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CIA-Mission von 1953: Geheimprojekt Ajax - Wie die USA die iranische Regierung stürzte

Weil die Briten ans Erdöl und die Amerikaner den Kommunismus eindämmen wollen, senden sie 1953 die CIA in den Iran. Das Ziel: den gewählten Premierminister stürzen.

Von Eva Lehnen

Chaos, angezettelt vom US-amerikanischen Geheimdienst CIA: 1953 brennt ein Kiosk in den Straßen Irans

Chaos, angezettelt vom US-amerikanischen Geheimdienst CIA: 1953 brennt ein Kiosk in den Straßen Irans

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Der Mann mit der hohen Stirn über der dunkelrandigen Brille erregt bei den iranischen Grenzbeamten kein Misstrauen. Er sieht aus wie einer dieser Bildungstouristen aus dem Westen, welche die antiken Stätten zwischen Kaspischem Meer und Persischem Golf bereisen. Der Pass gibt den 37-Jährigen als James Lockridge aus. Doch der stille Amerikaner, der an diesem 19. Juli 1953 in den Iran einreist, ist einer der abgebrühtesten Agenten des US-Geheimdienstes .

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James Lockridge heißt in Wirklichkeit Kermit Roosevelt Jr. Schon im Zweiten Weltkrieg unternahm der Enkel des einstigen US-Präsidenten Theodore Roosevelt Geheimoperationen in Europa. Auch den Nahen Osten kennt er gut. Seinen Vorgesetzten scheint er der richtige Mann zu sein, um im einen riskanten Coup zu orchestrieren.

Zwölf Jahre ist es her, da drängte Großbritannien den alten Schah von der Macht und installierte dessen Sohn Mohammad Reza Pahlavi als Marionette auf dem Pfauenthron. Nun – so sieht man das in London und Washington – ist eine neue Korrektur nötig: Der aufsässige Premierminister, der 71-jährige Mohammad Mossadegh, muss weg. Denn im Iran der frühen 1950er-Jahre ist Mossadegh ein nationales Symbol.

Sein ganzes politisches Leben kämpfte er leidenschaftlich für demokratische Reformen. 1951 ernennt ihn der Schah zum . "Mossadegh war der erste liberale Führer im modernen Mittleren Osten", schreibt der Journalist Christopher de Bellaigue.

Wie so oft geht es ums Öl

Ausgerechnet er soll nun ein Feind des Westens sein? Mossadegh ist nur der Sündenbock für einen Konflikt, der seit Langem schwelt. Iran ist ein armes Land – obwohl es riesige Ölvorkommen hat. Ein Vertrag von 1914 sichert den Briten volle Kontrolle über Irans Ölgeschäft. Das 16-Millionen-Einwohner-Land wird mit mageren Tantiemen abgespeist. Der Schah spielt mit. Seit Jahren brodelt es im Volk, es stellt sich immer offener gegen den Schah und den Einfluss der Briten.

Forderungen werden laut, den Profit wenigstens 50:50 aufzuteilen. Doch die Briten lehnen ab. Daraufhin beschließt die iranische Regierung die Verstaatlichung der Ölfelder; als Premierminister setzt Mossadegh die Pläne um. Der schwache Schah schaut dem Treiben seines Premiers rat- und tatenlos zu.

Zum Duell zwischen Iran und Großbritannien kommt es 1951 im Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York. Im Sicherheitsrat greift Londons Botschafter scharf an: "Die iranische Regierung hat ein großes Unternehmen zum Stillstand gebracht, von dem nicht nur das Vereinigte Königreich und Iran, sondern die gesamte freie Welt immens profitiert haben. Wenn sie nicht unverzüglich in ihre Schranken gewiesen wird, wird die freie Welt viel ärmer und schwächer sein, einschließlich des getäuschten iranischen Volkes selbst."

Mossadegh erwidert: "Hunderte Millionen Asiaten haben nach Jahrhunderten kolonialer Ausbeutung ihre Unabhängigkeit und Freiheit erreicht. Sie haben für das Recht gekämpft, in Freiheit und Gleichheit ihren Platz in der Familie der Nationen einzunehmen. Iran verlangt das gleiche Recht. Wir werden nie mehr Ausländern die Ausbeutung unserer Ölvorkommen anvertrauen." Der Brite legt nach, nennt Irans Politik eine Gefahr für den Weltfrieden.

