeist hinterherlaufen, einem anderen vor, dass er damals dem Zeitgeist hinterhergelaufen ist, der damals viel stärker und repressiver war als heute.

Sie haben den stern mal "wendige Stimmungspostille" genannt ...

... das muss auf eine bestimmte Ausgabe bezogen gewesen sein.

Hätten Sie sich vorstellen können, für diese "Stimmungspostille" zu arbeiten?

Warum nicht? Eine Kolumne wie die von Sebastian Haffner - durchaus vorstellbar! Wobei Haffner provozierender war als ich. Es gab sogar mal Gespräche zwischen Nannen und mir, aber zu einer Zusammenarbeit ist es dann nicht gekommen.

Stattdessen wurden Sie Mitherausgeber und Kulturchef der "Frankfurter Allgemeinen". Ein Kulturschock?

Es war schon etwas sehr anderes. Aber das Administrative war mir vom NDR her vertraut, und redaktionell habe ich dann schnell zu einer Linie gefunden, nach der alles zur Veröffentlichung geeignet war, was gut geschrieben und klar gedacht war und nicht gegen die demokratischen Grundsätze verstieß.

Sie waren Vorgesetzter - Chef. Ein guter?

Das müssen Sie meine Mitarbeiter fragen. Mir haben sie positive Rückmeldungen gegeben.

Was bedeutet Ihnen Macht?

Wenig. Ich hatte einen kollegialen Führungsstil. Natürlich muss man manchmal sehr bestimmt sein, aber es hat mir nie etwas ausgemacht, Widerspruch und Meinungen zu ertragen. Ich habe sogar Artikel gedruckt, die mir wirklich in jeder Zeile gegen den Strich gingen.

Von welchen Journalisten waren Sie beeindruckt?

An erster Stelle Herbert Lüthy. Ein Schweizer, der schon als junger Mann anhand der Ausgaben des "Völkischen Beobachters" jede Woche einen Essay im "St. Galler Tagblatt" über die Nazi-Herrschaft und die Entwicklung in Deutschland schrieb. Fabelhaft! Er hat mich den Umgang mit Zeitgeschichte gelehrt. Ich wollte mich ja eigentlich mit der Italienischen Renaissance beschäftigen und habe es lange als große Ungerechtigkeit des Lebens empfunden, dass ich es statt mit Macchiavelli und Lorenzo dem Prächtigen mit Goebbels, Sauckel, Ley und solchen Ganoven zu tun hatte.

Stimmt es, dass Ihr Vater darüber nicht sehr begeistert war?

Das "Gossenthema" nannte er das. Mit so was beschäftige man sich nicht, sagte er.

Finden Sie beim Schreiben leicht den Einstieg oder gehen Sie, wie Günter Grass, wochenlang schwanger mit dem ersten Satz?

So lesen sich dessen erste Sätze dann ja auch. Nein, ich bin da unkomplizierter, ich denke nach, setze mich hin und schreibe auf.

Wie erklärt es sich, dass das wichtigste Buch über Hitler von einem Journalisten, nicht einem Historiker geschrieben wurde?

Nur wenige Historiker können schreiben und in einleuchtender Form präsentieren. In den Augen vieler Historiker scheint Stil so etwas zu sein wie eine Qualitätsminderung. Außerdem haben die meisten keine Fantasie. Die braucht man bei aller Faktentreue aber, wenn man tote Akten zum Leben erwecken und Historie als interessante Geschichte präsentieren will.

Erstaunlicherweise haben Sie die meisten Ihrer Bücher geschrieben, als Sie Ressortleiter bei der "FAZ" waren. Wie haben Sie das eigentlich hingekriegt?

Ich bin meist gegen 20 Uhr nach Hause gekommen, habe mir dann die "Tagesschau" angesehen und dabei gegessen und danach bis Mitternacht vor meiner Schreibmaschine gesessen und gearbeitet.

Ihre Frau hat das mitgemacht?

Klaglos. Ich weiß, wie schwer das zu ertragen war. Ihr gebührt ein Riesenlob.

Aber Sie selbst haben ja auch auf ein Stück Leben verzichtet ...

Arbeit ist immer Verzicht.

"Glück", haben Sie einmal gesagt, "gibt es nur im Rückblick, nicht im Augenblick."

So ist es wohl. Wir erinnern uns nur an Situationen, in denen wir glücklich waren. Im erlebten Augenblick aber empfinden wir das Glück nicht.

Das klingt sehr preußisch.

Ich bin preußisch erzogen. Mein Vater vereinte vier Traditionen, die alle nicht zueinander passten: Er war Preuße, Bildungsbürger, Republikaner, und er war strenger Katholik. Vier Teile, die sich gegenseitig eigentlich nicht ertragen, bei ihm aber eine bruchlose Einheit bildeten. Das preußische Element war stark darin und hat mich sehr geprägt. Für mich gibt es beispielsweise kein Glück außer durch Leistung. Alle reden von Leistungsdruck, keiner redet von Leistungsglück.

Von einem Generationsgenossen, dem Publizisten Johannes Gross, haben Sie berichtet, dass er es als glückliche Fügung empfand, in dieser Epoche geboren worden zu sein. Empfinden Sie das auch so?

Durchaus. Und auch Rudolf Augstein hat mir das einzureden versucht. Wir waren 1971 mal gemeinsam zum "Ring" in Bayreuth - obwohl ich starke Vorbehalte gegen Richard Wagner habe - und aßen in Pflaums Posthotel in Pegnitz, und ich klagte dabei, dass sich die Arbeit an meinem Hitler-Buch so hinziehe; da unterbrach mich Augstein und sagte: "Hören Sie jetzt bloß auf, über die Nazi-Zeit zu jammern, wir können doch froh sein, dass wir den Hitler und diese ganze Bagage haben, stellen Sie sich mal vor, wir wären als Schweizer geboren worden oder - schrecklicher Gedanke - als Holländer! Klar waren die Nazis ekelhafte Leute, aber sie geben uns ein Lebensthema." Womit Augstein nicht Unrecht hatte. Die nächste Generation hatte es viel schwerer, ihr Thema zu finden.

Hatten Sie je den Wunsch, wie Rudolf Augstein etwa die Seite zu wechseln und Politiker zu werden?

Nein, nie! Ich wollte niemals gestalten.

Sie haben sich immer als Repräsentant der skeptischen Generation dargestellt ...

... eine große Skepsis muss jeden erfüllen, der meine Lebenszeit mitgemacht hat.

Haben Sie nie an etwas geglaubt?

Was Menschen, Geschichte, Politik angeht, bin ich von einer fast unüberbietbaren Skepsis. Ich wäre heilfroh, wenn ich widerlegt würde, aber bisher ist mir das nicht passiert. Von einem Freund meines Vaters habe ich aber auch die Einsicht gelernt, dass für eine menschliche Gesellschaft zwei Voraussetzungen wichtig sind: die Skepsis und der Glaube. Das klingt widersprüchlich, ist aber genau der Widerspruch, mit dem jeder auf seine Weise fertig werden muss. Man braucht die Vernunft und etwas, das unbefragbar ist. Skepsis und Glaube, beide sind nötig.

Interview: Ulrike Posche, Peter Sandmeyer

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