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"Hostel": In der Herberge der vertanen Chancen

Bist Du hart genug? Der Filmverleih vermarktet "Hostel" als Mutprobe, und Quentin Tarantino hat auch noch seinen guten Namen dafür hergegeben. Erreicht dieser Folterfilm neue Dimensionen des Grauens? Nein. Dabei hätte er es können.

Von Ralf Sander

Guck Dir einen anderen Film an!, sagt die TV-Werbung für "Hostel". Wenn Du kein Blut sehen kannst, Angst im Dunkeln hast, dann guck Dir einen anderen Film an! Kein Wort über den Inhalt, nur aufblitzende Bildfragmente, der Hinweis auf den Produzenten Quentin Tarantino und ansonsten die Provokation: Du, lieber Zuschauer, erträgst es gar nicht, Dir diesen Film anzugucken. Das ist billig, ließe sich praktisch für jeden Horrorstreifen so durchziehen - und ist dennoch Erfolg versprechend. "Hostel" gilt als Höhepunkt einer Welle neuer Filme, die drastischer denn je die Abartigkeiten, die sich Menschen gegenseitig antun können, auf die Leinwand bringen. Ist "Hostel" also eine neue Dimension des Grauens? Nicht wirklich.

Das gab's schon einmal

Eine solche Phase der Radikalisierung erlebte der Horrorfilm schon einmal: In den frühen 70er Jahren entstanden Filme, die die rücksichtslose Darstellung der Agonie ihrer Protagonisten in den Vordergrund stellten. Der Zuschauer sollte nicht mehr nur mitfiebern, er sollte über die Grenze des Erträglichen hinaus mit den Figuren leiden. Das Strickmuster war dabei immer gleich: Eine Gruppe Menschen gerät meistens durch puren Zufall in die Hände perverser Sadisten und wird aufs Entsetztlichste geschändet und später getötet. Übersinnliche Elemente haben in diesem Genre nichts zu suchen, die Bestie ist immer der Mensch. Filme wie Tobe Hoopers "Texas Chainsaw Massacre" (1974) und Wes Cravens "Last House on the Left" (1972) setzten neue Maßstäbe in Bezug auf Gewaltdarstellungen. Der so genannte Survivalhorror überlebte bis in die 80er vor allem in den USA, Italien und Asien. In Deutschland hingegen schafften die meisten dieser Filme es noch nicht einmal bis in die Bahnhofskinos oder später die Videotheken, sondern blieben regelmäßig im Netz der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften hängen. Einige Kassetten - gerne auch mit schwedischen oder koreanischen Untertiteln und in katastrophaler Bildqualität - erreichten aber doch jeden Schulhof und sorgten für das unter Pubertierenden beliebte Spielchen "Wer zuerst rausgeht, hat verloren". Mehr als 30 Jahre später zieht die "Film als Mutprobe"-Geschichte noch immer, doch einiges hat sich verändert. Kein Untergrundverleih macht auf diese Weise Werbung, sondern im Fall von "Hostel" ein Branchenriese wie Sony. Die großen Studios haben kein Problem, sich die Hände mit Blut zu besudeln. Die Welle neuer Härte im Horrorfilm findet mit Unterstützung der Majors statt - und schafft es sogar bis auf deutsche Leinwände: "Saw I & II", "The Devil's Rejects", die Remakes von "Texas Chainsaw Massacre" und "The Hills Have Eyes" und - warum eigentlich nicht? - "Die Passion Christi".

