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Marcel Reich-Ranicki: Die Absolution ist schon erteilt

Matthias Schweighöfer spielt Marcel Reich-Ranicki. Den Segen des Meisters hat er. Konnte also kaum etwas schiefgehen bei der Verfilmung des Literaturkritiker-Lebens. Ein Besuch bei den Dreharbeiten.

Von Birgit Lahann

Maske! Ja? Bitte helft dem Matthias mal, sagt Regisseur Dror Zahavi. Heult er? Ja, er heult. Vor Lachen. Also Brille ab und tupfen. Schweighöfer mit den himmelblauen Augen trägt als Reich-Ranicki graugrüne Kontaktlinsen. Da ist Lachen gefährlich. Dabei gibt es in der Szene gar nichts zu lachen. Er sitzt 1953 mit einer Jugendfreundin im Warschauer Hotel "Bristol", und die junge Schauspielerin rät ihm, zusammen mit seiner Frau Tosia in die DDR zu gehen. Wie?, fragt er da, in ein Land, in dem die Dichter, die ich liebe, nicht gedruckt werden dürfen? Niemals! Er wolle nach Westdeutschland und Kritiker werden. In die BRD? Wo die Täter frei herumlaufen?, fragt die Freundin entsetzt.

Der 27-jährige Schweighöfer spielt den 33-jährigen Reich-Ranicki leicht nervös mit wippendem Fuß und kühl mit klugem Blick. Doch wenn die Szene ewig wiederholt werden muss, weil draußen eine zu moderne Hupe hupt, weil drinnen eine Tür knallt oder weil irgendwo gequatscht wird, kann Schweighöfer irgendwann nicht mehr. Da nimmt das Lachen seinen Lauf - bis die Kontaktlinsen schwimmen.

Ich besuche den echten, den heute 88-jährigen Marcel Reich-Ranicki in Frankfurt. Kommen Sie um vier, sagt er am Telefon, aber ich kann Ihnen gaaar nichts zum Film erzählen. Ich denke, das wird mir reichen, sage ich. Eine mollige Pflegerin öffnet. Die Sonne scheint, die Balkontür steht offen, im schwarzen Ledersofa des Wohnzimmers sitzt die bald 90-jährige Teofila Reich-Ranicki - Tosia, wie ihr Mann sie noch immer liebevoll nennt -, weiße Haare, heller Teint, Rouge und rote Lippen. Wollen Sie auch eine?, fragt sie mit etwas rostiger Stimme und hält die Zigarettenschachtel hoch.

Vorbereitung auf die neue Rolle

Dann tritt der Meister ein. Was gibt's Neues? Erst mal wird ein bisschen geklatscht. Er möchte wissen, ob der X mal mit der Y zusammengelebt hat. Ich werd es für Sie rauskriegen, sage ich. Und was soll ich nun erzählen?, fragt er. Ob Sie Angst haben vor dem, was gerade über Sie in Köln und danach in Polen gedreht wird. Ich hoffe, dass es ein guter Film wird, sagt er, aber ich fürchte, es wird ein schlechter. Warum? Traut er Matthias Schweighöfer die Rolle nicht zu? Doch, sagt er, der Schweighöfer ist gut, aber aus dem jungen Schiller hat er beinahe einen Bajazzo gemacht. Was dem Film fehlt, ist der Ehrgeiz, sagt er. Schiller war unerhört ehrgeizig, hatte die "Räuber" geschrieben, den "Fiesco", "Kabale und Liebe". Und da kann man eben nicht so rumhopsen auf dem Bildschirm.

Schweighöfer lacht, als ich es ihm in der Drehpause erzähle. Das mit dem Bajazzo hat er ihm auch gesagt, als er ihn in Frankfurt besuchte. Er kommt eben aus einer ganz anderen Schule, sagt er. Über Gustaf Gründgens haben sie geredet, über dessen Sprachkultur, und da habe Reich-Ranicki natürlich Probleme, wenn er, Schweighöfer, Schiller auch mal nuscheln lässt.

Wie hat er sich auf seine neue Rolle vorbereitet? Er hat natürlich Reich-Ranickis Erinnerungen durchgearbeitet. Und er habe den Marcel ganz simpel gefragt, wie das war, als er und Tosia versteckt waren und Angst hatten, verraten zu werden. Vor allem aber hat er Reich-Ranicki und seine Frau beobachtet, hat sich gefragt, was es bedeutet, mit jemandem so viel durchgestanden zu haben. Da sei ihm klar geworden, dass er die Rolle über Tosia denken muss, denn sie, sagt er, macht die Hälfte bei ihm aus, wenn nicht noch mehr. Im Übrigen habe Reich-Ranicki ihm schon Absolution erteilt. Ja, sagt Reich-Ranicki, sie haben uns alle hier zu Hause besucht und haben Fragen gestellt, der Regisseur Zahavi, Katharina Schüttler, die Tosia spielt, und Schweighöfer. Was konnte er seinem Alter Ego für die Rolle mitgeben? Gar nichts, sagt er.