Doch Mossadegh kontert mit Hinweis auf die britische Seeblockade gegen sein Land. "Iran", sagt er trocken, "hat keine Kanonenboote in die Themse verlegt." Zwei zu null für Mossadegh. Die Diplomaten staunen. Um dem Briten weitere Schmach zu ersparen, beantragt sein französischer Kollege die Vertagung der Sitzung.

Er war der Mann, der dem Iran sein Öl zurückgeben wollte: 1951 ist Premier Mohammed Mosaddegh der Held der Massen

Er war der Mann, der dem Iran sein Öl zurückgeben wollte: 1951 ist Premier Mohammed Mosaddegh der Held der Massen

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Mossadeghs Anhänger feiern ihn zu Hause wie einen Popstar. Sogar der Schah schickt ein Glückwunschtelegramm.

Auch in den USA selbst erntet Mossadegh viel Sympathie. Das "Time Magazine" kürt ihn sogar zum "Mann des Jahres 1951".
Sechs Wochen lang bleibt Mossadegh in den USA, um mit den Briten zu verhandeln. Er braucht dringend einen Deal, seine Staatskassen sind leer. Wegen des Abzugs der britischen Ölingenieure und der Seeblockade im Persischen Golf ist die Förderung nahezu zum Erliegen gekommen. Die Briten kennen Mossadeghs schwierige Lage, wähnen sich am längeren Hebel. Man dürfe sich "nicht von persischen Grasaffen herumschubsen lassen", tönen sie.

London will militärisch eingreifen

Insgeheim drängt London auf ein militärisches Eingreifen, doch das Weiße Haus unter Präsident Harry S. Truman stellt sich dagegen. Vergeblich versuchen die USA, zwischen den verfeindeten Regierungen aus London und Teheran zu vermitteln. Mossadegh kehrt schließlich mit leeren Händen zurück. Zwar rechnen seine Landsleute ihm hoch an, dass er standhaft blieb. Doch seine Lage wird ohne neue Einnahmen zunehmend prekär.

Da begeht der Premier einen folgenschweren Fehler. Um die USA zu bewegen, ihm mit einem Sofortkredit zu helfen, baut er ein Drohszenario auf. Iran könne ja auch Moskau um finanzielle Hilfe bitten und im Gegenzug Öl unter Weltmarktpreis an die Sowjetunion verkaufen, lässt er verlautbaren.

Mossadegh hat das nicht ernsthaft vor. Aber in Washington schrillen die Alarmglocken – die Stimmung dreht sich gegen ihn. Zudem wechseln seine Verhandlungspartner: Dwight D. Eisenhower kommt an die Macht; in London ist Winston Churchill zum zweiten Mal Regierungschef geworden. In Sachen Iran sind sich die beiden Hardliner einig: Mossadegh muss weg. Churchill will die Kontrolle über Irans Öl zurück, Eisenhower die Ausbreitung des Kommunismus verhindern.

Der CIA-Agent Kermit Roosevelt Jr. soll die "Operation Ajax" leiten – für den Namen steht ein Reinigungsmittel Pate. Schon das illustriert, wie katastrophal der Geheimdienst die Tragweite seiner Mission unterschätzt. Als Roosevelt im Juli 1953 unbehelligt über einen abgelegenen Grenzposten in den Iran einreist und seinen Posten in Teheran bezieht, sind die Umsturzvorbereitungen schon in vollem Gang. Anfang April hat die CIA-Zentrale bereits eine Million Dollar an die Niederlassung in Teheran überwiesen, "verwendbar für alles, was zum Sturz Mossadeghs führt".

Wie die CIA das Land aufstachelt

Mullahs, Reporter, Politiker werden geschmiert, sie wettern nun öffentlich gegen den Premier. Die meisten der Teheraner Zeitungen stehen im Sommer 1953 unter CIA-Einfluss. Mit aller Macht sorgt der Geheimdienst dafür, dass sich über die Lichtgestalt Mossadegh dunkle Schatten breiten. Aus Washington werden Propaganda-Flyer eingeflogen, die Mossadegh als Kommunisten und Fanatiker brandmarken. Die öffentliche Meinung zu manipulieren ist nicht sonderlich schwer, denn die Armut im Land wird von Tag zu Tag größer. Mossadegh unternimmt nichts, um die Hetze zu stoppen, selbst als gekaufte Geistliche ihre Anhänger zu Pro-Schah-Demonstrationen aufrufen.

