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"Feuerherz": Die Kinder des Krieges

Die Autobiografie von Senait Mehari war ein Bestseller, die Dreharbeiten zum gleichnamigen Film entwickelten sich zu einem Abenteuer: Feuerherz erzählt die bewegende Geschichte eines Mädchens im Unabhängigkeitskampf von Eritrea. Nun feiert der Film Weltpremiere auf den Berliner Filmfestspielen.

Von Frauke Hunfeld

Sie ist zart wie eine Puppe aus Porzellan, dunkelbraun wie eine Bitterschokolade, und ihr helles Lachen lässt die Herzen aufgehen. Sie ist zehn Jahre alt, geboren in Asmara, der Hauptstadt von Eritrea. Sie mag Rechnen, Singen und Manchester United. Sie würde sich sicher verdammt gut machen auf dem roten Teppich in Berlin. Leider kann sie nicht kommen. Die Weltpremiere findet ohne sie statt. Denn der Filmstar hat keinen Pass. Nichts Neues für das kleine Mädchen. So viele Jahre schon ist sie auf der Flucht. Letikidan Micael, die Hauptfigur des Afrika-Films "Feuerherz", der auf der Berlinale erstmals zu sehen sein wird, hockt ohne Papiere mit ihren Geschwistern Solomie und Hosie in einem Asylbewerberheim in Nordeuropa und friert.

Leider können auch die anderen Stars des Films "Feuerherz" nicht kommen. Sie sind gerade sehr beschäftigt. Damit, Essen zu besorgen. Medikamente aufzutreiben. Die Angst zu besiegen. Zu überleben. Denn die Stars des Afrika-Films, der auf der Berlinale im Wettbewerb läuft, sind keine Schauspieler. Es sind Flüchtlinge, zerrieben zwischen den Fronten, junge Leute, aufgewachsen in den Kriegen des Schwarzen Kontinents, die die Geschichten, von denen "Feuerherz" erzählt, auf ihre Weise selbst erlebt haben. Und die nach Drehschluss zurückgekehrt sind in diese reale Welt, in das Flüchtlingslager Kakuma, das sie die Hölle der Hölle nennen.

Eine Wahnsinnsidee und viel Courage

"Feuerherz" erzählt aus der Kinderperspektive eine Geschichte aus dem drei Jahrzehnte währenden Unabhängigkeitskrieg Eritreas gegen Äthiopien. Ein Krieg, der das kleine Land am Horn von Afrika ausbluten lassen und traumatisiert hat und der bis heute nicht zu Ende ist. Die zehnjährige Filmfigur Awet wird in den 80er Jahren vom Vater zusammen mit ihrer älteren Schwester bei der Kinderorganisation einer Rebellenarmee abgegeben, die für die Unabhängigkeit Eritreas kämpft. Zu klein und zu schwach, um eine Waffe zu tragen, wird sie zum Wassersuchen und Feuerholzholen eingesetzt. Am Anfang glüht sie für die Parolen von Befreiung und Brüderlichkeit, doch bald geht es nur noch ums Überleben. Der Feind lauert auch in den eigenen Reihen, und was zunächst als heroischer Kampf erschien, offenbart mit jedem weiteren Toten seine Sinnlosigkeit. Ein kleines, stolzes Mädchen versucht, den Glauben an das Leben trotzdem zu behalten.

Inspiriert ist die Geschichte von der Bestseller-Autobiografie der heute in Hamburg lebenden Senait Mehari. Als sie ein Baby war, sperrte ihre Mutter sie in einen Koffer, damit sie sterbe. Eine Nachbarin fand sie zufällig und rettete ihr Leben. Als sie sieben war, gab ihr Vater sie und ihre Schwestern bei den Rebellen ab. Eineinhalb Jahre später flohen die Kinder in den Sudan und später nach Deutschland. Hier hat Mehari ihr Glück gefunden, einen Beruf, eine Familie, eine Heimat. Diese Geschichte zu verfilmen war eine Wahnsinnsidee von Anfang an, und wenn jemand einen Preis für Courage im Filmgeschäft verdient hätte, dann die Finanziers dieses Projektes: gedreht im Buschland Kenias. Gespielt in Tigrinya, der eritreischen Nationalsprache. Besetzt ohne Veronica Ferres oder Nicole Kidman oder sonst einen weißen Promi, der die Massen ins Kino zieht. Und wer in Europa oder Amerika will schon Geld ausgeben für einen Kinofilm über einen der unzähligen Bruderkriege im fernen Afrika?