Viele Fragen von beiden Seiten

Katharina Schüttler erzählt, sie habe bei jenem ersten Besuch so viele Fragen gehabt, aber gefragt habe erst mal Reich-Ranicki. Er wollte von ihr wissen, wo sie herkommt, welche Stücke sie gespielt hat, ob sie einen Freund hat, ja, ja, wollte er wissen. Und wenn Reich-Ranicki nach Berlin käme, möchte er sich ihre Penthesilea anschauen, um zu sehen, wie eine so zarte Frau die Amazonenkönigin spielt. Es war ein wirklich schöner Nachmittag, sagt sie, mit Käsekuchen und Eierstich. Und dann hat sie nachgehakt: ob es etwas gebe, das sie für die Rolle wissen müsse. Da hat Reich-Ranicki gesagt: Es ist alles viel schlimmer gewesen.

Wieder in Köln. Neue Szene. Es ist das Jahr 1949. Marcel Reich hat sich den polnisch klingenden Ranicki an seinen Namen gehängt, weil er damals für den stalinistischen Geheimdienst Polens in London gearbeitet hat. Jetzt wird er von seinen unzufriedenen Genossen verhört. Die Sache endet mit Gefängnis und später dem Rauswurf aus der kommunistischen Partei.

Reich-Ranicki hat die Geheimdienstgeschichte in seinen Erinnerungen durchaus vergnüglich geschildert. Niemand, schreibt er, kannte sich doch in dem Gewerbe aus, er schon gar nicht, doch gerade er sollte seinen Untergebenen die Kunst der Spionage beibringen. Also gut. Wozu hatte er die Reportage von Egon Erwin Kisch über den Zarenspion Oberst Redl gelesen? Kennt Reich-Ranicki den bitteren Vorwurf dazu vom Schriftsteller Hermann Kant? Nein, sagt er. Was hat er geschrieben? Dass Kant den Kalten Krieg damals nicht als Musical erlebt hätte. Das wischt Reich-Ranicki mit einer Handbewegung weg. Er hat ohnehin die ganze Aufregung damals nicht verstanden. Stefan Heym, sagt er, habe doch auch für den Geheimdienst gearbeitet und Hans Habe und Carl Zuckmayer. Also bitte. Aber warum hat er sich denn ausgerechnet Decknamen seiner literarischen Lieblinge gegeben? Das war doch alles Quatsch, sagt Reich-Ranicki. Die haben mich nach Decknamen gefragt, und ich habe gesagt: Heine, Lessing, Büchner, Hölderlin.

Mittagspause in Köln. Schweighöfers Teller ist knallvoll. Wollte er nicht abnehmen? Wenn man einen 16-Stunden-Tag hat, sagt er, und kaum etwas isst, kann man sich schlecht konzentrieren. Aber er wird schon zurückhaltender und bereitet sich auf die Szenen im Ghetto vor, wo so viele Juden vor Hunger krepiert sind. Und stört es ihn, dass er seinen blonden Haarschopf hat färben lassen müssen? Nein, gar nicht, sagt er. Das Schwarze findet er viel besser. Am nächsten Morgen steht über seine Verwandlung zu Reich-Ranicki in der Kölner "Bild": aalglatter, schmieriger Gelkopf plus Bullaugenbrille. Das hatten wir doch schon mal.

67 Jahre leben die Ranickis schon miteinander

Es ist fast neun Uhr am Abend. Kleine Verschnaufpause draußen vor der Tür. Es ist schwül. Schweighöfer steht mit runtergelassenen Hosenträgern im Unterhemd da und macht ein paar Freiübungen. Wie lange wird noch gedreht? 20 Minuten. Alles gähnt. Was ist morgen dran? Morgen denkt Tosia in London sehnsüchtig an ihren Mann in Warschau.

67 Jahre leben sie nun schon miteinander, Teofila und Marcel Reich-Ranicki. Marcel Reich war 18, als die Nazis ihn aus Deutschland verjagten, Teofila Langnas war 19, als ihr Vater sich im Ghetto erhängte. Und beide wussten, wohin die Reise geht, als die arischen Herren mit den Reitpeitschen seine Eltern und seinen Bruder und ihre Mutter in den Viehwaggon prügelten. Es ging ins Gas. Und die beiden lebten jahrelang weiter im Auge des Todes.

