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Jonathan Franzen: "Den Feind erfunden"

Das Böse regiert im ersten Roman von Jonathan Franzen. Parallelen zur amerikanischen Politik? Aber ja, sagt der Bestsellerautor - und bittet Europa, Bush zappeln zu lassen.

Es muss komisch sein, wenn man plötzlich ein goldenes Händchen hat. Da gelang Jonathan Franzen mit seinem Familienroman "Die Korrekturen" ein Weltbestseller, und mit einem Mal soll er viel mehr als schreiben: soll Bush kritisieren, am liebsten öffentlich. Und Amerika erklären, sowieso. Aber auch zum Familienexperten ist der 44-jährige New Yorker, nicht verheiratet, keine Kinder, ernannt worden, spätestens seit der rührigen Geschichte der Lambert-Dynastie in den "Korrekturen".

In diesen Tagen jedoch fährt Franzen durch Deutschland, um über Anfänge zu reden: über sein neues Buch, das eigentlich ein ganz altes, sein erstes, ist; von den amerikanischen Lesern beim Erscheinen 1988 verschmäht, jetzt aber, nach dem Welterfolg, ein heißes Eisen im Bücherherbst. Das Problem: "Es ist weit weg", sagt Franzen, seit 15 Jahren "habe ich nicht mehr als ein paar Absätze daraus gelesen."

Das sollen nun die deutschen Leser übernehmen, es erwartet sie ein dicker Roman, in dessen Mittelpunkt eine Polizeichefin aus Bombay steht, die jetzt den gleichen Job im amerikanischen St. Louis antritt. Und das nicht ohne Hintergedanken: Sie will die Kontrolle über die Millionenstadt übernehmen, um mit Grundstücksspekulationen ein Vermögen zu machen. Ihr gegenüber steht die Verkörperung des guten, naiven Amerika, ein Bauunternehmer, treusorgender Vater, richtig netter Kerl - und der Einzige, der der machthungrigen Ausländerin etwas entgegensetzt. "Die 27ste Stadt" ähnelt im Stil den "Korrekturen": Flüssig und um keinen Effekt verlegen konnte schon der junge Franzen Geschichten erzählen, und auch die Vorliebe für viele, fast zu viele Charaktere ist schon angelegt.

Große Teile des Romans, sagt der Schriftsteller beim Interview, habe er während eines Studienaufenthalts in Deutschland geschrieben: "Ich glaube, wenn man genau liest, kann man darin auch Kafkas "Prozess" und Karl Kraus' Medienkritik entdecken." Liebe Leser: Sie tun also nebenbei noch was für die Bildung.

In Ihrem Buch will eine knallharte Inderin St. Louis übernehmen - mit Charme, Geschick, aber auch mit Terroranschlägen. Zudem schleust sie ihre Gefolgsleute als Schläfer ein. Hatten Sie 1988 schon Visionen von einer schrecklichen Zukunft?

Natürlich konnte ich den 11. September nicht vorhersagen, 1988 war Terror gleich nuklearer Terror. Aber dieses Gefühl der Paranoia, das Gefühl des Ausgeliefertseins ist in der amerikanischen Gesellschaft auch damals schon vorhanden gewesen.

Wie lesen Sie heute Ihr erstes Buch?

Mir fallen sofort die privaten Dinge ein, die mich damals beschäftigt haben: Im Konflikt zwischen dem Amerikaner und der aus der Fremde kommenden Polizeichefin sehe ich auch mich und meinen Vater. Er war der herzensgute Mann, und ich war der 25-Jährige, der Schriftsteller werden wollte, für einen Bauingenieur wie meinen Vater eine bedrohliche Entwicklung. Außerdem war ich damals mit einer Schriftstellerin verheiratet, die genauso klein war wie Jammu, die Inderin. Und genau wie Jammu wollten wir die Welt erobern.

Auch mit schmutzigen Tricks?

