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"Harry Potter und die Heiligtümer des Todes": Warum Harry Potter uns immer wieder verzaubert

Harry Potter ist zurück im Kino: Nach fast zehn Jahren begibt sich der Zauberschüler auf die düster-mitreißende Zielgerade zum finalen Showdown mit dem Bösen. Aber wieso haben wir eigentlich so lange durchgehalten?

Von Sophie Albers

Es gibt "Harry Potter"-Fanatiker, "Harry Potter"-Fans, "Harry Potter"-Mitläufer und auch "Harry Potter"-Hasser. Nur Menschen, denen der kleine Junge mit den magischen Fähigkeiten, der runden Brille und der Zickzacknarbe auf der Stirn komplett am Kulturrezipientenhintern vorbei geht, gibt es kaum noch. Wie auch. "Harry Potter" hält sowohl als Buch wie auch als Filmreihe Rekorde. Er ist (jedenfalls unter Kindern) ungefähr so bekannt wie Jesus und mit einem Markenwert von rund 24 Milliarden Dollar auf Augenhöhe mit dem reichsten Mann Deutschlands, Aldi-Co-Gründer Karl Albrecht.

Die sieben "Harry Potter"-Bücher haben sich seit ihrem Erscheinen im Jahr 1997 insgesamt mehr als 400 Millionen Mal verkauft, wurden in 67 Sprachen übersetzt - von Ukrainisch bis Bengali -, und die letzten vier Bände gehören zu den schnellstverkauften Büchern aller Zeiten. Weil sie aus Gründen der Geheimhaltung immer erst nach Veröffentlichung des Originals übersetzt werden durften, kauften viele "Harry Potter"-Fans in ihrem Lesewahn die englischen Bücher. Das führte unter anderem dazu, dass Nummer fünf - "Harry Potter und der Orden des Phönix" das erste englischsprachige Buch auf Platz eins der streng bewachten französischen Bestseller-Liste wurde.

Dunkler, härter, Harry Potter

Und die Filme machen einfach so weiter: Auch ohne die letzten beiden gilt die Reihe als die erfolgreichste überhaupt - vor "James Bond", "Star Wars" und "Der Herr der Ringe". 5,4 Milliarden Dollar haben die Kinoadaptionen seit 2001 eingespielt, mit einem Durchschnittsergebnis von 903 Millionen Dollar pro Film. Die wird das jüngste Leinwandabenteuer, "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes - Teil 1", trotz Teilung und ohne 3D locker toppen. Schließlich scheinen die Potter-Filme mit jedem Mal besser zu werden. Sollte das Finale im Juli 2011 einhalten, was dieser Anfang vom Ende verspricht, werden wir vor Begeisterung aus dem Kino fliegen - ganz ohne Besen.

Es heißt ja schon länger, dass Harry Potter erwachsen geworden sei. Seinen ersten Kuss hat er hinter sich und auch diverse andere Nahtod-Erfahrungen. Noch nie war die Lage allerdings so ernst wie in "Die Heiligtümer des Todes". Und das gleich von Anfang an. "Es ist nirgendwo sicher" steht auf dem Werbeplakat, das Harry und seine Freunde Hermine und Ron zeigt, wie sie durch einen funkensprühenden Wald hetzen. Denn - und mehr wird nicht verraten, schließlich gibt es tatsächlich Menschen, die nur die Filme kennen (Wer mehr über den Inhalt wissen will, klickt hier) - aus dem Auserwählten ist ein Gejagter geworden. Das Böse ist allgegenwärtig, und diesmal geht die Reise für Harry auch immer wieder nach innen. Der größte Feind lauert bekanntlich in einem selbst.

Selten hat ein Hype so lange so intensiv angehalten und so selbstsicher Platz genommen in der virtuellen Hall of Fame des kulturellen Gedächtnisses. Dabei hat sich Joanne Kathleen Rowling, Schöpferin und Göttin des Harry-Potter-Universums, laut eigener Aussage in ihren Büchern eines der unpopulärsten Themen überhaupt vorgenommen: den Tod. Und das auch noch in Form von Kinderliteratur.

