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"Muppets Most Wanted"-Start: Wie ein Frosch und ein Schwein mein Herz eroberten

Dank meiner kotzenden Schwester traten einst Kermit, Miss Piggy, Gonzo & Co. in mein Leben. Verlassen haben sie es über 30 Jahre später immer noch nicht. Bekenntnisse eines langjährigen Muppet-Fans.

Von Patrick Heidmann

Es gibt nicht wahnsinnig viele Ereignisse aus meiner frühesten Kindheit, an die ich mich bewusst erinnere (zumal wenn es keine Fotos davon gibt). Aber jenen Moment, an dem ich zum ersten Mal einem sprechenden Frosch begegnete, habe ich bis heute klar vor Augen. Ich war dreieinhalb Jahre alt, es war der Sommer 1981 und meine Eltern waren mit uns zum großen Kalifornien-Urlaub aufgebrochen. Ärgerlicherweise hatte sich meine kleine Schwester, gerade mal eins, auf dem Flug irgendeinen Virus eingefangen – und fing pünktlich nach der Landung mit dem großen Kotzen an.

Ein wenig müssen meine Eltern wohl überfordert gewesen sein, zumindest mit den amerikanischen Apotheken und dem dortigen Ärztesystem. Jedenfalls wandten sie sich nach der ersten durchwachten Nacht im Hotel an den einzigen Kontakt, den sie in Los Angeles hatten. So landeten wir also ein paar Stunden später im Wohnzimmer einer entfernten Bekannten, wo meine Schwester - mit Bananen, Fieberthermometer und anderem - und ich vor dem Fernseher geparkt wurde. Zufall? Schicksal? Keine Ahnung. Auf jeden Fall lief an diesem Abend die "Muppet Show". Ich verstand kein Wort und war doch gefesselt. Das zwischen dem aufgeregt herumfuchtelnden Frosch Kermit, seiner zickigen Schweinedame Piggy, dem Rest der Chaotentruppe und mir war Liebe auf den ersten Blick.

Eine Kindheit voller Henson-Kreaturen

Seit jenem Tag, also seit nunmehr bald 33 Jahren, bin ich Fan der Muppets und (fast) aller anderen Kreaturen, die der Fantasie des einzigartigen Jim Henson und seiner Mitstreiter entsprungen sind, von Ernie und Bert bis hin zu den Fraggles. Dank der "Sesamstraße" lernte ich noch lange vor der Einschulung die Uhr zu lesen, denn ich wusste genau, wie die Zeiger stehen mussten, wenn es Zeit war, den NDR einzuschalten. Erst als selbst mein kleiner Bruder sich zu alt fühlte fürs Krümelmonster und Graf Zahl, blieb der Fernseher um 18 Uhr aus. Da besuchte ich allerdings längst das Gymnasium. In meinem Kinderbett saßen selbstverständlich Kermit, Ernie und andere Muppets, und dank mehrerer weiterer USA-Urlaube kam immer mal wieder neues Spielzeug aus dem Hause Henson hinzu.

Wie oft ich in den Achtzigern tatsächlich die "Muppet Show" selbst gesehen habe, gewissermaßen das Kronjuwel der Jim Henson Company, kann ich im Rückblick gar nicht mehr genau sagen. Die Sendung wurde nach fünf Staffeln schließlich schon 1981 eingestellt, die die letzte Folge in Deutschland lief im Sommer 1982 (derzeit zeigt der Disney Channel jeden Samstag Wiederholungen). Aber präsent blieben die filzigen Handpuppen - vom kurzsichtigen Wissenschaftler Dr. Honigtau Bunsenbrenner und seinem fiependen Assistenten Beaker bis hin zum tugenhaft-grummeligen Adler Sam - in meiner gesamten Kindheit. Dank Wiederholungen und Fernseh-Specials wie "Die Muppets feiern Weihnachten" oder dem Besuch des Smørrebrød-Kochs bei Thomas Gottschalk. Dank Kinofilmen wie "Die Muppets erobern Manhattan". Und natürlich dank all der Schallplatten, Bücher und anderer Muppet-Memorabilia, die sich im Laufe der Jahre bei uns angesammelt hatten.

