Anti-Bush-Klima Die Gegenoffensive hat begonnen


Hollywood schießt zurück: Beflügelt vom Anti-Bush-Klima produziert das US-Kino eine Welle von Filmen über den Krieg gegen den Terror. Aber wollen die Zuschauer das wirklich sehen?
Von Christine Kruttschnitt

Verwackelte Bilder von jungen Soldaten, Teenager noch, die durch eine Wüstenlandschaft ziehen. Mit Popmusik unterlegt, wie ein MTV-Video. Bilder von Bombenexplosionen, vorüberrollenden Panzern. Dann eine Leiche, in Stücke gerissen. Einer der Jungs bückt sich, hebt etwas auf und winkt damit in die Kamera. Es ist eine Hand. "Da wusste ich", sagte Paul Haggis, "dass etwas ganz, ganz schief läuft im Irak." Er sass auf seiner Veranda im kalifornischen Santa Monica und wollte eigentlich über den Film "Crash" sprechen, den er ebendort in seinem Haus gedreht hatte und der ihm bald darauf einen Oscar fürs beste Drehbuch und noch einen für den besten Film einbringen sollte. Es war Ende des Jahres 2004, und Haggis entwickelte sich gerade zur heißesten Feder Hollywoods. Er saß an zwei Skripts für Clint Eastwood, er arbeitete am jüngsten Abenteuer für den neuen James Bond, und er plante als einer der Ersten einen Kinofilm über den Irak-Krieg.

Seit er im Internet die Soldatenvideos entdeckt hatte - krude Skizzen von einem Militäreinsatz, den die amerikanische Öffentlichkeit zu dem Zeitpunkt noch für gut und nötig befand -, suchte er nach einer Story, in die er sein Unbehagen packen konnte: darüber, dass die jungen Leute ihren gewaltsamen Alltag in Übersee nicht verkrafteten. Dass sie den Krieg nach Hause trugen. Es wird schwer, dafür Geldgeber zu finden, sagte Haggis damals in seinem Garten seufzend. Ein Film, der den Krieg infrage stellt, während noch gekämpft wird! Und während 80 Prozent der Amerikaner Bushs Politik unterstützten! Haggis richtete sich auf einen ganz eigenen, zähen Kampf ein. Doch es kam alles anders. Heute ist Haggis’ "In The Valley of Elah" - das Drama um einen Veteranen, der den rätselhaften Tod seines von der Front heimgekehrten Sohnes untersucht - nur einer von vielen Filmen, die den Krieg aus dem Mittleren Osten in die Multiplexe bringen. Mit Feuereifer stößt Hollywood derzeit rund 20 Produktionen aus, die sich mehr oder weniger direkt mit dem Irak-Konflikt und seinen Ursachen und Folgen beschäftigen - oft liegen zwischen Idee und Premiere nicht mal zwölf Monate, normalerweise dauert das Ganze zwei, drei Jahre.

"Wir zeigen den Krieg so, wie man ihn bei CNN nicht zu sehen bekommt"

Jeder will dabei sein, jeder will es gesagt haben: Der Krieg ist schlecht. Als im September sein Film in die US-Kinos kam - Deutschlandstart ist im kommenden März -, war der konfliktfreudige Haggis "fast enttäuscht, dass mittlerweile der Großteil der Bevölkerung den Krieg ablehnte". Denn anders als im Zweiten Weltkrieg, wo Hollywood den Truppen in Übersee mit Durchhaltepropaganda salutierte, schürt die Industrie nun Zweifel am Einsatz "da drüben" und an der Vorreiterrolle Amerikas in der Welt. "Linken Agitprop" nennen selbst liberale Medien die betreffenden Anstrengungen; zusammengenommen ein Star-bestücktes Gesellschaftsbild von Selbstmordattentaten, Entführungen, Folter, menschlichen Tragödien. Was treibt Hollywoods Erzähler weg von Pinguinen und Piraten an die so raue Front der Selbstbespiegelung? "Wir zeigen den Krieg so, wie man ihn bei CNN nicht zu sehen bekommt", behauptet der Drehbuchautor Mark Boal, der die Vorlage zu Haggis’ Film geliefert hat und derzeit einen eigenen über amerikanische Bombenentschärfer im Irak dreht. Sein britischer Kollege Nick Broomfield flankiert: "Obwohl täglich im Fernsehen Berichte laufen, habe ich nicht das Gefühl zu erfahren, was dort drüben wirklich vor sich geht."