"In meinen Büchern geht es hauptsächlich um den Tod", vertraute Rowling vor vier Jahren der britischen Zeitschrift "Tatler" an. "Sie beginnen mit dem Tod von Harrys Eltern. Voldemort ist davon besessen, den Tod zu besiegen, er will die Unsterblichkeit um jeden Preis - wie eigentlich jeder, der Magie beherrscht." Und sie verstehe auch warum, so die Autorin: "Wir alle haben Angst vor dem Tod."

Das Leben und der Tod

Ein Wegweiser auf Rowlings Straße zur erfolgreichsten Autorin der Welt war die ganz reale Konfrontation mit dem Ende des Lebens. Rowling war 25 Jahre alt, als ihre Mutter mit gerade mal 45 an Multiple Sklerose starb. Und sie war nicht da. Sie verbrachte damals Weihnachten zum ersten Mal nicht mit ihren Eltern. Sie war bei ihrem Freund, war früh zu Bett gegangen, um einen Film zu sehen, hatte dann aber an dieser Geschichte über einen Zauberschüler geschrieben, die ihr kurz zuvor in einem überfüllten Zug von Manchester nach London eingefallen war. "Deshalb weiß ich, dass ich gerade 'Harry Potter' geschrieben habe, als meine Mutter starb. Ich habe ihr nie von ihm erzählen können."

Soweit so traurig - und so lebensnah, wie nur der Tod sein kann, den Regisseur David Yates in Film sieben auch auftreten lässt: in einer brillanten, wunderschönen Animationssequenz (Ja, Spoiler-Alert, aber diese Bilder sind wirklich zu schön).

Wir sind Harry

Vielleicht ist genau diese Lebens- und Todesnähe das Geheimnis des immer wieder bestaunten Erfolges von "Harry Potter", dem weder entsetzte Intellektuelle ("Das sind Bücher für Menschen, deren Fantasie bestimmt ist von TV-Cartoons, den übertriebenen Spiegelwelten von Seifenopern, Reality-TV und Promi-Tratsch") noch hysterische Christen ("Harry Potter verherrlicht schwarze Magie und ist nichts für Kindern") schaden konnten. Ganz im Gegenteil: Zu Beginn, als die Bücher noch kein Kult waren und die Cover-Gestaltung auf Neun- bis Elfjährige zielte, sah man in der U-Bahn sogar Erwachsene, die die Kinderbücher mit anderen Umschlägen tarnten. Denn aus der Hand legen wollten sie sie nicht mehr - und auch nicht ihren Kindern vorenthalten. Die waren schließlich das perfekte Alibi für den Kauf.

Vor allem aber - und das ist wohl der größte Clou dieser Frau, die der Legende nach vor "Harry Potter" so arm war, dass sie im heimischen Edinburgh in ein Café ging, um zu schreiben und zu Hause die Heizung zu sparen - sind Harry Potter und seine Freunde Menschen geblieben, auch wenn sie Magier, Hexen oder knubbelohrige Hauselfen sind. Egal wie sie aussehen, wie sie durch den Himmel über London fliegen, gegen Monster kämpfen und Zauberstäbe schwenken, irgendwie sind sie doch von unserer Welt. Sie landen im Dreck, wenn sie fallen, sie haben Pickelprobleme, gebrochene Herzen, vergessen ihre Hausaufgaben und fühlen denselben unerträglichen Weltschmerz der Pubertät in sich, in dem sich all die "Harry Potter"-Fans wiedererkannt haben.

Vielleicht deshalb fühlt man sich angesprochen und möchte Harrys Mentor Dumbledore glauben, wenn er sagt, dass es im Leben "auf deine Entscheidungen ankommt, mehr als auf deine Fähigkeiten". Denn ohne Parselmund, Horcrux und Quidditch ist Harry eigentlich genauso ein Zweifler wie wir.