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Alain Delon: "Ich mache Schluss, wann es mir passt"

Metzgergeselle, Indochinakämpfer, Kino-Ikone, Frauenheld. Das Leben von Alain Delon war immer ein Drahtseilakt. Nun wird er 70, hat angeblich Todessehnsucht und will auf seinem Landsitz niemanden sehen. Der stern durfte ihn trotzdem besuchen.

Von Irmgard Hochreither

Eine gusseiserne Eingangspforte von königlichem Format zerschneidet die hohe, mit Kameras gespickte Mauer. Die schwere Tür weicht wie von Geisterhand geöffnet zurück und gibt den Weg frei. Ein bisschen wie im Märchen, wenn die arme Müllertochter das verbotene Reich betritt, in dem sich irgendwo ein geheimnisvolles Ungeheuer verbirgt. Die schmale Straße schlängelt sich durch einen Laubwald, führt vorbei an Pferdekoppeln und einem künstlich angelegten See, verschwindet wieder im Wald und endet schließlich in einer Lichtung. Wir sind da. Und werden bereits erwartet. Aus einem der im Halbrund angeordneten Gebäude springt uns schwanzwedelnd ein schneeweißer Amerikanischer Schäferhund entgegen, und eine Stimme ruft: "Das ist Voyou, er tut nichts. Bleiben Sie einfach stehen und beachten ihn gar nicht."

Das Wesen, dem die Stimme gehört, eilt auf uns zu. Ein sonnengebräunter Mann in Jeans, zyklamrotem Poloshirt und nackten Füßen in offenen Schlappen. Blendax-Lächeln, Handkuss, Charmeoffensive - Alain Delon, eine der letzten großen Legenden des französischen Kinos, empfängt die Besucher in seinem privaten Allerheiligsten mit unerwarteter Warmherzigkeit. Der pressescheue "eiskalte Engel" hat Feuer im mannshohen Kamin gemacht und lässt, in Plauderlaune, von seinem japanischen "Mädchen für alles" Kaffee servieren. Eine Privataudienz, die der als Misanthrop beschriebene Einzelgänger bisher nur wenigen Journalisten gewährt hat. "Sie können sich wirklich etwas darauf einbilden", betont er mit einer einladenden Geste, bittet auf dem gewaltigen Sofa Platz zu nehmen und grinst dabei diebisch.

Delon wohnt in Douchy, einem 1000-Seelen-Nest im Departement Loiret, etwa 130 Kilometer von Paris entfernt. Rund 120 Hektar Land, drei Swimmingpools, ein Hubschrauberlandeplatz, eine Kapelle, ein Hundefriedhof mit 35 Gräbern und mehrere kleinere Gebäude umgeben das Haupthaus, das innen aussieht wie eine Kreuzung aus überdimensionaler Trapperhöhle und komfortablem Schweizer Chalet.

Auf jeden Fall ein Domizil für echte Kerle. Wuchtige Holzbohlen, rauer Feldstein im riesigen Wohnraum, der voll gestopft ist mit Zeitschriften, Büchern, Kunstobjekten, Fotos. Verlorene Lieben, tote Freunde, große Vergangenheit, alles hübsch gerahmt. Sein "Puppele" Romy Schneider neben dem russischen General Alexander Lebed und Charles de Gaulle. Der Hausherr wirft einen Holzscheit ins Feuer, kramt dann aus einem Stapel Papiere Fotos hervor: Delon und "Mimi" Mireille Darc, die einstige Lebensgefährtin, kuschelnd auf dem Sofa. "Erkennen Sie es wieder?", fragt er, "das ist genau da, wo Sie jetzt sitzen."

Sind es die Erinnerungen an verlorenes Glück, die dem Mann das Leben schwer machen? Lasten eigene Verfehlungen auf der Seele? "Ich war auf den Erfolg programmiert, nie auf das Glück", sagt er, "und beides passt nicht zusammen." Der Name Alain Delon stand und steht für Übermaß. In jeder Hinsicht. Eine Monsterkarriere, Liebesaffären mit Frauen und Männern, Skandale, Geheimnisse - sein turbulentes Leben beherrschte über Jahrzehnte die Schlagzeilen.