Broomfield hat mit Ex-Marines ein harsches Doku- Drama über das Massaker von Hadhita im November 2005 inszeniert, wo US-Elitesoldaten 24 unbewaffnete irakische Zivilisten töteten ("Battle for Haditha"). "Kino muss die aktuelle Politik widerspiegeln, nicht längst Vergangenes, worüber sich die Leute schon ein Urteil gebildet haben." Während es nach dem Vietnamkrieg mehrere Jahre dauerte, bis Kulturschaffende sich der Wunden Amerikas in "Apocalypse Now" und "Die durch die Hölle gehen" annahmen, geht diesmal alles ganz fix. Nie zuvor hat Hollywood so schnell geschossen, so viele harte Fragen gestellt - Amerika, watt nu? Kino als Journalismus- Ersatz, Kriegsgetümmel in allen Genres: Der gerade in die Kinos gekommene ctionfilm "Operation: Kingdom" erzählt von US-Agenten, die in Saudi-Arabien einen Terroranschlag aufklären, im Familiendrama "Grace is Gone" tut sich ein junger Witwer schwer, den Kindern zu erklären, weshalb Mami nicht mehr aus dem Irak heimkommt. Reese Witherspoon spielt im Thriller "Machtlos" (Kinostart: 22. 11.) eine Schwangere, deren amerikanischägyptischer Gatte vom CIA wegen Terrorismusverdachts in ein Drittweltland verschleppt und dort gefoltert wird.

Geld regiert Hollywood

Im Dokumentarstil schildert Brian De Palma in "Redacted" die Vergewaltigung eines 14-jährigen irakischen Mädchens durch US-Soldaten. Das gesamte Kinojahr, vor allem aber der auf Oscars spekulierende, mit ernsthaften Produktionen bestückte Kino-Herbst scheint plötzlich eine einzige schallende Ohrfeige für Bush. Selbst in George Clooneys Thriller "Michael Clayton" (Start: 13. 12.) - über einen Anwalt, der die Verbrechen amerikanischer Wirtschaftskonzerne ausbügelt und eines Tages seine Arbeit infrage stellt - sahen Kritiker ein "Anti-Bush-Märchen, in dem ein Karl-Rove-Ersatz auf seinem Weg in die Hölle zur Besinnung kommt". Hollywoods dickste Fische halten die Anti-Kriegs-Maschine am Laufen: Tom Cruise - der in Robert Redfords Drama "Von Löwen und Lämmern" einen militärfreundlichen Senator spielt (siehe Interview) - hat sich die Rechte an der wahren Geschichte über einen Offizier gesichert, dessen Männer einen Iraker ertränkten. Matt Damon dreht einen Film über das Leben in Bagdad, Harrison Ford plant einen über die Schlacht von Falludscha. Fast erwartet man, dass Harry Potter sich an den Euphrat begibt und Frieden herbeizaubert. Der Rechten ist die Vorwärtsverteidigung der Kriegsgegner natürlich ein Graus. Der notorisch wahnsinnige Fernsehtalker Bill O’Reilly zeterte, dass der Anblick von geschundenen Irakern im Kino muslimische Extremisten zu Anschlägen inspirieren könnte, und schuld sei dann Hollywood, ätschbätsch.

Doch die Frage links oder rechts ist in diesem Fall - nun, nicht kriegsentscheidend. Haggis’ Film zum Beispiel ist alles andere als radikal oder subversiv, und doch steht etwas in seinem Zentrum, was viele Zuschauer abstößt und nervt. Eine Botschaft. Denn obwohl zwei Drittel aller Amerikaner den Krieg inzwischen für einen Fehler halten, wollen sie sich nicht für ihr Eintrittsgeld darüber belehren lassen. So beliebt Kriegsfilme bei den Machern als politisches Instrument sind - die Startliste wirkt wie der Countdown zur Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr -, so langzähnig zeigt sich der geneigte zahlende Gast. Das Samuel-Jackson-Drama "Home of the Brave" über drei Veteranen, die sich im Alltag nicht mehr zurechtfinden, hat ganze 44.000 Dollar eingespielt. Schon protestieren erste Regisseure, wenn ihre Werke als Kriegsfilme abgestempelt werden. Denn darauf reagieren Zuschauer wie Amerikas Mittel- und Oberschicht auf das "I Want You" der Army: Sollen doch andere. Und wenn’s an der Kasse keine Kriegsgewinnler gibt, ist bald wieder Schluss mit unlustig. Da hat Hollywood eine glasklare Botschaft. Nämlich nicht die Linke regiert Hollywood. Und nicht die Rechte. Und nicht das Gute. Und schon gar nicht das Gutgemeinte. Nur das Geld.

