TV-Kritik
Heil über Irankrieg: „Jeden Tag, den das länger dauert, ist eine Katastrophe“

Caren Miosga und Hubertus Heil
Bei Caren Miosga war am Sonntag der frühere Arbeitsminister Hubertus Heil zu Gast
© Claudius Pflug/ ARD

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Die Runde bei Caren Miosga, diskutiert, wie der Krieg im Nahen Osten Deutschland trifft – von Munitionsreserven bis zu Düngerlieferungen. Ein wilder Ritt durch die Weltlage.

Nahostexperte Daniel Gerlach ist nicht überrascht. Er erinnert daran, dass er vor wenigen Wochen schon einmal hier war: Ein paar Tage vor Kriegsbeginn saß er bei Caren Miosga und hat genau das Szenario skizziert, das dann kurze Zeit später auch eingetreten ist. Was wird die Talkshow also heute prophezeien?

In der Sendung diskutieren der ehemalige Arbeitsminister Hubertus Heil – der heute im Auswärtigen Ausschuss des Bundestags sitzt –, die Politikwissenschaftlerin Claudia Major, der Journalist Bojan Pancevski und der Nahostexperte Daniel Gerlach. Die Frage: Wie betrifft der Krieg im Nahen Osten eigentlich uns in Deutschland? Sie findet eine Antwort – die ist manchmal nur etwas kurz. 

Doch als allererstes redet man in der Sendung sechs Minuten lang über den erneuten Attentatsversuch auf US-Präsident Donald Trump. „Wir müssen darüber sprechen“, sagt Miosga. Warum eigentlich? Sie befragt Pancevski, der für ein amerikanisches Medium arbeitet, über die Reaktionen: Seine Kollegen seien kurz in Deckung gegangen und hätten direkt danach ihre Smartphones und Notizblöcke gezückt, um wieder zu arbeiten. Kann Trump das Attentat in Popularität ummünzen? Vermutlich nicht, sagt Pancevski. Das ist interessant, aber hat wenig mit dem Iran zu tun. Das ist schade – denn auch wenn es nur sechs Minuten sind, sie haben bei der Diskussion um den Iran danach gefehlt.

Um den geht es dann aber doch: Pancevski, der Korrespondent des „Wall Street Journal“, erklärt, dass der Krieg in den USA unglaublich unpopulär sei. Claudia Major sagt, dass der Iran es geschafft habe, einen militärischen in einen politischen Konflikt zu verwandeln: Er müsse nur ausharren, nicht militärisch gewinnen. Die Amerikaner seien zwar überlegen, hätten aber auch eine „Impotenz der Macht“ – könnten also ihre militärische Überlegenheit nicht in einen Sieg verwandeln. 

Bei Caren Miosga wird viel diskutiert – zu viel

Dazu kommt, so die Expertin, dass die USA in dem Krieg ihre Reserven angezapft hätten: Gewisse Munition, wie Abfangraketen oder Tomahawk-Marschflugkörper, bräuchte mehrere Jahre, um in ausreichender Stückzahl nachproduziert zu werden. Das sei eine Schwächung der amerikanischen Militärmacht. „Für jeden weiteren Konflikt könnte das relevant sein.“ Und damit natürlich auch für Europa. Die Lektion, auch für Europa, müsse sein: „Armeen gewinnen Schlachten, die Industrie gewinnt Kriege.“

Dieser Krieg ist ein Desaster, da ist die Runde sich einig. Nicht nur an deutschen Zapfsäulen, das betont Heil, sondern für die gesamte Welt: Durch die gesperrte Straße von Hormus fährt ja nicht nur Öl, sondern auch Unmengen an Dünger, was zu Hunger und Verwerfungen in den „ärmsten Teilen der Welt“ führen kann. „Jeder Tag, den das länger dauert, ist eine Katastrophe für die Welt“, so der ehemalige Minister. 

Nahostexperte Gerlach denkt anders über Trump und die Verhandlungen: „Die Iraner, alle Personen dort, verhandeln so, als wenn morgen ihr letzter Tag ist.“ Sie wüssten nicht, ob die Israelis und Amerikaner sie nicht nach Ablauf eines Waffenstillstandes bombardieren würden. Er sieht aber auch die Iraner in einer misslichen Lage: 80 Prozent seiner Exporte würden durch die Straße von Hormus gehen, die wirtschaftliche Lage sei angespannt.

Dazu kommt: Die Revolutionsgarden seien, so der Experte, in Teheran in einer dominanteren Rolle. „Wenn Trump sagt, wir haben einen Regime Change erreicht, dann ist das auf kuriose Art und Weise gar nicht so falsch.“ Die Runde spricht noch über einen möglichen deutschen Einsatz in der Golfregion. Ein Minenjagdboot der Marine wird bereits ins Mittelmeer verlegt. Heil macht eine Ansage: „Es wird keinen militärischen Einsatz geben können, bevor es einen gesicherten Waffenstillstand gibt. Das ist eine klare Aussage.“

Gegen Ende der Unterhaltung machen Heil und Miosga noch einen Schlenker zur deutschen Energiepolitik und zu erneuerbaren Energien. Heil hofft, dass sie nicht aus „ideologischen Gründen“ ausgebremst werden. Für die genaue Nachfrage, was denn diese ideologischen Gründe seien, ob er damit die Wirtschaftsministerin anzählt, bleibt keine Zeit mehr. Die Tagesthemen rufen. Hätte die Sendung doch nur ein paar Minuten mehr für das Thema gehabt. 

Der Abend bei Miosga war facettenreich. Von Verteidigungsindustriepolitik über die Innenpolitik des Irans und der USA bis hin zu deutscher Energiepolitik. Das ist ein Ritt – kein uninteressanter – aber ein wilder. Manchmal hätte man sich gewünscht, Miosga und ihre Gäste würden einen Punkt länger ausdiskutieren, statt zum nächsten Thema zu galoppieren: So war es teilweise Rodeo statt Dressur. 

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