Seine Filmpartner hießen Gabin, Montand, Ventura, Lancaster, Bronson. Seine Regisseure Visconti, Melville, Antonioni, Clément, Losey. Und immer wieder füllte die "Jahrhundert-Romanze" mit Romy Schneider die Magazine und Gazetten. Sie alle sind tot und haben ihn allein gelassen mit seinen nostalgischen Gedanken an eine Zeit, als das europäische Kino noch groß war und er selbst die Kultfigur des Film noir. Alles ziemlich lange her.

Könnte also durchaus sein, dass der begnadete Selbstdarsteller, jetzt kurz vor seinem 70. Geburtstag, die Zeit für reif hält, mal wieder eine Bombe zu zünden. Jedenfalls schreckte kürzlich eine Titelgeschichte die französische Öffentlichkeit auf. Alain Delon sei einsam, depressiv und lebensmüde, verkündete das Magazin "Paris Match". Und nur eine neue Frau könne ihn vielleicht noch aus diesen düsteren Endzeitgedanken herausreißen. Aber sie solle sich bitte schön beeilen, um das Schlimmste zu verhüten. Ein kalkulierter PR-Gag? Ein Hilferuf? Oder ist die einst so perfekte Leinwandverkörperung des coolen Berufskillers und Frauenhelden einfach nur zum bedauernswerten Jammerlappen mutiert?

In Delons Augen

blitzt es kampflustig, als er sagt: "Die Franzosen wollen sich nicht das Bild zerstören lassen, das sie von mir haben. Mein Image ist das des knallharten Mackers. So einer darf keine Schwäche zeigen. Aber mir ist das scheißegal. Ich nehme mir das Recht zu sagen, was ich denke. Ich habe so sehr alles genossen, alles gehabt, alles gesehen. Es ist mein Leben, das ich einfach satt habe, und ich mache Schluss, wann es mir passt." Das klingt nicht larmoyant, sondern entschlossen. Da sitzt ein durch und durch vitaler Lebensmüder, der in fröhlicher Gelassenheit übers Sterben philosophiert.

Delon legte über Jahrzehnte bei allem, was er tat, einen ausgeprägten Killerinstinkt an den Tag. Wäre es da so verwunderlich, wenn er am Ende die eigene Person ins Visier nimmt? Der Mann, der dem Tod furchtlos begegnet, das ist und bleibt die Rolle seines Lebens, in die er sich immer ganz bewusst und beinahe lustvoll gefügt hat.

Fast automatisch

beginnen die Filmbilder im Kopf-Kino zu laufen. "Rocco und seine Brüder", "Der Clan der Sizilianer", "Der Leopard", "Borsalino". Alain Delon als Killer-Adonis Tom Ripley in "Nur die Sonne war Zeuge". Selbst für Patricia Highsmith, die Autorin des Psychothrillers, war der französische Beau die Idealverkörperung ihres Lieblingsmörders.

Und schließlich Alain Delon im Trenchcoat mit hochgeschlagenem Kragen als Profikiller Jef Costello in Melvilles Meisterwerk "Le Samourao". Auf Deutsch: "Der eiskalte Engel". Es ist die Geschichte vom einsamen, bis an die Grenzen des Autismus emotionslosen Helden, der in einem entmenschlichten, männlichen Kosmos mit roboterhafter Präzision seinem Metier nachgeht: dem Töten. Dabei wird in Delons scheinbar so kaltem, maskenhaft makellosen Gesicht eine Tragik sichtbar, die über die Kunst-figur des Killers hinausgeht und den Schauspieler endgültig zur Ikone, zum Kinomythos werden lässt.

Vielleicht nahm Delons

innige Beziehung zum Tod ihren Anfang in der Schweineschlachterei seines Stiefvaters, in der er eine Ausbildung zum Metzergesellen absolvierte, nachdem er wegen schlechten Betragens von allen Schulen und Internaten geflogen war.

Oder im Indochinakonflikt, wo er - noch nicht einmal 20 Jahre alt - mit der Erlaubnis seiner Eltern für die Ehre Frankreichs kämpfte. "Das war", sagt er im Rückblick, "die glücklichste Zeit meines Lebens. In einer einzigen Nacht habe ich dort die Gesetze des Dschungels und des Tötens gelernt und mich, mit der Waffe in der Hand, als richtiger Mann gefühlt." Was damals wirklich geschah, darüber schweigt Delon beharrlich. Auch zu den Gerüchten über seine Beteiligung an Folterungen und Tötungen, über seine exemplarische Grausamkeit - kein Kommentar.