"Wir sollten langsam erwachsen werden"

Robert Redford über seinen neuen Film "Von Löwen und Lämmern", Amerikas Unreife und günstige Stars.

Mr Redford, war es je schwerer, Amerikaner zu sein und sein Land zu lieben?

Es ist nicht schwer, dieses Land zu lieben, aber schwerer, unser Land in den Teilen der Welt zu repräsentieren, die sauer auf uns sind. Die meisten Menschen machten unsere Regierung für die Geschehnisse verantwortlich, nicht das amerikanische Volk. Als Bush aber wiedergewählt wurde, änderte sich das Bild. Das konnte keiner verstehen.

Ist "Von Löwen und Lämmern" ein patriotischer Film?

Ja, sehr, denn ich ertrage es nicht, wenn eine engstirnige Führung unsere Werte wie Meinungs- und Pressefreiheit mit Füßen tritt. Nach den Anschlägen vom 11. September war die ganze Welt auf unserer Seite. Und dann kostete uns eine Serie von ernsthaften Fehltritten, wie der Einmarsch im Irak, jeglichen Kredit.

Den nun eine Vielzahl kritischer Filme zurückgewinnen will.

Heute ist es leichter, solche Filme zu machen, weil Bush so unpopulär ist. Zuvor hatte die Regierung unsere Angst bewusst instrumentalisiert und jeden des Anti- Amerikanismus bezichtigt, der sich gegen ihre Politik stellte. Es galt als unpatriotisch, die Truppen nicht zu unterstützen. Keiner traute sich, etwas dagegen zu sagen. Einige Zeit funktionierte das, aber jetzt dringt die Wahrheit durch, so wie Gras langsam durch Beton wächst.

Weht durch Hollywood der Aufbruchsgeist der Siebziger?

Es gibt kein Hollywood mehr, der Begriff ist längst ein Euphemismus. Hollywood repräsentiert nicht wie früher das Filmgeschäft. Die Studios finanzieren ihre eigenen Filme nicht mehr, sie verleihen sie nur noch. Das Geld kommt aus dem Ausland.

Dennoch gibt sich das US-Kino politischer denn je.

Ja, aber das bezieht sich auf die unabhängigen Produktionen. Und wenn die Studios diese Filme kaufen, fein. Das sogenannte Hollywood ist ein Business. Die wollen ihr Geld zurück, also brauchen sie Garantien. Die kann ich ihnen mit Filmen wie meinem nicht geben. Die sind riskanter, also werden sie meist mit niedrigem Budget produziert. Und viele verzichten auch auf eine Menge Geld, weil sie ein Statement abgeben wollen über das, was gerade in unserer Gesellschaft passiert.

Auch die Stars?

Ja, weil die Stars ein Teil davon sein möchten. In diesem Sinne passiert schon eine Menge, aber ich glaube nicht, dass man die Zeit zurückdrehen kann. Den Geist der Siebziger, des New Hollywood, kann man nicht kopieren und in die heutigen Filme transportieren. Die Welt hat sich zu stark verändert. Es gibt Computer, Kabelfernsehen, Internet, Blogger. Und es gibt keine allgemeine Wehrpflicht wie im Vietnamkrieg, für den die Studenten vom Campus aus einberufen wurden.

Was auch erklären würde, warum Filme wie "Home of the Brave", "Ein mutiger Weg" und "In the Valley of Elah" bisher kaum Zuschauer fanden.

Was nicht daran liegt, dass diese Filme zu früh kommen. Schließlich dauert der Krieg gegen den Terror schon sechs Jahre. Ein Problem ist aber die große Zahl solcher Filme, die alle zur gleichen Zeit herauskommen. Das ist keine gesunde Atmosphäre, weil die Leute vielleicht gar nicht wissen, was sie sich anschauen sollen. Außerdem blickt Amerika nicht gern auf sich selbst.

Warum?

Amerika besitzt Stärke und Macht, ist gleichzeitig aber immer noch ein sehr junges Land, das nicht die Reife hat, über seine negativen Seiten nachzudenken. Deshalb konnte auch einer wie Ronald Reagan Präsident werden. Jimmy Carter nannte damals die Probleme beim Namen. Reagan kam rein und sagte: Alles wird wunderbar, alles wird großartig! Das klang wie aus einem Drehbuch. Und jeder stimmte begeistert zu und schrie: Ja! Ich denke, wir sollten langsam erwachsen werden.

Interview: Matthias Schmidt, Bernd Teichmann

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