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68. Filmfestspiele von Venedig: Großbaustelle, aber sexy

Das Filmfest Venedig braucht dringend einen Neuanfang. Aber das älteste der Kino-Festivals kommt einfach nicht aus dem Quark. Letzte Rettung war Hollywood.

Von Sascha Rettig, Venedig

Mit dem Filmfestival von Venedig verhält sich ungefähr so wie mit den durchoperierten Fregatten, die so gern die roten Teppiche dieser Showbiz-Welt bevölkern. Hier und da wurde über die Jahre hinweg gewerkelt, weggenommen und angefügt, ausgebessert. Doch irgendwann bringen selbst all die Liftings nichts mehr. Dann müsste eigentlich ein Abriss her, ein Neuanfang, ein frischer Start. Der war für die älteste Dame unter den Filmfestivals auf dem Lido eigentlich schon ausgemachte Sache: Der Grundstein für ein neues Festivalzentrum war bereits gelegt. Doch weil asbestverseuchte Strandhütten im Boden gefunden wurden, gibt es tatsächlich nur ein riesiges Baugrubennichts, das aussieht wie eine stilisierte Mondlandschaft - von Christo verpackt in weiße Plane. Das Festival ächzt derweil weiter unter der veralteten Infrastruktur und versucht, aus dem Vorhandenen mit besagter Werkelei das Beste rauszuholen.

Immerhin der rote Teppich war uneingeschränkt starglamourabel. Musste er auch. Denn bevor er – zumindest was die namhafte Hollywood-Prominenz anbelangt – in der zweiten Festivalhälfte fast verwaiste, wurde der Lido-Laufsteg ungewöhnlich stark frequentiert. Einer stahl dabei allen die Show: der deutschstämmige Ire Michael Fassbender ("Inglourious Basterds") ist schon vor der Preisvergabe am Samstag einer der großen Gewinner dieser 68. Festivalausgabe. Er drängt sich mit gleich zwei herausragenden Vorstellungen regelrecht als bester Darsteller auf.

Steve McQueens "Shame" gewinnt seine absorbierende Kraft zu großen Teilen aus Fassbenders Spiel. Er wird zum Fuckaholic in diesem Porträt eines New Yorkers, der mit der Leere seiner bindungsunfähigen Existenz konfrontiert wird, mit dem Druck der sexuellen Zwänge ringt und immer auf der Suche nach einer unverbindlichen Nummer ist - mit Prostituierten, einem Aufriss, mit sich selbst.

Sexy wie Sigmund Freud

Ähnlich tragisch, sexuell aufgeladen und doch ganz anders war seine Rolle als Psychiater Carl Gustav Jung zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts in David Cronenbergs neuem Film "A Dangerous Method", der sich mit der Geburtsstunde der Psychoanalyse beschäftigt. Darin flackert Fassbender zwischen einem intellektuellen Diskurs mit Viggo Mortensen als Sigmund Freud und seiner zerstörerischen Liebes- und Sexbeziehung zu der Patientin Sabina Spielrein (Keira Knightley). "Die Ideen Freuds waren für viele Menschen damals sehr verstörend", erklärte Cronenberg. Anders als bei vielen anderen seiner Werke trifft das auf "A Dangerous Method" nicht zu. Es ist ein präzises, mit sichtbarer Sorgfalt inszeniertes period piece mit gedrosselter dramatischer Wirkung geworden.

Für die filmische Paranoia, mit der sich Cronenberg ("Die Fliege", "eXistenZ") eigentlich bestens auskennt, war diesmal Steven Soderbergh zuständig. Im viralen Thriller "Contagion" lässt er eine Pandemie über Kate Winslet, den derzeit glatzköpfigen Matt Damon, Gwyneth Paltrow und die ganze Menschheit hereinbrechen. Letztere wird dabei als untreue Ehefrau als erste hingerafft, bevor sie mit zurückgeklappter Kopfhaut auf dem Obduktionstisch landet. "Wenn eine außereheliche Affäre mit einem tödlichen Virus bestraft werden würde, würden hier im Saal höchstens noch drei Leute sitzen", sagte sie dann sehr fidel und leuchtend blond. "Ach nein, wir sind ja in Italien - dann wären es noch weniger."