Im Parlament hingegen agiert er angesichts der eskalierenden Lage zunehmend selbstherrlich. Um innenpolitische Reformen angehen zu können, trotzt er den Abgeordneten die Vollmacht ab, Gesetze auch ohne ihre Zustimmung erlassen zu können. Ein Schachzug, der nicht nur seine Gegner, sondern auch seine Verbündeten gegen ihn aufbringt. Die Situation in der persischen Hauptstadt eskaliert.

US-Präsident Harry S. Truman mit dem Schah des Iran 1949 im Oval Office

US-Präsident Harry S. Truman mit dem Schah des Iran 1949 im Oval Office

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Kermit Roosevelt ist hochzufrieden: Je größer die Unruhe, desto besser für ihn. Zwischendurch bleibt ihm sogar Zeit für Tennismatches und entspannte Verabredungen zu Drinks. Doch der schwierigste Coup steht noch bevor: Er muss den Schah für das Komplott gewinnen. Der Monarch soll zwei Dekrete unterzeichnen, um den Staatsstreich zu legitimieren: die Entlassungsurkunde Mossadeghs und die Ernennungsurkunde für den neuen Premier, den die Amerikaner bezahlen und installiert sehen wollen: General Fazlollah Zahedi.

Der Schah wird mit ins Boot geholt

Roosevelt erhöht über verschiedene Kanäle den Druck auf das 33-jährige Staatsoberhaupt. Doch in Geheimdienstkreisen gilt dieser als ängstlich. Sollte ein Putsch scheitern, so fürchtet der Schah, könnte er vom Pfauenthron stürzen – oder gar mit dem Leben bezahlen. Doch in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1953 gewährt der Monarch Roosevelt die erste geheime Audienz.Die Straßen sind dunkel, als ein royaler Chauffeur Roosevelt gegen Mitternacht zum Palast im Norden Teherans bringt. Das letzte Stück der Fahrt liegt der Agent in eine Decke gehüllt im Fußraum. Niemand außer dem Schah soll ihn im Palast zu Gesicht bekommen. Der Regent empfängt im Freien. Mehrere nächtliche Treffen sind nötig, bis Roosevelt den Schah überredet hat. Dieser unterzeichnet die Dekrete unter einer Bedingung: Sollte der Coup scheitern, will er sicheres Geleit ins Ausland.

Kurz darauf bestimmt Roosevelt: Am 15. August soll der Staatsstreich stattfinden. Ein gekaufter monarchietreuer Oberst soll in der Nacht Mossadegh die Entlassungsurkunde übergeben und ihn bei Widerstand verhaften. Als die Militärkolonne losfährt, sitzt Roosevelt schlaflos in seinem Kommandoposten auf dem Gelände der US-Botschaft. Aus dem Radio erfährt er am nächsten Morgen vom Debakel: Mossadeghs Soldaten haben den Oberst verhaftet, der Staatsstreich ist gescheitert. Mossadegh verkündet, der Putschversuch sei vom Schah und ausländischen Elementen organisiert gewesen.

In der Iran-Abteilung der CIA in Washington herrscht Schockstarre. Roosevelt bekommt die Order, Iran sofort zu verlassen. Doch der denkt nicht daran. Er will nicht gehen, bevor er die Operation Ajax erfolgreich beendet hat. Während die Menschen in Teheran schon Mossadegh und den "Sieg der Nation" feiern, einigen sich der CIA-Mann und General Zahedi, einen zweiten Putschversuch zu wagen. Roosevelt treibt einen der wenigen Kopierer Teherans auf und lässt die Entlassungsurkunde Mossadeghs und die Ernennungsurkunde Zahedis zehntausendfach vervielfältigen und unters Volk verteilen. Die gekauften Chefredakteure verbreiten, in Wahrheit sei Mossadegh nicht Ziel, sondern Auftraggeber des Putsches gewesen, er hätte den Schah vom Thron stoßen wollen. Dieser hatte sich gleich zu Putschbeginn erst nach Bagdad und von dort nach Rom abgesetzt.

Chaos im Auftrag der CIA

Zugleich aktiviert Roosevelt sein Untergrundnetzwerk. Das Ziel: Chaos im Namen Mossadeghs zu stiften. Am 17. August zieht im Auftrag der CIA ein marodierender Mob durch die Straßen Teherans. Sie plündern Geschäfte, prügeln auf Passanten ein und zerstören schließlich mitten auf dem Platz vor dem Parlament eine riesige Reiterstatue des Vaters des Schahs. Dabei skandieren sie Pro-Mossadegh-Parolen. Roosevelts Kalkül: Unter die gekauften Demonstranten werden sich nichtsahnend auch echte Mossadegh-Anhänger mischen. Sein Plan geht auf. Die Straßen sind bald schwarz vor Demonstranten. Als der Agent durch die Straßen fährt, wird ihm selbst bang. Das Schauspiel entfaltet seine Wirkung: Das Land scheint auf direktem Wege in die Anarchie.