Delons leiblicher Vater Fabien war Direktor eines kleinen Kinos in Bourgla-Reine bei Paris, seine Mutter Edith arbeitete als Apothekenhelferin. Vieles aus der Kindheit und Jugend des späteren Stars bleibt dunkel, widersprüchlich, rätselhaft. Fest steht nur: Als Alain vier Jahre alt ist, lassen sich die Eltern scheiden. Das Kind kommt zu einer Pflegefamilie im nordfranzösischen Fresnes und bleibt, bis es elf ist. Die Pflegeeltern wohnen direkt neben einem Gefängnis, und Alain spielt mit den Kindern der Wärter im Hof der berüchtigten Anstalt Räuber und Gendarm.

Die Nähe zum Verbrechen scheint sich wie eine Konstante durch Delons Leben zu ziehen. Fasziniert vom Glamour der schweren Jungs zieht es ihn immer wieder in die Gangsterkreise von Toulon, Marseille und Paris. Angeblich hat er seine erste Ehefrau Nathalie, die einst als Bardame in Marseille gearbeitet haben soll, dem korsischen Gangsterboss François Marcantoni abgekauft. Für 500.000 Francs. Über Stefan Markovic und Milos Milosevic, angeblich zwei seiner Liebhaber, gerät er ins Milieu der jugoslawischen Unterwelt von Paris.

Eine Welt, die ihm die männliche Stärke, die er sucht und bewundert, gleich dutzendfach bietet. Im "Clan der Jugoslawen", die mit Rauschgifthandel, Erpressung und Prostitution Kasse machen, fühlt er sich geborgen. Ein gefährliches Zuhause, das von den Gesetzen der Gewalt, der Brutalität, aber auch der Freundschaft, der Ehre und der Rache beherrscht wird. Delons Lover enden jedenfalls beide mit einer Kugel im Kopf, was dem Leinwandkiller zahllose Verhöre im Kommissariat beschert.

Aber die Affären schaden

Delon nicht. Im Gegenteil, sie polieren und festigen sein Image. Es sind eben doch die Schufte, die geliebt werden. Vor allem, wenn sie so makellos schön sind wie der Franzose. Ohne sein blendendes Aussehen hätte es den Star Alain Delon wohl nie gegeben. Als der Metzgergeselle und Ex-Indochinakämpfer 1956 ohne Job und ohne Geld durch die Straßen und Brasserien von Paris zieht, starren alle diesem wunderschönen Belami hinterher. Die Männer und die Frauen.

Dasselbe passiert, als er 1957 mit seinem bisexuellen Freund Jean-Claude Brialy und einem geliehenen Smoking zum Filmfestival nach Cannes fährt. Der hübsche Jüngling wird von Hollywood-Produzent David Selznick zu Probeaufnahmen eingeladen. Der Rest ist Filmgeschichte. Denn auch der französische Starregisseur Yves Allégret findet Gefallen an dem Adonis mit den eiskalten Augen und bietet ihm kurz darauf seine erste Rolle an im Gangsterdrama "Killer lassen bitten".

Dass der einst so

vergötterte Leinwandheld, über dessen "fein ziselierte Backenknochen, zärtliche Lippen und feingeschwungene Augenbrauen" selbst der adelige Grandseigneur Luchino Visconti ins Schwärmen geriet, nun einsam und lebensmüde in der französischen Provinz hockt, mag wie die Rache der Götter erscheinen. Viele haben ihn als arroganten, berechnenden, skrupellosen Egomanen beschrieben, wenige haben ihn als liebevollen, charmanten, treuen Freund erlebt. Er selbst drückt es so aus: "Ich liebe es, dass man mich liebt, wie ich liebe, wenn ich liebe - mit Haut und Haaren, leidenschaftlich, besitzergreifend, verrückt."