Sagen wir's so: Ich war damals sehr, sehr ehrgeizig. Sie wuchsen in jenem Vorortviertel auf, in dem ein Gutteil des Buches spielt. Wie hat sich diese Gegend verändert? Oh, Webster Groves ist in Bestform. Den Vororten geht es immer gut, schließlich ist Amerika ein Vorortland. Man wird in dieser Umgebung von allem Bösen fern gehalten - vielleicht habe ich auch deshalb darüber geschrieben, wie es ist, wenn das Böse plötzlich Einzug hält.

Und gewinnt. Ihre Heldin schafft es ja wirklich, eine Großstadt zu unterjochen. Hat die amerikanische Gesellschaft nach dem 11. September nicht gegen das Böse mobil gemacht?

Die US-Öffentlichkeit hätte auch den Krieg gegen den Irak nicht unterstützt, hätte die Regierung ihn nicht zum Krieg für die innere Sicherheit erklärt. Es gab bei uns immer schon eine paranoide Hysterie, und die Republikaner tun sich traditionell leicht, diese Hysterie zu bedienen. Und genau als es schien, es gäbe keinen Feind mehr, der dieser Partei ihre Daseinsberechtigung verschafft, haben wir einen neuen Feind erfunden. Ein großes, nicht klar definiertes, neues Reich des Bösen.

Nach dem 11. September klingt "erfunden" bizarr.

Es stimmt aber. Uns Amerikanern ist doch verkauft worden, dass der Irak der Hort des weltweiten Terrors ist. Das ist schlicht eine Erfindung. Nun ist es so: Amerika schottet sich gern vom Rest der Welt ab - es geht uns gut, was interessieren uns die anderen. Und wir sitzen lieber zu Hause und spinnen wilde Verschwörungstheorien. Wie, meinen Sie, sollten Europa und der Rest der Welt jetzt auf Bushs Bitte um Unterstützung reagieren? Oh, ich glaube doch, Europa sollte einen hohen Preis verlangen. Einen sehr hohen.

Wir sollten Bush zappeln lassen?

Oh, ja bitte, am besten bis zur Wahl im nächsten Jahr. Bitte, Europa, ihr könntet uns da einen großen Gefallen tun. Ich sage das als amerikanischer Steuerzahler.

Ist Ihnen bekannt, dass Michael Moore der meistgelesene amerikanische Schriftsteller in Deutschland ist? Dass seine radikalen Bücher das Amerika-Bild vieler Deutschen bestimmen?

Erst mal: Moore hatte den Mut, bei der Oscar-Verleihung öffentlich gegen den Krieg zu reden, das fand ich gut. Okay, seine Ansichten sind etwas einseitig, aber wenigstens steht er auf der richtigen Seite. Trotzdem würde ich natürlich allen Deutschen raten, selbst in die USA zu kommen und sich ein Bild zu machen.

Durch "Die Korrekturen" haben die Deutschen immerhin gelernt, dass amerikanische Autoren sich nicht scheuen, schwierige Themen mit literarischen Mitteln eingängig zu gestalten ?

Das freut mich.

Das spricht aber gegen das Bild vom elitären Autor Franzen, der sich weigerte, in Oprah Winfreys Talkshow über sein Buch zu sprechen.

Das hatte nichts mit elitär zu tun, ich wollte einfach nicht Teil dieses Apparats werden. Ich glaube, es gibt zwei Arten von Autoren. Die eine Art schreibt in langen, harten Stunden ein großes, schwieriges Werk und schert sich nicht darum, ob der Leser es begreift oder gar mag - Exklusivität erhöht den Wert. Sie, der Leser, verstehen es nicht? Ihr Problem.

Sie zählen sich nicht zu dieser Kategorie?

Ich sehe mich als Teil einer Gruppe, die aus Autoren und Lesern besteht, gerade Autoren haben ja immer als Leser angefangen. Ich als Autor verlange vom Leser, dass er sich intensiv mit meinem Buch beschäftigt. Ich weiß aber auch, dass ein Leser unterhalten werden möchte - und dass er jede Menge Alternativen zum Lesen hat. Ein gutes Buch sollte sein wie ein zwölfgängiges Essen: groß, opulent, alle Geschmackssinne ansprechend - und am Ende sollte man sich nicht überfressen haben.

Interview: Stephan Draf

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