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"Troja": Homer geht nach Hollywood

Brad Pitt als edler Recke Achilles, Peter O'Toole als gebeutelter König Priamos: Regisseur Wolfgang Petersen lässt sich die Neuverfilmung der Schlacht um Troja einiges kosten.

Von Wolfgang Röhl

Auch Helden müssen mal. Auf dem Dünenkamm, Blick aufs stahlblaue Meer, steht ein Häuflein gerüsteter Krieger in sirrender Hitze vor dem Lokus Schlange. Speere in der Rechten, Schilde in der Linken, von einer Sandale auf die andere trippelnd. Die fünf verschissenen Dixie-Klos in dieser Ecke des Drehgeländes reichen nicht entfernt für die Bedürfnisse all der Komparsen, Kameraleute, Tontechniker, Beleuchter, Kulissenbauer. Zumal ein Teil von ihnen unter Montezumas Rache ächzt, dem rabiaten Reisedurchfall. Hier, an einem menschenleeren Strand der mexikanischen Halbinsel Baja California, entsteht unter Krämpfen und Wehen ein donnerndes Kinoepos. Die Ballade von der Eroberung Trojas im Jahre 1193 v. Chr. Frei, sehr frei nach dem griechischen Dichter Homer, Hollywood-Version 2004.

Leider dürfen wir die Kloszene nicht ablichten. Die Leute von Warner Bros. Pictures verstehen zero Spaß bei einem Vabanquespiel, in dem sie ungefähr 200 Millionen Dollar gesetzt haben. "Troja", mit Brad Pitt als antikem Superman Achilles, gehört zu den teuersten Filmen, die je gedreht wurden. Die Macher spüren monumentalen Erfolgsdruck. "Auf keinen Fall darf der Film entzaubert werden", sagt Rob Harris, ranghöchster PR-Offizier der Operation Troja. Die Hand voll Journalisten, die bei Dreharbeiten zuschauen darf, wird bewacht wie eine Delegation der Internationalen Atombehörde in Nordkorea. "No photos, no videos", warnt ein Schild am Eingang des Drehortes, den die Filmleute für ein paar Monate gemietet haben. Die Wachmänner schauen aus, als würden sie Zuwiderhandelnde sehr gern erschießen, notfalls auch von hinten.

Das 1130 Hektar große Areal liegt hinter einem mit Autowracks gespickten Slumdorf, zehn Fahrminuten von den Bettenburgen des Touristenzentrums Cabo San Lucas: Fundus-Zelte voll mit gutem altem Mummenschanz - Tuniken, Plastikschwerter, falsche Zöpfchen, Klebebärte. 42 "Starwaggons", in denen die Darsteller wohnen, an den Türen Filmnamen wie "Agamemnon" oder "Helen". Buskonvois, die jeden Morgen Hundertschaften von Statisten aus der Umgebung herankarren.

Bagger haben Pisten durchs Ödland gefräst. Nachts jaulen versprengte Kojoten den Mond an. Tagsüber brettern mehr als 100 Quadbikes durch Staubwolken, geritten von jener Soldateska, die zur Filmerei gehört wie die Arriflex. Allen voran verwegen tätowierte britische Techniker in Camouflage-Klamotten, das Werkzeug am Gürtel wie Waffen. Halbnackte Malocher legen einen Bohlenweg über die Dünen, für den Transport von schwerem Gerät. Das Stadttor von Troja: Kulisse von mythischen Dimensionen. Der Tempel des Apollo: sagenhafter Fantasiebau, begehbar. Und der berühmte Gaul, mit dem die Griechen ihre GSG 9 in die Feindesstadt schmuggelten? Lugt surreal über die Dünenspitzen. Sie haben das 15 Meter hohe Holzkonstrukt zerlegt und in einer Antonow-Maschine vom vorherigen Drehort Malta auf den Aeropuerto de los Cabos geflogen, wo ansonsten sonnengeile Amis landen.

Noch nie, sagt der Mann

mit dem zerknautschten Gesicht und den ausgebeulten Cargohosen, habe er unter so extremen Verhältnissen gefilmt. "Seit fünf Monaten stehen wir ununterbrochen im Schweiß. Saufen Wasser wie die Ochsen. Die Hälfte der Leute war krank." Er selbst auch. Montezuma, natürlich. Ausgerechnet als ganz oben vom Stadttor gefilmt wurde. "War 'ne verdammte Rennerei", grinst Wolfgang Petersen, 63.

Selbst schuld. Deutschlands erfolgreichster Hollywood-Export hatte "Hier!" geschrien, als sich herumsprach, Warner plane ein Troja-Spektakel. Petersen bekam den Job. Natürlich nicht, weil er wohl der Einzige im Großraum L. A. ist, der zu Schulzeiten Homers "Ilias" auf Altgriechisch gelesen hat. Sondern weil er, Regisseur von Kassenhonig wie "In the Line of Fire" oder "Air Force One", als gewiefter Actionfilmer gilt, seit dem Schiffbruchdrama "Der Sturm" auch als Meister der digitalen Puppenkiste. Außerdem genießt der Deutsche den Ruf einer unaufregbaren Autorität, die mit buddhistischem Gleichmut das Chaos einer Mega-Produktion zu glätten vermag.

Chaos? Seit Arbeitsbeginn Mitte 2002 rissen Pleiten, Pech und Pannen nicht ab. Die Türkei und Marokko fielen als Drehorte aus, wegen lokaler Desorganisation oder Furcht vor Anschlägen. Spanien schien zu teuer. Petersen entschied sich für die Südspitze der Baja. Allerdings entpuppten sich die Kosten auch dort bald als heftig. Stürme und Regenfronten verhagelten den Drehplan. Gewaltige Böen fegten die riesige Stadttor-Kulisse weg. Der Wiederaufbau dauerte sieben Wochen. Zwei Filmgaleeren gingen in den Sintfluten unter. "Erinnerte mich an die Dreharbeiten von 'Das Boot'", sagt Petersen, "da soff unser U-Boot bei den Außenaufnahmen ab."

Crew und Statisten, zeitweise bis 1300 Mann stark, fraßen Staub und Sand. Die Hitze schlug allen auf den Kreislauf. Statisten lagen wie abgestochen in den Dünen, ständig benetzt von Männern mit Wassertanks auf dem Rücken. Harmlose Erkältungen mutierten zu Bronchitiden. Wochenlang war das American Hospital in Cabo fest in trojanischer Hand.

Fanatische Umweltschützer setzten durch, dass angeblich bedrohte Kakteenarten nicht abgeschnitten, sondern ausgegraben, gelagert und wieder an den Originalstandorten eingesetzt werden mussten. Petersen und seine Leute sind durch alle Fegefeuer der Filmerei marschiert. Als sich Brad Pitt bei Kampfszenen ausgerechnet die Achillessehne verletzte, ließ sich das noch hübsch vermarkten. Als sich aber ein maltesischer Statist beim Sprung aus einem Boot das Bein brach und rätselhafterweise im Krankenhaus starb, keimte in so manchem der traditionell abergläubischen Filmleute der Verdacht, über dem Projekt liege ein Fluch. Ohne "Wulfgäng", den Anker im trojanischen Mahlstrom, würde der Film das Licht der Multiplexe unmöglich pünktlich Mitte Mai erblicken.

Seine Stars hat Petersen clever quotiert. Der schlanke Mädchenschwarm Orlando Bloom (der im "Herrn der Ringe" den Elben Legolas gab) als Paris und der wikingerhafte Sean Bean (der Boromir in der Tolkien-Verfilmung) als Odysseus bedienen die Jungen. Ebenso der Australier Eric Bana ("Hulk"), der den grundguten Hektor gibt. Für ältere Zuschauer sorgen der greise Peter O'Toole als trojanischer König Priamos, der schottische Theatermime Brian Cox als Agamemnon und sein englischer Kollege John Shrapnel als Nestor für klassische Dialoggewitter.

Und Brad Pitt? Diese "Explosion von Talent", wie Petersen seine Traumbesetzung in US-üblicher Hypertrophie hochjazzt, deckt als schöner, hammerharter Recke sämtliche Fraktionen ab. Für die angebliche 20-Millionen-Dollar-Gage musste sich "the sexiest man alive" daran gewöhnen, im Minirock zu kämpfen. "Es schien die alten Griechen nicht zu stören, dass ihnen dabei die ganze Ausrüstung raushing", witzelt Pitt. "Uns Schauspieler mussten sie untenrum abbinden. Schließlich ist der Film jugendfrei." Schade eigentlich. Denn eine Zielgruppe ist dem mit knackigen Jungmännern reich besetzten Spektakel schon sicher: die Weltgemeinde der Schwulen.