Doch seine zweite, 34 Jahre jüngere Ehefrau Rosalie hielt es nicht bei ihm aus. Sie hat ihn vor drei Jahren verlassen. Nach dem Bekanntwerden seiner angeblichen Todessehnsucht haben ihm zahllose Frauen geschrieben, die "mich retten wollen. Aber was soll das? Sie meinen ja nicht mich, sie meinen den Mythos Delon. Und den hält keine aus".

Dass die Unfähigkeit zum Familienglück auch mit seinem Verhalten zu tun haben könnte, hält er immerhin für möglich. Er habe eben "bis auf Mireille immer den gleichen Typ Frau geliebt. Ich wurde immer von Löwinnen angezogen. Und die Löwinnen haben mich zerstört". Besonders schmerzt ihn, dass er jetzt nur noch ein Wochenendvater für seine beiden Kinder Anouchka, 14, und Alain-Fabien, 11, sein kann. Immerhin gab es vor wenigen Wochen zum ersten Mal nach der Trennung von Rosalie eine kurzfristige Wiedervereinigung der Familie. Poeky, der Hund seiner Tochter, sei gestorben. "Wir haben ihn gemeinsam begraben", murmelt er, "ein herzzerreißender Moment." Es ist ihm nicht einmal peinlich zu gestehen, dass er geheult habe.

Dann springt er auf und verschwindet über eine hölzerne Stiege in den ersten Stock. Als er zurückkommt, hält er zärtlich schmusend eine schwarze Katze im Arm. "Das ist Poupouss", sagt er und krault das Tier im Nacken. "Sie hat nur drei Beine, aber sie läuft damit wie ein Wiesel." Dass sie überhaupt noch am Leben ist, verdankt sie Delons schier grenzenloser Tierliebe. Er hat die Katze mehr tot als lebendig, mit gebrochenen Beinen, auf einem Parkplatz aufgelesen, sie mit einem Helikopter nach Paris fliegen und von einem Spezialisten operieren lassen.

Abgöttisch liebt er auch seine beiden sibirischen Wolfshunde Shalva und Tchara, ein Geschenk des tödlich verunglückten russischen Rechtsaußen Alexander Lebed, "meinem Freund". Auf der Weide stehen Pferde, die er vorm Schlachter gerettet hat. "Meine Tiere", erklärt er, "haben mich nie enttäuscht und mich mein ganzes Leben lang glücklich gemacht."

Wir gehen nach draußen und schreiten die Reihe von 35 Hundegräbern ab. Auf den Kreuzen und Grabsteinen sind die Namen der verblichenen Vierbeiner eingraviert. Dann betreten wir die kleine Kapelle neben dem Friedhof der Kuscheltiere. Es riecht nach Erde und feuchtem Laub. Delon zeigt auf eine Grabstelle an der Stirnseite des hohen Raumes: "Hier will ich begraben werden. In meinem kleinen Reich, ganz nah bei meinen Hunden." Dann wendet er sich zu einer weiteren Gruft an der Seitenwand, "und hier könnte meine Frau liegen". Lange Pause. "Falls es überhaupt noch einmal eine geben wird."

Die Chance besteht immerhin

. Denn der Einsiedler plant, im nächsten Jahr sein abgelegenes Refugium für eine Weile zu verlassen, um wieder einmal vor einer Filmkamera zu stehen. Als Cäsar in einer weiteren Folge des zu erwartenden Kino-Kassenschlagers: Asterix und Obelix bei den Olympischen Spielen.

Doch zuvor hat er noch ein eher unangenehmes Publicity-Ereignis zu bewältigen. Am 8. November wird die Legende Alain Delon 70 Jahre alt. Die Franzosen wollen ihren Kinomythos feiern, es gibt Interviewanfragen aus aller Welt, aber der Jubilar gibt sich bockig. Er will keine Galas, keine Festreden, keine glamouröse Vergangenheitsshow. "Was soll das?", bellt er, "dieses ganze Blabla konnte ich noch nie leiden. Vielleicht mache ich eine TV-Gesprächsrunde, mit jungen Schauspielern, die ich toll finde." Dann brummt er leise: "Aber am liebsten wäre mir einfach nur ein Essen mit meinen Kindern."

Anzunehmen, dass dann neben Anthony, dem Sohn aus erster Ehe, und Anouchka und Alain-Fabien auch die Geister der Toten mit am Tisch sitzen.

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