HOME

"Twilight": Beißend romantisch

Selten wurde ein Film von den Fans sehnlicher erwartet als "Twilight - Biss zum Morgengrauen" nach dem Bestseller von Stephenie Meyer. In den USA hat der Vampirfilm bereits Rekorde gebrochen und hysterische Reaktionen ausgelöst.

Von Matthias Schmidt

Ein Singspiel über die Lust am Singen und Tanzen unter verklemmten Schülern. Die freizügigen Abenteuer von vier Großstädterinnen. Noch ein Singspiel rund um eine griechische Hochzeit. Das ist der Stoff, mit dem derzeit Vermögen gemacht werden. Stoff, für den Mädchen und Frauen aller Altersklassen ins Kino stürmen. "High School Musical 3 - Senior Year" spielte global 235 Millionen Dollar ein. "Sex and the City": 415 Millionen. "Mamma Mia!": 572 Millionen.

Frauen, vor allem junge Mädchen, waren eine lange sträflich vernachlässigte Zielgruppe, die jetzt umso heftiger umworben wird. Hollywood hat erkannt, dass man auch ohne Muskel-Machos, Superhelden und Gewaltorgien Kasse machen kann. Natürlich sprechen "Sex and the City" und "High School Musical" unterschiedliche Altersgruppen an. Aber eines gilt für alle: Mit Comic-Adaptionen, Krawallfilmen und menschenverachtender Action lassen sich Frauen kaum ins Kino locken. Sie mögen eher Romantik, Hingabe, Schwärmereien statt Schießereien. Und Vampire.

Die gibt es zuhauf in den Bestsellern von Stephenie Meyer. Die "Bis(s)"-Romane der 35-jährigen Amerikanerin - der vierte erscheint bei uns am Valentinstag - erzählen eine paranormale Lovestory. Nach ihrem Umzug in ein verregnetes Kaff begegnet die spröde Schülerin Bella einem anderen Außenseiter. Edward: bleich, wuschelhaarig und irgendwie seltsam. Ein Blutsauger mit übernatürlichen Kräften, wie sich bald und doch zu spät herausstellt. Denn Bella ist bereits unsterblich verliebt. Später funkt außerdem noch ein Werwolf amourös dazwischen.

Verliebte Leser

Verliebt sind auch die Leser in das leicht konsumierbare Fantasygarn, das in 37 Ländern inzwischen eine Gesamtauflage von 26 Millionen erreicht hat. Die Mormonin und dreifache Mutter Meyer wird längst als nächste Joanne K. Rowling gehandelt. Dass Hollywood anbeißt, war also nur eine Frage der Zeit.

"Twilight - Bis(s) zum Morgengrauen", die Verfilmung des ersten Buchs, schlug in den USA nun mit einem 70-Millionen-Dollar-Startwochenende sogar James Bond in die Flucht. Edward-Darsteller Robert Pattinson, ein 22-jähriger Brite, der bereits in "Harry Potter und der Feuerkelch" einen tragischen Auftritt hatte, wird seither als neues Sexsymbol belagert. Mädchen werfen sich auf sein fahrendes Auto, Mütter überreichen ihre Babys zum Beißen, Supermodel Tyra Banks bot ihm in einer Talkshow ihren Hals an.

Während die Kinobesitzer wieder einen Grund zum Jubeln haben, suchen Branchenkenner nach Erklärungen für den aktuellen Mädchenhype. Als emotionaler Notausgang in ökonomischen Krisenzeiten stand Fantasy schon immer weit offen. Und seit der irische Schriftsteller Bram Stoker 1897 seinen Grafen Dracula auf die Menschheit losließ, sind die Blutsauger aus dem Kanon der populären Kultur nicht mehr wegzudenken. In "Twilight" spielen Angst und Grusel jedoch nur eine Nebenrolle. Edward leidet weder an einer Knoblauchallergie, noch nächtigt er in einem Sarg. Es geht vielmehr um den idealen Liebhaber (siehe auch rechts unsere Filmkritik), die Sehnsucht nach Romantik und um bewusst gelebte sexuelle Abstinenz. Meyer: "Expliziten Sex kann man heute überall bekommen. Eine Romanze zu finden, die beim Händchenhalten verweilt, ist viel schwieriger."

Und wie die Bücher widmet sich auch der Film der Tragik einer unmöglichen, schicksalsbeladenen Beziehung, wie sie schon Shakespeare faszinierte. "Twilight"-Regisseurin Catherine Hardwicke, die bereits mit dem Teenager-Porträt "Dreizehn" ihr Händchen für die Zielgruppe bewies, ist sicher: "Würde die Geschichte von Romeo und Julia erst heute veröffentlicht, wäre sie genauso erfolgreich."