An der Rolle der schönen Helena zeigten Superstars wie Julia Roberts, Kate Winslet, Jennifer Aniston oder Nicole Kidman Interesse. Sie ging zur Verblüffung der Branche an die nahezu unbekannte Schauspielerin Diane Heidkrüger. Das Ex-Model hatte sich mit einem Video beworben. "Ein frisches, unverbrauchtes Gesicht" habe er gebraucht, so Petersen: "Große Namen hat der Film genug."

Die zarte Blonde mit den steilen Brüsten, vor 27 Jahren im niedersächsischen Harsum aufgewachsen, lebt nun im Zwischenreich aus Vorruhm und Noch-nicht-ganz-fassen-Können. Sie hat schon jetzt mehr Interviews gegeben als in ihrer ganzen Modelkarriere. In ihrem Wohnwagen versucht Diane, die ihren Namen zu Kruger versimpelt hat, der Helena so etwas wie Profil zu geben: "Ich sehe sie als tragische, unglückliche Figur, die von ihren Eltern mit einem Mann verheiratet wurde, den sie hasste. Weshalb sie letztlich einen Krieg auslöst." Könnte man, äh, vielleicht sagen.

Mal kühl gefragt:

Kann die betagte Kamelle eigentlich noch jemanden von der Couch locken? Was Homer ausschweifend in der "Ilias" und der "Odyssee" erzählt ("Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus, der entbrannt den Achaiern unnennbaren Jammer erregte..."), hat Drehbuchschreiber David Benioff zur Taschentragödie komprimiert. Die geht so: Bei einem Versöhnungsmahl zwischen verfeindeten Trojanern und Griechen entführt der Trojaner Paris die schöne Helena, Gattin des Gastgebers Menelaus. Die Griechen überreagieren mit einem Feldzug, an dessen Ende Troja in Asche und die besten Kämpfer in ihrem Blut liegen.

Und weil der Plot allein noch keinem die Sandalen auszieht, klotzt der Film mit allem, was gigantisch und teuer ist. Kamerazauberer Roger Pratt ("Batman") durfte in den edelsten Innenkulissen aller Zeiten drehen, aufgebaut in den Shepperton-Studios bei London. 140 Tonnen Gips wurden allein am maltesischen Drehort Fort Ricasoli verstrichen, mehr als für "Gladiator" und "Harry Potter" zusammen.

Dann die Massenszenen am Pazifikstrand. Hunderte von mexikanischen Hintergrund-Statisten, die später mit digitaler Trickserei zu einem Heer von 40.000 Griechen aufgeplustert werden. Im Vordergrund, größer und drahtiger als die Mexicanos, dreschen 260 Athleten einer bulgarischen Mucki-Schule aufeinander ein, bis Stunt-Koordinator Simon Crane zufrieden ist. "Wir zeigen brutale Action, nicht diesen Hongkonger Kampfkunst-Scheiß", knurrt Crane, der auch die haarsträubende D-Day-Landung in "Der Soldat James Ryan" inszeniert hat. "Wir glorifizieren die Schlacht nicht. Wenn ein Statist hinfällt, trampeln alle über ihn weg."

Sechs Amputierte sind für den "blutigen Kram" zuständig, wie man am Set zu scherzen pflegt. Sie bekommen Prothesen und Beutel mit Kunstblut appliziert. Da spritzt der rote Saft, wenn die Kunstglieder abgehauen werden. Gefilmt wird auch mit am Körper befestigten Mini-Kameras, quasi aus der Nahkampfperspektive.

Drei Monate arbeitete ein Spezialteam am Höhepunkt des Films, dem viereinhalb Minuten langen Showdown zwischen Achilles und Hektor. Das furiose Finale, mittels Zeichnungen und Videos bis zum letzten Schwertstreich choreografiert, soll Filmgeschichte schreiben wie das Wagenrennen in "Ben Hur". Wochenlang haben Achilles-Pitt und Hektor-Bana nur dafür geprobt. An dem Zweikampf, schwört der Regisseur, werde nicht herumgepixelt: "Computergrafik hin oder her - bei uns wird echt unter der Sonne gekämpft, mit Blut, Schweiß und Tränen."

