"Liebe auf den zweiten Blick" Ganz schön anders


Man muss sie einfach lieben, die schlaue, witzige Emma Thompson. Mit Charme und Dustin Hoffman macht die Britin auch eine eher laue Romanze noch sehenswert.
Von Claus Lutterbeck

Eigentlich kann man nach zwei Minuten das Kino verlassen. Da rennt Harvey an Kate vorbei und sieht sie nicht. Man ahnt, dass die beiden jetzt noch fürchterlich oft aneinander vorbeirennen werden, sich am Ende aber kriegen. Warum dennoch 92 Minuten sitzen bleiben? Weil zwei wunderbare Schauspieler zeigen, was sie aus einem flachen Drehbuch herausholen können, wenn die Chemie zwischen ihnen stimmt. "Wir hatten uns vorher kaum gesehen, aber plötzlich war es, als ob wir uns aus einem früheren Leben kannten", sagt Dustin Hoffman, 71, über seine Partnerin Emma Thompson, 49.

Die beiden spielen in "Liebe auf den zweiten Blick" zwei nette, einsame Mittelalterliche, die den Traum vom Glück in der Liebe längst aufgegeben haben. Sie haben Angst vorm Verlieben, sie tun sich schwer, ihre Gefühle auszudrücken, die unter vielen Schichten von Verletzungen wasserdicht versiegelt sind. Allein der Zufall, ein paar Drinks und die schönsten Ecken von London helfen ihnen zum mühsam verdienten Happy End.

So nett-bieder dieser Film auch ist - die Pressekonferenz in Paris, bei der sie ihn vorstellten, war es nicht. Die beiden waren in Höchstform. Hoffman spottete mild über das Drehbuch: "Eigentlich ist es wie der ‚Letzte Tango in Paris‘, mit Butter und allem." Und schaffte es, in wenigen Sätzen fünfmal das Wort "fuck" unterzubringen, und auch das Ende der Konferenz konnte er kaum erwarten, weil ihm die französische Regierung "drei Nutten organisiert" hätte, witzelte er, die "draußen auf mich warten". Als die strahlend schöne Emma Thompson, die am 15. April 50 wird, über ihr "wahnsinnig" hohes Alter und die vielen Falten lamentierte, schnitt ihr Hoffman das Kokettieren ab: "Emma, lass das, du siehst hinreißend aus. Jeder Mann hier im Raum will auf dich springen." Da blieb ihr für eine Sekunde der Mund staunend offen stehen, dass man ihre schiefen Zähne sehen konnte - eigentlich unvorstellbar für eine Frau, die in der Hauptstadt der falschen, perfekten Zähne, Hollywood, ihr Geld verdient.

Intelligent und begabt

Die Londonerin ist ein Phänomen, sie war schon immer anders, unangepasster, intelligenter. Sie spricht - unerhört für jemanden, der aus England kommt - fließend Französisch, gut Spanisch, und jetzt will sie auch noch Deutsch lernen. Auch ihr Verhältnis zur Monarchie ist nicht ganz knitterfrei, aber abschaffen möchte sie das Königshaus doch nicht: "Ich würde die Hüte vermissen."

Vater und Mutter waren Schauspieler, und sie war so begabt, dass ein Theateragent sie bereits als Schülerin unter Vertrag nahm. Als sie in Cambridge Literatur studierte, stand sie auf der Bühne des Studententheaters, das eine Reihe der besten britischen Komödianten hervorgebracht hat. Ihr freches Mundwerk trainierte sie jahrelang als Stand-up-Komödiantin: "Das war eine harte Schule fürs Leben, seither bin ich um keine Antwort mehr verlegen", sagt sie.

In einem Alter, in dem sich die meisten ihre schauspielernden Kolleginnen eher für notleidende Tiere oder bei der Unesco-Kinderhilfe nützlich machen dürfen, dreht die zweifache Oscar-Gewinnerin einen Film nach dem anderen - weil "ich überhaupt kein Problem damit habe, alte Schachteln zu spielen".

Beziehungskisten

Bis 1995 war Emma Thompson mit dem Schauspieler und Regisseur Kenneth Branagh liiert, es waren stürmische Jahre, die beiden größten jungen Talente der Londoner Theaterszene in einem Bett, an einem Tisch. Die Ehe zerbrach nach sechs Jahren auch daran, dass sie öffentlich stattfand und von der rabiaten britischen Presse fast täglich seziert wurde. Seither lebt sie mit dem sieben Jahre jüngeren Schauspielerkollegen Greg Wise zusammen, einem Mann, "der mühelos etwas ganz Wichtiges schafft: mich immer wieder zum Lachen zu bringen". Als sie neulich mit entsetzlich teuren braunen Schaftstiefeln von Chanel heimkam, knallte er die Hacken zusammen und salutierte. Sie liebt ihn für solche Späße.

Ob sie manchmal bei sich Zeichen einer Midlife-Crisis erkenne, wie die Figuren im Film? "Das ist nur was für Männer", spottet sie, "die verlieben sich in junge Frauen, weil sie nicht akzeptieren können, älter zu werden. Sie blenden einfach aus, dass sie auch sterben müssen." Frauen seien da viel praktischer: "Wir können uns so viel Nabelschau gar nicht leisten, wir haben Kinder, und deren Leben ist viel wichtiger als unseres." - Einwand, Ma'am, Sie haben gut reden, schließlich ist Ihr Ehemann deutlich jünger als sie! - Da lacht sie: "Stimmt, und ich kann das nur weiterempfehlen! Ich habe meinen eigenen kleinen Toyboy und muss mich nicht mehr umschauen nach einem Jüngeren. Selbst wenn wir Streit haben, schau ich ihn mir gern an und denke: Ist der hübsch!

print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker