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Jürgen Habermas: Ungebrochener Glaube an die Vernunft

Jürgen Habermas ist der bedeutendste lebende Intellektuelle Deutschlands. Der mittlerweile 75-jährige Philosoph und Soziologe gilt als "Staatsphilosoph" von Rot-Grün. In der Nachfolge von Horkheimer und Adorno führte er die Kritische Theorie fort.

Vor aktuellen Fragen hat sich Jürgen Habermas nie gedrückt. Der bekannteste lebende Denker Deutschlands bezieht provokant Stellung - sei es zu Irak-Krieg, Bioethik oder Globalisierung. Sein theoretisches Hauptwerk über die Bedingungen einer demokratischen Diskursgesellschaft hat in den 70er Jahren das geistige Klima der Bundesrepublik geprägt und wirkt bis heute nach. Als Alternative für historisch überholten Nationalismus entwickelte er die Idee eines Verfassungspatriotismus. An diesem Freitag wird der Philosoph und Soziologe, der für sein Lebenswerk gerade den japanischen Kyoto-Preis (400 000 Euro) erhielt, 75 Jahre alt.

Habermas ist zugleich Analytiker und Normgeber der Bundesrepublik. Er liefert "eine komplexe Diagnose der Unvermeidlichkeiten, Chancen und Risiken unseres weltgeschichtlichen Ortes", wie Jan Philipp Reemtsma bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2001 in der Frankfurter Paulskirche sagte.

Er führte die "Kritische Theorie" fort

Habermas steht in der Nachfolge der "Frankfurter Schule" um Horkheimer und Adorno. An deren Institut für Sozialforschung arbeitete der gebürtige Düsseldorfer von 1956 bis 1959 zunächst als Assistent. Damals sei er "intellektuell in ein neues Universum eingetreten", berichtete er später. Bevor er 1964 Horkheimers Lehrstuhl erben sollte, erwarb er die Lehrbefugnis in Marburg und war Professor in Heidelberg. Die "Kritische Theorie" seiner Frankfurter Lehrer führte er fort und veränderte sie dennoch komplett: Er führte sie heraus aus dem wissenschaftlichen Elfenbeintum und trug sie mitten hinein in die Gesellschaft.

Die 68er beriefen sich zwar auf Habermas’ Lehren, doch der wandte sich damals bald ab von der Studentenbewegung; deren Anführer Rudi Dutschke nannte er einen "linken Faschisten", eine Bezeichnung, die er heute als Unrecht bedauert. Eine breite Demokratisierung der Gesellschaft sieht Habermas als unbestreitbaren Erfolg jener Revolte.

Stichwortgeber der rot-grünen Bundesregierung

Die Linken sind Habermas treu geblieben: Er ist bis heute Stichwortgeber der rot-grünen Bundesregierung und damit "fast ein Staatsphilosoph", wie Außenminister Joschka Fischer (Grüne) sagte. "Rot-Grün ist die Praxis zur Theorie von Habermas", schrieb Norbert Bolz. "Der Weg von Adorno zu Habermas ist der Weg von den Studentenprotesten auf die Regierungsbank."

1971 kehrte Habermas Frankfurt vorübergehend den Rücken und leitete zwei soziologisch ausgerichtete Max-Planck-Institute in Bayern. Noch heute lebt er am Starnberger See, er ist verheiratet und hat drei Kinder. 1983 kehrte er ein drittes Mal an den Main zurück und übernahm einen Philosophie-Lehrstuhl an der Universität Frankfurt, wo er 1994 aus dem Universitätsdienst ausschied.

Der "herrschaftsfreie Diskurs" in der Gesellschaft

Sein 1981 erschienenes Hauptwerk trägt den Titel "Theorie des kommunikativen Handelns". Darin entwirft Habermas eine Art Handlungsleitfaden für die moderne Gesellschaft. Es ist auch der Versuch, Sozialismus und Demokratie zu versöhnen. Die Gesellschaft soll ihre Regeln in einem "herrschaftsfreien Diskurs" selbst aufstellen, indem sich die Bürger gemeinsam auf Erlaubtes und Verbotenes einigen. Dahinter steckt zum einen ein positives Menschenbild, zum anderen der ungebrochene Glaube an die Vernunft.

Mitte der 80er Jahre löste Habermas mit einer Replik auf Ernst Nolte den Historikerstreit aus: Der Geschichtswissenschaftler hatte die Einzigartigkeit des Holocaust in Frage gestellt, Habermas kritisierte dies als "Relativierung" des Massenmordes. Die Gesellschaft, die er mit geistigen Fundamenten untermauern will, wird getragen von einen "Verfassungspatriotismus", der seinen Stolz aus dem Grundgesetz und nicht aus der Nation schöpft.

Er meldet sich kritisch zu Wort

Habermas ist bis heute im öffentlichen Diskurs präsent. In Zeitschriftenartikeln und Büchern geißelt er Eingriffe in das menschliche Erbgut als Anmaßung und setzt auf Bildung als wesentliche Waffe gegen die Gefahren der Globalisierung. Hielt er den Einmarsch im Kosovo gerade noch für akzeptabel, so lehnt er den US-Krieg im Irak als völkerrechtswidrigen Akt ab und fordert ein starkes Europa als Gegengewicht gegen die USA. Gerade ist dazu sein neuer Interview- und Essay-Band "Der gespaltene Westen" (Suhrkamp Verlag) erschienen. Darin lotet er auch aus, ob eine Konstitutionalisierung des Völkerrechts überhaupt noch eine Chance hat. Den Europäern schreibt er ins Stammbuch, die geplante EU-Verfassung nicht durch nationale Eitelkeiten zu gefährden.

Sandra Trauner, DPA / DPA