Während des von der CIA initiierten Coups 1953 wurden auch Radio-Stationen besetzt

Während des von der CIA initiierten Coups 1953 wurden auch Radio-Stationen besetzt

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Als die Demonstrationen auch am kommenden Tag weitergehen, verliert Mossadegh die Nerven. Er lässt nicht nur die Polizei, sondern auch Soldaten aufmarschieren – gegen seine eigenen Anhänger. Doch schon am 19. August marschieren wieder Menschenmassen durch das Zentrum der Hauptstadt. Diesmal brüllen sie: "Lang lebe der Schah" und "Mossadegh soll weg". Angeführt wird der Marsch von Kraftprotzen, aus Sportklubs ärmerer Teheraner Viertel rekrutiert, die gegen amerikanisches Geld bereit sind, das Volk weiter aufzurühren. Sie schwenken ihre Hanteln, lassen ihre gewaltigen Bizeps spielen, verteilen Geldscheine an die Menschen am Straßenrand, die sich dem Protestzug anschließen. Monarchietreue Armeeführer lassen ihre Panzer durch die Straßen rollen, Regierungsgebäude stehen in Flammen, Gewehrsalven mischen sich mit Jubelgesängen.

Roosevelt zündet nun die nächste Stufe, befeuert jetzt die Gegenseite: Er lässt Radio Teheran besetzen. Die ganze Stadt hört zu, als ein Sprecher ins Mikrofon schreit: "Die Regierung Mossadegh ist besiegt. Der neue Premier Fazlollah Zahedi ist im Amt. Seine Kaiserliche Hoheit ist auf dem Weg nach Hause." Dann lässt Roosevelt Zahedi zum Sender bringen. Während der fremdbestimmte Regierungschef zum Volk spricht, kreisen Soldaten Mossadeghs Haus ein. Der kann fliehen, doch Tage später gibt er auf.

Wegen Landesverrat, Nichtbefolgung eines Befehls des Schahs und Anstiftung zum bewaffneten Aufstand verurteilt ihn ein Gericht zu drei Jahren Gefängnis. Bis zu seinem Tod im Jahr 1967 wird die einstige Hoffnung auf Demokratie unter Hausarrest leben.

"Wenige Interventionen waren so schändlich"

Kermit Roosevelt Jr. verlässt den Iran so unauffällig, wie er vor Wochen eingereist ist. In seiner Tasche ein goldenes Zigarettenetui, ein Geschenk des Schahs. Der errichtet mit Unterstützung der USA nun eine brutale Diktatur – und macht die Verstaatlichung aller Ölfelder wieder rückgängig.

Roosevelts Husarenstück wird Vorbild für ähnliche CIA-Interventionen – etwa in Guatemala (1954) und Syrien (1957). Niemand ahnt, dass sich der Triumph in eine für Iran und den Westen vielfach größere Katastrophe verwandeln wird. 1979, also 26 Jahre nach Mossadeghs Sturz, fegt die Islamische Revolution über den Iran. Ayatollah Ruhollah Khomeini nutzt den immer weiter gewachsenen Hass des Volkes auf den Schah und den Westen, um nun dessen Regime zu stürzen und einen Gottesstaat zu errichten. Studenten stürmen die US-Botschaft von Teheran, halten 52 Diplomaten 444 Tage lang als Geiseln. Einer der Amerikaner berichtet später: "Sie betrachteten uns als Stellvertreter der CIA-Leute von 1953."

Der Journalist de Bellaigue schreibt in seinem Buch "Patriot of Persia": "Wenige Interventionen im Mittleren Osten waren so schändlich wie der Coup von 1953. Und wenige Politiker des Mittleren Ostens hatten unsere Feindschaft so wenig verdient wie Mohammad Mossadegh. Sein Sturz hat Iran zu einem Vierteljahrhundert vulgärer Tyrannei und zu der Explosion von 1979 verdammt. Ohne ihn wäre die iranische Geschichte sehr wahrscheinlich sehr viel glücklicher verlaufen. Mossadeghs Iran hätte ein positives Beispiel für andere Länder werden können, denn sein Traum war derselbe Traum, der sich mit dem Arabischen Frühling von 2011 auszudrücken begann. Er hatte diese Entwicklung um 60 Jahre vorweggenommen."