"Macht nicht mit. Ihr werdet büßen"

Es sind nicht irgendwelche Anfänger, die dieses Filmprojekt angegangen sind. Andreas Bareiss hat den Oscarprämierten Film "Nirgendwo in Afrika" produziert, Sven Burgemeister hat "Sophie Scholl - Die letzten Tage" gemacht. Regisseur ist der in Deutschland lebende Italiener Luigi Falorni, der mit "Die Geschichte vom weinenden Kamel" einen Welterfolg feierte und für den Oscar nominiert wurde. Immer wieder stand der ganze Film auf der Kippe. Denn immer wenn gerade gedreht werden sollte, schlich sich die Wirklichkeit ins Spiel, das wahre Leben, die wahre Angst, die wahren Geschichten. Da war zum Beispiel dieser Tag Ende Juli im Produktionsbüro von Nairobi. Seit Monaten schon hatten sie ihren Film vorbereitet. Sie wollten keine Schauspieler aus einem Katalog. Sie wollten Eritreer, die in ihrer Sprache sprechen und spielen sollten, die das Land kennen und lieben, sein Volk und seine anstrengende und in gewisser Weise exemplarische Geschichte. Von Hütte zu Hütte waren sie gegangen im eritreischen Flüchtlingsquartier von Nairobi. Sie hatten Eritreer gefunden, die, den Kriegen und der Not ihrer Heimat entkommen, bereit waren mitzumachen in diesem Film über den Krieg. Monatelang hatte ein Schauspiellehrer mit ihnen gearbeitet. Wochenlang hatten sie Texte geprobt, das Drehbuch angepasst, zugehört, umgeschrieben.

Dann saß da dieser Mann, der den Vater der Hauptfigur spielen sollte, einer der Wichtigsten. Er weinte, und er sagte, er könne nicht mehr mitmachen. Er habe Angst, und er müsse auch an seine Familie denken daheim in Eritrea. Man habe ihn bedroht, und sein Leben sei ihm mehr wert. Dann stand er auf und ging. Vorher sagte er noch: "Gott segne diesen Film." Am Ende dieses Tages wussten sie, dass er nicht der Einzige war. Sie hatten elf von zwanzig Darstellern verloren. Drei Tage vor Drehbeginn. Ein Gespenst war umgegangen. Ein Mann, der sich als Mitarbeiter der eritreischen Botschaft ausgab, hatte die Darsteller bedroht. Stimmen waren im Zehnminutentakt am Telefon, die sagten: "Macht nicht mit. Wir haben euch im Visier. Ihr werdet büßen." Ursprünglich wollte Regisseur Falorni in Eritrea drehen. "Aber der Kampf für die Unabhängigkeit von Äthiopien bestimmt bis heute nationale Identität und Stolz", sagt er. "Ein Film, der den Triumph hinterfragt, wird nicht gewünscht." Die Regierung, die aus der ehemaligen Rebellenorganisation hervorgegangen ist, verlangte Änderungen am Drehbuch.

Die Produzenten weigerten sich. Schließlich gab es keine Genehmigung. Eritrea, das ausgeblutete Mini-Land, aus dem mehr als eine halbe Million Menschen geflohen sind, das Hilfsorganisationen hinausgeworfen hat, obwohl zwei Drittel der Menschen von Lebensmittelhilfe abhängig sind, und das in Sachen Presse- und Meinungsfreiheit Weltletzter ist hinter Nordkorea - dieses Land fürchtete um seinen guten Ruf. "Zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte des eritreischen Unabhängigkeitskampfes wurde Kindern und Jugendlichen der Dienst an der Waffe gestattet", schrieb die Botschaft in Berlin dem stern auf Anfrage. Schon in Deutschland waren Vorwürfe erhoben worden gegen Senait Mehari, die Verfasserin der Autobiografie. Kinder seien bei den Rebellen nur in die Schule geschickt worden. Niemals hätten sie eine Waffe in der Hand gehabt. Fernsehbilder aus jener Zeit legen jedoch etwas anderes nahe. Für Luigi Falorni, der monatelang recherchierte, ist das ein entscheidender Punkt: "Ich erzähle in diesem Film den Moment, da die Realität die Ideale überholt. Es gibt bei allen Kriegen einen idealistischen Anteil. Träume von Freiheit, Gleichheit oder Macht. Von einer besseren Zukunft für die Kinder. Irgendwann wird der Krieg real, und die Ideale zerfallen, weil es anders läuft als gedacht oder geplant. Oder weil, wie in Eritrea, Anführer verschiedener Gruppen nicht mehr miteinander auskommen und sich gegenseitig bekriegen statt den vermeintlichen Feind. Und dann braucht es ein Kind, das fragt: "Warum töten wir unsere Brüder?" "

Warten auf ein besseres Leben

Sie suchten einen anderen Drehort. In der Gegend um Lodwar im Nordwesten Kenias gibt es eine Landschaft, die der Eritreas gleicht. Das Land gehört den Turkanas, einem armen, aber stolzen Nomadenstamm. Und auch die waren zunächst skeptisch. Aber sie beschlossen, diesen Filmleuten zu helfen, wenn sie denn auch etwas davon hätten, ein bisschen Arbeit, ein paar kleine Jobs, und vielleicht würden diese Leute ihnen ihr Ziegenfleisch abkaufen. Es gibt auch in Lodwar nicht allzu viele Gelegenheiten, Hoffnungen zu haben. Regisseur Falorni und Produzent Bareiss fanden ihre neuen Schauspieler im Flüchtlingslager Kakuma in Kenia, in dem die Vereinten Nationen die Vertriebenen des Schwarzen Kontinents sammeln, Sudanesen, Kongolesen, Somalis, Eritreer, Äthiopier, Liberianer. Hier begegneten sie Daniel, Mesfin, Sofonias und all den anderen, die in Kakumas Verschlägen hausen und auf ein besseres Leben warten. Daniel ist 24 Jahre alt und floh vor sieben Jahren nach Kenia.