Europa – der unbekannte Kontinent

Nun also "Hostel". Gehypt bis zum Gehtnichtmehr und geadelt durch die Tatsache, dass Quentin Tarantino bei der Produktion mitmischte und - wichtiger noch - seinen Namen für die Vermarktung zur Verfügung stellte. Der 34-jährige Eli Roth, der sich mit seinem Erstling "Cabin Fever" als ebenso zeigefreudiges wie hemmungsloses Regietalent empfohlen hatte, erzählt von den College-Studenten Paxton und Josh. Während ihres Europaurlaubs benehmen sich die beiden wie ABC-Schützen - sie zielen nur auf Alkohol, Bräute und Cannabis. In Amsterdam bekommen sie einen Tipp: In der Nähe von Bratislava gebe es eine Herberge, in der ganze Rudel von Models von Sex gar nicht genug bekommen könnten. Die beiden leicht dümmlichen Amerikaner und ihre Urlaubsbekanntschaft, der Isländer Oli, entdecken eine Bahnfahrt später tatsächlich dieses Paradies. Und die Hölle. Die befindet sich nämlich im selben Ort. In einer alten Fabrik betreibt die Firma "Elite Hunting" ein Etablissement der besonderen Art: Solvente Sadisten aus aller Welt foltern und töten dort Menschen gegen Geld. Amerikaner kosten deutlich mehr als 10.000 Dollar pro Stück, nur Japaner sind teurer. Im Preis inbegriffen: Fahrdienst, Baumarkt-würdige Werkzeugausstattung, Endreinigung und Entsorgung der Überreste der Opfer.

Hätte, wenn und aber...

Während Mutti im Spa abhängt, gönnt sich Papi ein Sickness-Wochenende, damit er zuhause nicht immer so aggressiv ist... Was für ein bösartiger, entsetzlicher und verstörender Kommentar zum Zustand der Menschheit hätte "Hostel" werden können! Der Horrorfilm spiegelt immer auch Gesellschaft und in ihr vorherrschende Probleme wider. In den 70ern war es der Vietnamkrieg, in Zeiten von Abu Ghreib ist Folter präsenter denn je. Die Folterszenen in "Hostel" sind extrem, eklig - aber egal. Der Zuschauer leidet nicht mit, weil die Charakter nicht interessieren. Weil keine Atmosphäre aufkommt. Weil jegliche Spannung fehlt.

Obwohl sich Roth viel Zeit nimmt, die Figuren einzuführen: Die von Jay Hernandez und Derek Richardson gespielten College-Kumpel bleiben nervige, unsympathische Deppen, die direkt aus den "American Pie"-Filmen zu stammen scheinen. Außerdem tappt Roth in viele Klischeefallen, die in krassem Widerspruch zum eigentlich realistischen Ansatz des Films stehen: Jeder, der sich in Amsterdam aufhält, ist dauerbreit, besoffen oder/und hat Sex. Der Folterrestbeseitiger sieht aus wie der Glöckner von Notre Dame. Und der deutsche Folterer wird von einem Schauspieler dargestellt, in dessen Lebenslauf vermutlich steht: "Nazi #4" und "KZ-Aufseher, hinten links". Mit derlei Quatsch entschärft sich der Film selbst - obwohl er auch zeigt, wie es besser geht: In der besten Szene wird nicht gefoltert. Ein amerikanischer Kunde diskutiert in der Umkleidekabine, ob er eher ein Messer, eine Pistole oder ein Werkzeug benutzen soll. Wie sich dieser junge, gut aussehende, ganz normal wirkende Mann immer mehr in Rage redet und dabei in ein menschliches Monster verwandelt, das ist wirklich verstörend.

Rettung aus Australien

So ist "Hostel" nicht der Höhepunkt der aktuellen Extremhorror-Welle, sondern ein Beispiel für verschenkte Möglichkeiten. Doch ein Abebben ist nicht in Sicht, am Horizont taucht schon der nächste Kandidat auf, und der macht es besser: "Wolf Creek", aus Australien und schon fast zwei Jahre alt, zeigt ab 13. Juli das Schicksal dreier Rucksacktouristen, die in der australischen Wüste in die Hände eines Irren geraten. Obwohl die Geschichte viel simpler ist als die von "Hostel", erzählt Regisseur Greg McLean sie so, dass man zertrümmert aus dem Kino krabbelt. Wie es bei dieser Art von Filmen sein muss.