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was junge Leserinnen an den Romanen von Stephenie Meyer so lieben.

Wovon träumen Mädchen? Wenn sie, wie wir, alle Vampirromane von Stephenie Meyer innerhalb weniger Wochen verschlungen haben, sehr wahrscheinlich von einem Freund wie Edward, dem Helden der Bücher: unwiderstehlich wie unnahbar, mysteriös und stolz, aber fürsorglich. Ein Beschützer, aber kein Langweiler. Vor allem wünschen sich Mädchen, so geliebt zu werden, wie Edward Bella liebt, die uns in diesen Büchern ihre Geschichte erzählt: bedingungslos und irrational, zärtlich, dennoch entschlossen - eine Liebe, für die man zu sterben bereit ist. Wie Bella. Wunderbar. Die Geschichte drum herum, von jahrhundertealten Blutsaugern und Werwölfen, ist ja auch ganz schön, doch darum lesen wir diese Romane nicht.

Das Beste aber ist: Meyers Bücher lassen viel Raum für unsere eigene Fantasie. Jedes Mädchen träumt von seinem eigenen Edward. Es muss so viele Edwards wie Leserinnen geben. Kann das im Kino funktionieren? Da kann es doch immer nur einen geben.

Ein tierbluttrinkender Vampir

Der Haken an Edward: Er ist ein Vampir, wenn auch in gemäßigter Version. Blut ist seine einzige Nahrung, aber nur das von Tieren. Für Menschen ist er keine Gefahr - es sei denn, er verliebt sich so sehr, dass er der Versuchung nicht widerstehen kann. "Und so verliebte sich der Löwe in das Lamm", sagt Edward im Buch sehr schön. Bellas Problem: Sie ist das Lamm. Der Beschützer ist die größte Bedrohung. Was für eine Geschichte.

Film ab, er beginnt gut, intensiv und bedrohlich. Ein Reh, scheu und unschuldig, hetzt durchs Unterholz. Die Gefahr ist da, man sieht sie kaum, aber man spürt sie deutlich. Dazu die Stimme Bellas aus dem Off. Schon klar: Sie ist das Reh - nicht das Lamm, aber egal. Schnitt, die eigentliche Geschichte beginnt. Bellas Umzug aus dem sonnigen Phoenix, wo ihre Mutter wohnt, ins ganzjährig verregnete Forks zum Vater, die Beklommenheit zwischen dem unbeholfenen Vater und der blassen Bella, das Kaff, der Regen, die Autos: Alles haben wir uns so oder ganz ähnlich vorgestellt. Wo aber bleibt Edward?

Endlich, der große Moment. Die Tür der Highschool-Cafeteria geht auf, und herein kommt: ein verschlafener Junge mit zerzaustem Haar, hängenden Schultern und irgendwie blutunterlaufenem Blick, und man denkt: Himmel, was bist du stoned, du solltest nicht so viel kiffen. Zugegeben, er sieht gut aus - aber unser Edward ist das nicht. Wie sollte er auch?

Zeit für die Liebe

Und Stephenie Meyer gibt in ihrem ersten Band Bella und Edward sehr viel Zeit, ihre beneidenswerte Liebe zu entwickeln. Der erste Kuss zwischen beiden? Auf Seite 298. Im Film muss alles viel schneller gehen, zu schnell. Das Buch beschreibt ausführlich Edwards Konflikt zwischen seinen Gefühlen für das Mädchen und dem Wissen, sie nicht lieben zu dürfen, weil er sie in Gefahr bringt. Bella wiederum, schüchtern und von Selbstzweifeln geplagt, ist sich sicher, längst nicht gut genug zu sein für diesen rätselhaften Traumjungen. Im Film hingegen ist Edward schlicht ein Opfer dumpfer Triebe, die er nur schwer im Griff behalten kann, und Bella rennt ihm ständig hinterher.

Der Roman verwendet viele Seiten auf die Annäherungen zwischen den beiden und Edwards immer neue Rückzüge, bis er ihr schließlich sagt: "Es ist besser, wenn wir nicht befreundet sind." Bella ist tief verletzt. Der Film-Edward sagt einen solchen Satz auch, und man sitzt im Kinosessel und denkt: Ja, ist wirklich besser so - so, wie ihr euch anzickt.

Einen spannenden Vampirthriller zu drehen ist offenbar einfacher, als eine atemberaubende, zurückhaltende Liebesgeschichte in Bilder zu übersetzen. Dennoch, Mädchen, geht ruhig ins Kino. Ihr werdet einen gut gemachten Film sehen, schöne Menschen und Landschaften, eine ungewöhnliche Geschichte. Einen aber werdet Ihr dort nicht finden: den Edward aus Euren Träumen. Den gibt es nur in Eurer Fantasie.

Nora Aust, Lea Daniels

print