Kermit & Co. als Comedy-Vorreiter

Worin die Genialität der Henson-Schöpfungen wirklich liegt, erschloss sich mich aber natürlich erst sehr viel später. Genauer gesagt, als mir irgendwann in den Irrungen und Wirrungen der Pubertät auffiel, dass ich noch immer unglaublich viel Spaß an Kermit und Co. hatte (auch wenn das grandiose Muppets-Lunchköfferchen aus Metall da dann mittlerweile leider doch von meiner Mutter entsorgt worden war). Früher, auf dem Sofa in Los Angeles, war es natürlich das vermeintlich Kindliche, was mich an der "Muppet Show" begeistert hatte: quietschbunte Puppen von Monstern über Hühnern bis hin zu Gemüse mit Gesicht, die die meiste Zeit sangen und tanzen. Da musste man nicht einmal Englisch können, um begeistert vor dem Fernseher zu sitzen.

Doch nicht umsonst lief die Sendung - anders als etwa die "Sesamstraße" - nicht tagsüber, sondern im Abendprogramm und lockte Woche für Woche ebenso renommierte wie ausgewiesen hippe Gaststars an, von Elton John und John Cleese bis Johnny Cash und Diana Ross. Denn das Zielpublikum war eigentlich ein erwachsenes - und der Humor, der stets zwischen dadaistisch-absurden Albernheiten, parodistischen Einlagen wie "Schweine im Weltall" und bissiger Frechheit balancierte, war in seiner Vielschichtigkeit und Tiefe für Kinder gar nicht zu verstehen.

Als ich anlässlich des Kinostarts von "Muppets Most Wanted", dem inzwischen achten Leinwandabenteuer, kürzlich Ricky Gervais zum Interview traf, brachte der die Ausnahmestellung der Henson-Schöpfungen in der Fernsehgeschichte ganz treffend auf den Punkt. "Die Muppets haben eigentlich den Weg bereitet für jene Art von selbstironischem Meta-Humor, die heute auf Comedy-Bühnen und in Sitcoms gang und gäbe ist", schwärmt der Brite, selbst Muppet-Fan der ersten Stunde, der mindestens einmal im Jahr "Die Muppets-Weihnachtsgeschichte" guckt. "Im Grunde war die Sendung ja ein Spiel mit den Klischees des Showgeschäfts und dem Umgang mit Ruhm und Prominenz. Eigentlich haben die damals schon gemacht, was ich später mit 'Extras' gemacht habe oder zum Beispiel Tina Fey mit '30 Rock'."

Walzer mit Waltz

Wenn ich mich nun heute in "Muppets Most Wanted" (seit 1.5. im Kino) königlich amüsiere und oft lauter lache als die Kinder im Publikum, dann hat das natürlich auch viel mit Nostalgie zu tun. Dass Regisseur James Bobin es geschafft hat, einerseits einen wunderbar bizarren Krimiplot zu erzählen und in seinem Film trotzdem vom legendären Show-Vorspann bis zu den Mecker-Kommentaren von Waldorf & Stettler alle klassischen Muppet-Elemente unterzubringen, ist ein Fest für alle Fans der ersten Stunde. Aber eigentlich bin ich mir ziemlich sicher, dass ich mich über Beiläufigkeiten wie einen Walzer tanzenden Christoph Waltz, typische Nummer wie Gonzos Stierlauf oder die Diva-Allüren von Miss Piggy auch ohne Vorwissen königlich amüsieren könnte.

In jedem Fall ist es eine Freude zu erleben, dass ich - anders als gegen Ende der Achtziger von meinen Eltern vermutet - eben doch nicht der einzige bin, der sein Herz dauerhaft an Frösche, Schweine und Bären verloren hat, in denen die Hände von Puppenspielern stecken. Jason Segel war immerhin Fan genug, um mit Ausdauer für das Kino-Comeback 2011 zu kämpfen, und ein Buch wie die kürzlich erschienene Enzyklopädie der Muppet-Figuren oder wunderbare Webseiten wie Tough Pigs, The Muppet Mindset oder Muppet Central gibt es schließlich nicht ohne Grund.

Dass mein Arbeitszimmer inzwischen einem Muppet-Museum ähnelt, ist allerdings trotzdem nur ein Gerücht. Sicher, da stehen noch Miss Piggys Kochbuch und andere Erinnerungen von früher herum. Und zuletzt kamen Überraschungseier in Muppet-Folie dazu, die wohl zum Start von "Die Muppets" vor drei Jahren auf den Markt kamen und von mir erst vor einigen Monaten in einer mecklenburgischen Provinz-Tankstelle entdeckt wurden. Aber das große Muppet-Monopoly, ohne das kein echter Fan-Schrein komplett wäre, fehlt - der Weihnachtsmann hat diesen Wunsch von mir seit Jahren ignoriert.