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Hermans neues Buch: Evas "lesbokratischer Stalinismus"

Kein Wort über die Familienpolitik der Nazis, dafür etliches über weibliche Biologie und das "natürliche Rollenbild der Frau". Bei der Vorstellung ihres neuen Buchs in Stuttgart gab Moderatorin und Autorin Eva Herman die missverstandene Weltverbesserin.

Von Eva Wolfangel, Stuttgart

In rosa Blazer und weißem Rock sitzt Eva Herman unter den Plakaten, die ihr Buch ankündigen und bemüht sich, das strahlende Lächeln des Bildes noch zu übertreffen. Aber die Mimik der echten Eva Herman wirkt genauso gefroren wie die der Eva Herman auf dem Cover ihres neuen Werkes "Das Überlebensprinzip". "Mir geht es gut", sagt sie tapfer in die Kameras, auch wenn sie "eine nicht ganz einfache Zeit" hinter sich habe. Konkreter wird sie nicht, vage spricht sie von "Unruhen der letzten Monate". Die Presse ist allerdings heute gnädig. Keine Fragen nach den Fettnäpfchen der Vergangenheit, keine historischen Exkurse in die Zeit der nationalsozialistischen Familienpolitik. "Die hat gute Anwälte", raunen sich einige Kollegen zu, "da muss man vorsichtig sein."

So bekommt Eva Herman im gediegenen Literaturhaus in Stuttgart endlich jene Plattform, die ihre Thesen ohne die vorangegangene Diskussion sicher nie bekommen hätte. Viel Neues ist nicht dabei, und das ist vor allem Verteidigung ihrer bisherigen Biologismen. Nein, sie vertrete kein "traditionelles", sondern vielmehr ein "natürliches Rollenbild", nach dem eine Mutter für ihre Kinder da zu sein hat. Dafür gebe es rein biologische Gründe: Eine Hormonausschüttung sorge während der Schwangerschaft dafür, dass der Karrierewunsch in den Hintergrund trete.

Auch das neue Buch biete Angriffspunkte, räumt die ehemalige Sprecherin der "Tagesschau" ein: "So erscheint es sicher merkwürdig, dass jemand, der wie ich Karriere gemacht hat, plötzlich umdrehen möchte und in eine ganz andere Richtung weitergehen möchte." Von der Karrierefrau zur glücklichen Mutter - so möchte sie sich in der Öffentlichkeit sehen. Dass das Karriereende unfreiwillig war, lässt sie dabei lieber unter den Tisch fallen: Der NDR hatte sich nach ihren umstrittenen Äußerungen im September vergangenen Jahres von seiner Moderatorin mit dem Hinweis getrennt, ihr "Mutterkreuzzug" sei nicht länger mit ihrer Aufgabe zu vereinbaren.

Von kritischen Fragen weit entfernt

Wieso Eva Herman nach dem "Eva-Prinzip" und dem "Prinzip Arche Noah" nun das "Überlebensprinzip" in Interviewform nachlegt, ist erklärungsbedürftig. Selbst der Initiator des neuen Buches, Alt-Verleger Friedrich Hänssler, gerät während der Präsentation sichtlich in Erklärungsnot. "Man darf doch noch Fragen stellen", sagt er in gebückter Verteidigungshaltung, noch bevor entsprechende Fragen gestellt werden und betont eilig, dass alles seine Idee und nicht etwa die von Eva Herman gewesen sei. Auf 170 Seiten stellt er Fragen, die von einem kritischen Interview weit entfernt sind, auch wenn der Hänssler-Verlag versucht, es als solches zu verkaufen. "Und deshalb hat die Medienlandschaft Sie fallen lassen, wie eine heiße Kartoffel, nachdem Sie sich von einer geforderten Mainstream-Ideologie verabschiedet haben?", spielt Hänssler Eva Herman den Ball zu, den sie nur zu gerne auffängt.

Das Bild der unverstandenen Weltverbesserin, die unbequeme Wahrheiten benennt und dafür angegriffen wird, gefällt der ehemaligen Moderatorin. Angesichts ihrer "unliebsamen Thesen" über das natürliche Familienbild sei die "braune Keule" gegen sie geschwungen worden, klagt sie. Und bläst direkt zum Gegenangriff: Das "laute Geschrei einiger Leute" deute auf Zweifel am eigenen Lebensentwurf hin.

Tag der Abrechnung

Das Buch sei keine Abrechnung mit der Welt, erklärt der Verlag. Doch Irrtum, Eva Herman rechnet nur allzu gern ab: So sei Alice Schwarzer, eine ihrer schärfsten Kritikerinnen, in der Kindheit von ihrer Mutter ignoriert worden und mute diesen "persönlich erlebten Muttermangel einer ganzen Gesellschaft zu", hobby-psychologisiert die Angegriffene. Kinderkrippen dienen in Eva Hermans Welt nur dazu, "kleine Kinder abzuschieben" und die Menschheit befindet sich in einem Zustand des "lesbokratischen Stalinismus", der mit Gleichstellungsgesetzen und Gendermainstreaming Unnatürliches über Mann und Frau bringe. So sollten Frauen ihre weiblichen Eigenschaften - Weichheit und Mitgefühl - abgesprochen werden, während Männer angesichts wachsender Frauenförderung ins Hintertreffen gerieten.

Da kommt Eva Herman das Geständnis eines Medienvertreter während der Präsentation gerade recht: Er habe nicht so ganz verstanden, was Gendermainstreaming eigentlich sei. Das sei ein "Verwirrspiel", ein weltweites Programm, mit dem Politiker "umwälzende Veränderungen der ganzen Menschheit" planen, klärt ihn Eva Herman auf. Gendermainstreaming schaffe die Geschlechterunterschiede ab und "entnaturalisiere" die Menschen, schimpft sie. Und wie es sich für eine ordentliche Verschwörungstheorie gehört, hat Herman "Gehirnwäsche gleichende Programme" ausgemacht und vermutet ein Kalkül dahinter, "dass es nicht jeder verstehen soll."

Eine junge Radioreporterin fragt am Ende, ob Eva Herman ähnlich heftige Reaktionen wie auf ihre ersten Bücher erwarte. "Das hängt von Ihnen ab und von den Kollegen der Journaille", sagt diese in die Mikrofone. Es klingt nicht weich und weiblich, sondern angriffslustig. Und beinahe so, als erhoffe sie sich eine Bestätigung ihrer Verschwörungstheorie.

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