Im Film spielt er den Kämpfer Mike'ele, einen Halbwüchsigen, der tagsüber versucht, den Kindern das Überleben beizubringen, und nachts von seinem Vater träumt, der ihn irgendwann rausholen wird aus diesem Wahnsinn. In Wirklichkeit war Daniels Vater Mitglied der äthiopischen Armee, seine Mutter ist Eritreerin. Die Familie geriet zwischen die Fronten, als Daniel sieben war. Im Flüchtlingscamp Kakuma ist er jetzt Lehrer für 48 sudanesische Grundschulkinder. Sofonias, der Äthiopier, floh 2001 während der Studentenunruhen aus Addis Abeba, nachdem die Polizei 41 seiner Kommilitonen erschossen hatte. Sofonias lebt heute zusammen mit einem Freund in einer Lehmbaracke im Flüchtlingslager. 41 Bäume haben sie dort gepflanzt, die seltsam grün aus dem graubraunen Einerlei herausstechen. Für jeden Toten einen Baum. Seine Familie hat Sofonias nie wiedergesehen.

Nicht in Vergessenheit geraten

Sie fanden Fatuma Ali, Eritreerin, deren Mann einst Kämpfer der ELF war und die jetzt selbst eine Kämpferin spielt. Sie will ehrlich sein, sie hat nur wegen des Geldes Ja gesagt. Seit 17 Jahren wartet sie in Kakuma auf eine bessere Zukunft. Ihr Baby sollte auch eine kleine Rolle in "Feuerherz" haben, aber es ist gestorben, weil sich nicht rechtzeitig ein Arzt fand im Lager. Sie wünschte, ihr Kind wäre erst während der Dreharbeiten krank geworden, denn am Set gab es eine Krankenschwester. Sie fanden Mesfin, den alten Kämpfer. Im Film spielt er den verehrten Commander. Im wirklichen Leben kämpfte er auf der äthiopischen Seite. Begeistert sang er am Set die Lieder der ehemaligen Feinde, und sein ausgezehrtes Gesicht bekam auf einmal wieder das Strahlen der Jugend. Und so fand sich im Buschland von Kenia das ungewöhnlichste Team zusammen, das jemals einen Spielfilm auf die Leinwand gebracht hat: ein deutsch-kenianisch-eritreisch-äthiopisches Team, eine zusammengewürfelte Truppe aus professionellen Filmemachern, Kriegsflüchtlingen, ehemaligen Todfeinden.

Mit zwei Übersetzern, die unter falschem Namen auftraten, weil sie von mutmaßlichen Geheimdienstmitarbeitern ihrer Herkunftsländer bedroht werden. Unterstützt von bitterarmen Nomaden, von denen fast niemand jemals in einem Kino war. In einer Sprache, die der Regisseur nicht versteht. Mit Darstellern, die erst lernen mussten, dass man jede Szene eines Filmes mehrfach drehen muss und dass es überhaupt nicht egal ist, über welcher Schulter die Waffe bei der Wiederholung hängt. Die aber dafür in ihren Gesichtern und Gestalten etwas haben, das kein Schauspieler der Welt jemals wird bieten können. Inzwischen sind die meisten zurückgekehrt, in die Lager, in die Slums. Nun geht das Warten wieder los. Warten auf etwas, von dem man nicht genau weiß, wie es aussieht, ein Papier, eine Vorladung, ein Interview, eine Entscheidung. Und von dem man auch nicht weiß, ob es überhaupt jemals eintreffen wird, solange man lebt. Die Geschichte von Senait Mehari, von der "Feuerherz" inspiriert ist, ist eine Ausnahmegeschichte. Sie tröstet am Ende das Publikum, weil sie gut ausgeht. Die Geschichten von Sofonias und Mesfin, von Daniel und Fatuma trösten niemanden. Sie sind die Regel. Die Geschwister Letikidan, Hosie und Solomie hoffen weiter. Auf ein neues Leben. Auf ein Wiedersehen mit ihrer Familie, die sie sehr vermissen. Und darauf, einmal ein Spiel von Manchester United zu sehen. Sie sagen es alle mit anderen Worten, aber sie hoffen natürlich auch darauf, dass dieser panafrikanische Antikriegsfilm der Welt von ihren Hoffnungen und ihren Traumata erzählt. Dass man sie einfach nicht vergisst.

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