Die Produktion beschäftigt sogar einen "Militärberater". Richard Smedley, elf Jahre beim britischen Kommiss, danach Ausbilder bei den Omanis, wirkt mit Cowboyhut und verspiegelter Tropfenbrille wie Robert Duvall in "Apocalypse Now". Er betreibt eine Londoner Leihkrieger-Agentur, deren Personal jeden Kampfstil der Welt imitieren könne, laut Smedley "auch den der Deutschen". Aber wie kämpften die Trojaner? Über die Stadt nahe den Dardanellen, die Heinrich Schliemann 1870 dem Nebel der Legenden entriss, ist wenig bekannt. Smedley: "Vermutlich war die Technik der Griechen und Trojaner ganz einfach. Man stellte sich auf und versuchte, sich umzubringen."

Wird "Troja" ein Volltreffer wie "Gladiator"? Ridley Scotts Römersaga spülte 1999 für alle überraschend das Dreifache seiner Kosten in die Kassen zurück. Für Petersen hängt alles daran, ob die aktuelle Togafilmwelle weiterhin trägt. Derzeit lassen ZDF, ORF und RAI für 120 Millionen Dollar sukzessive das Leben römischer Kaiser inszenieren. Oliver Stone will Alexander den Großen gegen den Strich bürsten, Ridley Scott möchte Hannibals Alpenquerung ins Kino bringen. George Clooney verfilmt die Schlacht bei den Thermopylen, und James Cameron plant ein Lichtspiel über die Amazonen. History, ein Kassengarant?

Die Kino-Geschichte lehrt, wie schnell sich der Wind drehen kann. Nach Knüllern wie "Ben Hur" (1959) und "Spartacus" (1960) verendete der Sandalenfilm zwei Jahre darauf schmachvoll mit "Cleopatra". Dessen Produktionskosten waren pyramidal, doch der Schinken floppte, einer überirdisch schönen Elizabeth Taylor zum Trotz. Was die 20th-Century-Fox-Studios fast in die Pleite trieb.

Und "Troja"? Das Ambiente ist vom Feinsten. Pathetische Gesten, heroische Blicke, herzerweichende Dialoge, tragische Begebenheiten. Es wird viel gestorben. Gewaltige Feuerbälle scheinen vom Stadttor stracks ins Kinoparkett zu kugeln. Das Aufgebot der digital vervielfachten Galeeren und Krieger füllt die Leinwand bis zum Rand. Die Luftaufnahmen lassen einen schwindelig werden, und gegen die computeranimierte Schlachtenmalerei wirkt "Ben Hur" wie Kasperletheater. Der Kampf zwischen Pitt und Bana: tatsächlich eine Marke in der Geschichte des Leinwand-Duells. Und auch so manche stille Szene (wie die mit Peter O'Toole als König, wenn er Achilles um die Leiche seines Sohnes Hektor anbettelt) ist emotional hübsch aufgeladen.

Tut auch Not. "Troja" enthält nicht sehr viel Sex und überhaupt keinen Humor. Alles - und niemand weiß das besser als Wolfgang Petersen, dessen Karriere durch den sensiblen Erotik-"Tatort" "Reifezeugnis" Fahrt bekam - hängt davon ab, ob die Darsteller große Gefühle vermitteln. Können sie ein Spiel von Liebe, Hass und Verhängnis zum Tanzen bringen, das vor 2700 Jahren in altgriechische Hexameter gegossen wurde?

Der Countdown läuft. Ab Ende April werden 16.000 "Troja"-Kopien weltweit verteilt. Spätestens einen Tag nach dem US-Start steht fest, ob Warner mit Nuggets oder Zitronen gehandelt hat. Niemand in Hollywood möchte derzeit in Petersens Haut stecken. Er selbst gibt sich halbwegs gelassen: "Es ist wie bei "Das Boot". Der größte Druck kommt ganz zuletzt. Bei der Premiere bin ich sicher blass wie ein Handtuch."