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Berlinale-Direktor Dieter Kosslick im Interview: "Irgendwann steht die Guillotine bereit"

Er ist mittlerweile selbst so etwas wie das Maskottchen dieses Filmfestivals. Dabei ist Berlinale-Direktor Dieter Kosslick ein schwer arbeitender Mann. Ein Gespräch über Angelina Jolies Händedruck, Gier und den letzten Empfang von Bundespräsident Wulff.

Von Sophie Albers, Berlin

Herr Kosslick, was war Ihr bisheriges Berlinale-Highlight?
Das ist die absolut schwierigste Frage, weil wir hier jeden Abend ein Feuerwerk haben. Aber mein absolutes Highlight wird man am Abschlussabend sehen: Wie ich von Sha Rukh Khan gezwungen werde, im Friedrichsstadtpalast mit ihm Bollywood zu tanzen - inklusive eines Handstands. Man kann es auf Youtube sehen.

Haben Sie vorher geübt?
Nein, das habe ich doch nie im Leben erwartet, und es war auch keine Musik da. Ich habe ihn und das Team vorgestellt, und da hat es ihn gerissen.

Bisheriger Tiefpunkt?
Einen richtigen Tiefpunkt gab es zum Glück nicht.

Wie fest ist der Händedruck von Angelina Jolie?
Mittlere Stärke.

Und wie riecht Meryl Streep?
Gut. Sehr gut.

Apropos riechen: Sie haben vor dem Festival gesagt, dass ihr Plan so voll sei, dass Sie kaum Zeit zum Duschen hätten.
Ich habe heute schon zwei Mal geduscht, und ich bin schon wieder durchgeschwitzt. Das ist einfach fürchterlich, weil ich dauernd vom Kalten ins Warme und vom Warmen ins Kalte renne, und ich muss aufpassen, dass ich mich nicht erkälte. Das wäre das Schlimmste! Das ist mir in den elf Jahren ein Mal passiert, und es war eine mittelmäßige Katastrophe. Das Festival kann auch ohne Dieter Kosslick weiterlaufen, aber es ist dann ein anderes.

Was haben Sie eigentlich Präsident Wulff auf dessen schlecht besuchtem Empfang zugeflüstert? Es gibt da dieses Foto.
Ich habe ihn gefragt, ob es in Ordnung wäre, wenn ich meine Rede in Englisch halte, mit der Flagge im Hintergrund und an diesem Ort. Ich war nicht vorbereitet, Herr Wulff hatte mich vom Podium aus dazu aufgefordert. Deshalb musste ich ziemlich schnell zu Potte kommen, auch in meinem Kopf. Und da passt es nicht, wenn mich auch noch jemand übersetzt. Dann wäre der ganze Spirit raus gewesen. Ich habe auch meinen Standardspruch gebracht, dass mein Englisch ja auch in Deutsch verständlich ist.

Und dann haben Sie eine sehr politische Rede gehalten.
Es ging um die ökonomische Krise, von der ich nicht glaube, dass es eine ökonomische Krise ist, sondern eine neue Form des Klassenkampfes. Die reichen Leute werden immer reicher und die Armen immer ärmer. Und die Folge davon ist, dass die Kultur vollkommen zusammenbricht. Das sehen wir ja gerade in Europa, wo jetzt wieder alte Stereotypen Verwendung finden: Die Griechen sagen, die Deutschen sind Nazis. Wir sagen, italienische Kapitäne können kein Schiff steuern. Dieser ganze Quatsch kommt wieder hoch, und das in einer sehr makabren Form. Ich denke, die Kultur ist die einzige Möglichkeit, das wieder zu heilen. Und ein Filmfestival wie dieses, das Filme aus rund 80 Ländern zeigt, wo man in andere Länder gucken kann, wo Menschen mit anderen Religionen und Verhaltensweisen und Lebensweisen zu sehen sind, das ist eine Möglichkeit für mehr Toleranz und Akzeptanz. "Accept diversity" (Akzeptiere Vielfalt) und "Towards tolerance" (Für mehr Toleranz) waren die beiden Forderungen, die ich damals auf die ersten Berlinale-Plakate gedruckt habe. Und es war der Schluss meiner Rede, dass ich das heute leider schon wieder draufdrucken könnte.

Hat es Sie geärgert, dass es bei Wulff nur um dessen Amtskrise ging? Von 250 geladenen Gästen waren kaum 100 beim Empfang.
Der Bundespräsident hat schon vor Monaten entschieden, die Filmszene einzuladen, und da ist es für mich natürlich keine Frage, da hinzugehen.

Viele Berlinale-Filme zeigen Krieg. Im Kleinen wie im Großen. Das passt zu dem, was Sie gerade über die Krise der Kultur sagten. Sehen Sie das so: Ist überall Krieg?
Es gibt unterschiedliche Kriege. Die, die wir hier zeigen, wie in dem eindrucksvollen "War Witch", der von einer Kindersoldatin im Kongo handelt. Aber wir befinden uns auch in einem stillen Krieg der Reichen gegen die Armen. Ich kann nur sagen, wenn da nicht gegengesteuert wird, wird das so enden wie in unserem Eröffnungsfilm "Lebewohl, meine Königin". Irgendwann steht die Guillotine bereit. Das läuft auf eine Revolution hinaus, das lassen die Leute sich doch nicht bieten. Irgendwann wird das nicht mehr funktionieren. Wobei ich glaube, dass das nicht nur ein Problem der persönlichen Gier ist. Das System ist so gebaut, dass die Leute gierig werden. Wir brauchen keine systemrelevanten Banken, wenn die Banken das System zerstören. Das ist so krank. Da sollte man sein Geld lieber ins Kopfkissen stecken. Hat ja früher auch funktioniert.

Kann es eigentlich sein, dass sich der Spirit der Berlinale am ersten Tag entscheidet? Als sich zu Beginn die Jury vorgestellt hat, hatte ich das Gefühl, das wird gut.
Und es ist auch gut geworden. Ich hatte übrigens denselben Eindruck, als ich am Abend vor der Eröffnung mit der Jury essen war. Wir sind spontan zu meinem kleinen Italiener Moreno Carusi um die Ecke gegangen, der hat uns ein paar Platten Pasta auf den Tisch gestellt, und eine halbe Stunde später waren wir alle miteinander befreundet. Das heißt nicht, dass es in der Jury nicht auch harte Auseinandersetzungen gibt. Aber wenn man sie sieht, hat man das Gefühl, dass sie gut zusammenpassen.

Eine letzte Frage: Was ist der ultimative Trick, um auf dem roten Teppich nicht zu frieren?
Lange Unterhosen.