Während des Krieges, erzählt Reich-Ranicki, habe er seine Frau mal gefragt: Wenn wir das alles überleben würden, wie alt kann man dann überhaupt werden? Und nun ist er 88. Das hat nicht mal Goethe geschafft.

Fahren Sie denn nach Polen zu den Dreharbeiten? Nein, nein, sagt er. Die Vorstellung, ich werde dort krank und komme in die Hände polnischer Ärzte! Nein, das möchte ich wirklich nicht.

Unter sich sprechen Ranickis nur polnisch

Aber Sie sprechen noch Polnisch? Jeden Tag, sagt er, mit meiner Frau Tosia. Wenn wir allein sind, sprechen wir nur Polnisch miteinander. Gilt für ihn das Abkommen mit seinem Freund Walter Jens noch, dass der Überlebende dem anderen eine Totenrede hält? Jens wird es mit seiner Demenz nicht mehr einhalten können - aber Reich-Ranicki? Ich weiß es nicht, sagt er gequält und erzählt von dieser größten Freundschaft seines Lebens. Außer seiner Frau sei Jens der Einzige gewesen, der ihn hätte bremsen können, wenn er mal wieder zu heftig wurde. Reg dich nicht auf, sagte Jens dann. Es ist doch alles nur ein Spiel.

Und nun, sage ich, dämmert Jens langsam dem Jenseits entgegen. Nein, nein, nein, sagt Reich-Ranicki, es gibt kein Jenseits! Und es gibt auch keinen Gott! Wie oft soll er das noch sagen? So. Und nun sei er leider wieder müde. Und geht nach nebenan. Ich rauche eine Zigarette mit seiner Frau und frage sie, ob sie sich nach 50 Jahren in Deutschland einigermaßen wohlfühle? Da sagt sie sehr freundlich: Nein. Nein. Und dabei steigt ihr das Wasser in die Augen. Ich kann es nicht vergessen, sagt sie. Ich träume noch immer davon.

Drehtage in Polen. Breslau, Ende Juli. Warschau im Film. Am Tag zuvor hat es gegossen, gedonnert und geblitzt. Jetzt knallt die Sonne vom Himmel. Geht nicht für die Szene. Die Männer von der Stadtreinigung rücken an und sprühen Regen. Auch übers Taxi, in dem Katharina Schüttler und Matthias Schweighöfer bei fast 40 Grad in Hut und Mantel schmoren. Sie haben laut Drehbuch die bitteren Jahre im Ghetto hinter sich gelassen, jetzt leben sie wieder. Wann kommt eine Wolke? Wenn eine im Anmarsch ist, geht alles ruck, zuck. Wasser! Maske! Ruhe! Und los. Dann ist der Himmel wieder blau. Und Schweighöfer hält es nicht mehr aus im Brutkasten, springt aus dem Taxi, zieht sich die dicken, langen Hosen aus, steht da mit schwarzer Unterhose und nackten Beinen, die in dunklen Socken und schwarzen Schuhen stecken, wedelt lachend mit seinem Mantel und gibt der johlenden Crew den Exhibitionisten.

Zahavi kennt Reich-Ranicki auch leise

Am Ende eines langen Drehtags ist Regisseur Dror Zahavi, der 1959 in Tel Aviv geboren wurde, noch immer hellwach. Wir sitzen an der Straße mit Bier und Zigaretten, und er erzählt von seinem Reich-Ranicki-Bild, das sich radikal geändert hat. Vor der Beschäftigung mit dem Film kannte er doch nur den öffentlichen Menschen, den begnadeten Polemiker aus dem "Quartett". Durch die Biografie und die persönliche Begegnung habe er einen sensiblen, auch bescheidenen, auch leisen Menschen kennengelernt.

Sein Buch, sagt Zahavi, liest sich wie ein Roman. Was ihm aber für den Film fehlte, war: Was hat man im Ghetto gegessen? Wie war man angezogen? Hat man miteinander geschlafen? Reich- Ranicki, sagt er, war ja im Judenrat. Da war schon mehr Sicherheit. Und der junge Reich hat sich zweimal am Tag rasiert, um bloß immer gepflegt auszusehen. Unrasierte, schmuddelige Juden, schreibt er ja, kamen schneller in die Gaskammern. Also muss er im Film die Upperclass im Ghetto zeigen. Schwebt Reich-Ranicki während der Dreharbeiten wie ein Damoklesschwert über ihm? Nein, sagt Zahavi und lacht. Er ist eine Herausforderung. Aber, sagt er, wenn Reich-Ranicki den Film am Ende anschaut, wird er befangen sein. Er steckt zu tief drin. Der Geruch, sagt Zahavi, der aus meinem Film kommt, wird nicht der Geruch aus seinem Leben sein.

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