Christoph Waltz' nächstes Meisterstück

So wie Paltrow mussten sich die Frauen auf diesem Festival oft mit Nebenrollen zufriedengeben. In Venedig waren es vor allem die Männer, die litten, sich quälten, killten, rächten, triumphierten und (aus-)strahlten. Doch es gab auch einige weibliche Ausnahmen. Winslet etwa, die auf dem Lido zum Dreifachschlag ansetzte: Neben "Contagion" war sie in Todd Haynes Mini-TV-Serie "Mildred Pierce" und in Roman Polanskis überaus unterhaltsamer Adaption des Theaterstücks "Gott des Gemetzels" zu sehen. In dem Kammerspiel, das ausschließlich in einer in Paris nachgebauten New Yorker Wohnung spielte, trifft das starke Viererensemble mit Winslet und Christoph Waltz, John C. Reilly und Jodie Foster als Doppelelternpaar aufeinander, um den Spielplatzstreit ihrer Söhne beizulegen.

Während Waltz einmal mehr mit souverän sarkastischer Arroganz seiner Filmografie den nächsten Höhepunkt hinzufügt, feuern sämtliche Beteiligte verbale Spitzen ab, lassen Political-Correctness-Masken fallen und zwischendurch fliegt Winslets Kotze in einer hysterisch komischen Szene über die kostbaren Kunstbände von Jodie Foster.

George Clooney for President

Zu solchen Ausbrüchen ließ sich die Queen of Pop nicht hinreißen. Madonna versuchte außer Konkurrenz mit ihrer zweiten Regierbeit "W.E." stilvoll, den Fluch auf ihrer Filmkarriere zu bannen. Darin verbindet sie zwei Geschichten: Einerseits geht es um die Amerikanerin Wallis Simpson und ihre Liebe zum englischen König Edward VIII., der in den 1930er Jahren für sie auf den Thron verzichtete. Parallel dazu erzählt Madonna von einer Frau namens Wally Winthrope, die in einer unglücklichen Beziehung lebt und geradezu besessen ist von der Geschichte Simpsons. Ob sie sich selbst vorstellen könne, einen Thron für einen Mann oder eine Frau aufzugeben? "Ich könnte beides haben - oder alle drei", sagte die 53-Jährige daraufhin, lachte, und antwortete danach wieder ganz brav, dass die Recherche zu "W.E." lange dauerte, dass Filmemachen eine harte Angelegenheit ist und es niemals eine Garantie aufs Glücklichsein gibt - egal, in welcher Umgebung man lebt. "W.E." ist recht hübsch anzusehen, und man spürt nach ihrem trashigen Debütwerk "Filth & Wisdom" diesmal in jeder Einstellung Madonnas Kunstwillen. Dennoch liefert sie fast zwei Stunden lang kaum mehr als äußerst gepflegte Langeweile.

Trotz blendend weißem Gewinnerlächeln, schnurrender Stimme und gewohnt smartem Auftreten fiel George Clooney die Medienhysterie betreffend auf Platz zwei - hinter Madonna. Dafür hatte er bei seinem Quasi-Heimspiel das Festival mit seinem so effektiven wie klugen US-Wahlkampf-Politthriller "The Ides of March" eröffnet. Neben Hollywood-Beau Ryan Gosling macht auch Clooney selbst als Präsidentschaftskandidat eine so gute Figur, dass auf der Pressekonferenz gefragt wurde, ob er nicht selber einmal als US-Präsident kandieren wolle. "Barack Obama ist smarter, netter und hat mehr Mitgefühl als die meisten anderen Menschen", antwortete Clooney. "Er regiert aber zu einer schwierigen Zeit, und es gibt keinen Grund, warum ich mit ihm tauschen sollte."

Dann vielleicht eher mit Marco Müller, dem künstlerischen Direktor in Venedig seit 2004? Es könnte ja passieren, dass die Stelle bald wieder vakant ist, denn seinen Vertrag hat er noch nicht verlängert. Auch Müller navigiert das Festival zwar durch schwierige Zeiten mit Mondlandschaft, marodem Provisorium und Großbaugrube. Doch er hatte in diesem Jahr ein effektives Gegenmittel: eine fast schon Cannes-intensive Glamourinjektion und einen lebendigen, unberechenbaren, spannenden Wettbewerb, der selbst bei den größten, durchgesessenen Qualen immer noch lohnenswert war.