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Die Medienkolumne: Weniger Bohlen, mehr "Neon"

Der neue ARD-Vorsitzende Peter Boudgoust will einen eigenen Kanal für die Jugend. Doch die Inhalte fehlen: Mehr als kopiertes Bohlen-Fernsehen haben die öffentlich-rechtlichen Sender der Jugend nicht zu bieten. Dabei gäbe so viele spannende Themen. Hier sind Lösungsvorschläge für eine Problembeziehung.

Von Bernd Gäbler

Ob mit eigenem Kanal oder ohne, das ist erst mal egal. Dass die ARD - vom einzelnen Redakteur bis hinauf zur so genannten "Gremienvertreterkonferenz" (GVK) darüber nachdenkt, wie man mit dem eigenen Programm die Jugend ansprechen kann - das kann nicht falsch sein. Das hat weder mit Mode zu tun, noch mit den Interessen der Werbewirtschaft. Es gibt das öffentlich-rechtliche System doch nur, weil es Zuschauer und Zuhörer eben nicht als Konsumenten, sondern als Staatsbürger ansprechen soll. Auch und gerade junge Leute. Wichtig wäre eine schonungslose Selbstanalyse als Basis aller weiteren Überlegungen.

Aber das ist vermutlich zu viel verlangt. Sie würde nämlich ein groß dimensioniertes Versagen gegenüber dem eigentlichen gesellschaftlichen Auftrag offen legen. Mit einem Finanzvolumen, das etwa so groß ist wie der summierte Umsatz vom Holtzbrinck- und Springer-Verlag, ist es im Laufe der Zeit gelungen, zumindest das ARD-Fernsehen zu einem Spartenprogramm für Senioren herunterzuwirtschaften. Ob "Beat-Club" oder "Formel 1", "Live aus dem Alabama" oder "Kanzleramt" - alles ist Schnee von gestern. Den Knopf für die ARD finden jüngere Leute meistens nur noch, wenn gerade ein Fußball-Länderspiel übertragen wird.

Was also tun? Jeder normale Mensch würde nun darüber nachdenken, welche Bedürfnisse junge Leute haben und aus welchen Gründen sie nicht befriedigt werden. Welche Inhalte sind wichtig und interessant, welche Formen sind dafür angemessen oder notwendig. Wenn das Füllhorn dann überquillt vor lauter Ideen, Untersuchungen und Neugierde auf den Dialog - dann, ganz am Ende, könnte auch erwogen werden, ob es für diese Inhalte nicht besser spezielle Formen und Distributionswege geben sollte.

Bei der ARD aber läuft es genau anders herum. Die Welt steht Kopf. Und aus diesem Grund kann man auch gar nicht vernünftig darüber diskutieren, ob ein spezieller Jugendkanal sinnvoll ist oder nicht. Möglich wäre das. Wenn man nur wüsste, was da stattfinden soll. Dazu hört man von der ARD aber nichts. Zunächst einmal soll das Gefäß her, und wenn man es dann hat, wird sich schon ein Inhalt finden. Denn eins ist allen ARD-Leuten wohl inzwischen bewusst: Die Jugend ist weggelaufen. Jetzt soll sie wieder eingefangen werden.

Wo ist die Jugend?

Also begibt man sich auf die Suche nach der Jugend. Wo aber sucht man sie? Fatalerweise innerhalb des Systems Fernsehen. Da weiß man zumindest in etwa, wer die Jugend womit gewinnt: mit "GZSZ" und Casting-Shows, mit "Germany's Next Top Model" und Stefan Raab, mit "Bully" Herbig, "Galileo" und den "Simpsons". Und einzig aus diesem Grund konnte man auf die absurde Idee kommen, Bruce Darnell eine eigene ARD-Show am Nachmittag zu geben. Und genau darum gibt es in den Beratungen der ARD eine "authentische Stimme" der Jugend, die sogar vor der GVK schon die eigene Expertise verbreiten durfte: Oliver Pocher. Mit anderen Worten: Die ARD weiß nun, dass das, was bei den jungen Leuten gut ankommt, das "Bohlen-Fernsehen" ist. Also wird es hemmungslos kopiert bis hinunter in den Kinderkanal, wo inzwischen auch Castingshows mit Gesangsdarbietungen längst an der Tagesordnung sind. Aber selbstverständlich betont man hier den Unterschied zum "Bohlen-Fernsehen", indem der Moderator nicht so garstig ist: Im Ki.Ka sagt der Onkel vom SWR den quiekenden Kindern immer ganz nett, dass sie nicht singen können.

Das Problem aber liegt ganz woanders. Die ARD-Planer müssten zunächst einmal über den Tellerrand des Fernsehens weit hinausschauen. Was ist in der Gesellschaft los mit der Jugend? Wie artikuliert und formiert sie sich? Welche Interessen gibt es, die das aktuelle Fernsehen völlig vernachlässigt? Vielleicht sollte man sogar zurückblicken auf eigene Leistungen, die auch ohne den Druck der privatwirtschaftlichen Konkurrenz entstanden sind. Denn wenn die ARD ihren Auftrag nicht als einen gesellschaftlichen begreift, sondern nur als Konkurrenz innerhalb des Rundfunk-Systems, dann ist darin strukturell angelegt, dass sie keine originellen Antworten auf ihre Probleme finden wird, sondern immer nur hinterherläuft.

Anregungen jenseits der Pocherschen Jugendexpertise

Etwa ganz Einfaches springt sofort ins Auge: Die Musik spielt eine riesige Rolle für die Ausprägung von Identitäten und Stilen. Überall gibt es Clubs, es wird aufgelegt ohne Ende. Viele machen selbst Musik, spielen vor zwanzig oder gar zweihundert Leuten. Und was? Etwas völlig anderes, als auf den Jugendwellen gedudelt wird. So etwas kommt auch in den "Superstar"-Sendungen nicht vor. Am ehesten leistet sich noch Stefan Raab den Luxus, gute Typen selbst geschriebene Lieder vortragen zu lassen. Von ihm begleitet auf der Holzgitarre. Hier eröffnet sich ein weites Feld von Talenten und Szenen. Die ARD wäre gut beraten, Kontakte erst einmal herzustellen und den jungen Menschen Möglichkeiten einzuräumen.

Selbst Politik- oder Journalistikstudenten fällt es schwer, sich für den Parteienkram zu erwärmen. Aber egal, ob jemand eher "JuSo" ist oder die "Junge Union" favorisiert: Der G-8-Gipfel und Heiligendamm, "attac" und Globalisierung, Klimawandel und Armut in der Dritten Welt, das sind Themen, über die erhitzt debattiert wird. So sieht heute politisches Interesse aus. Als spannend werden Projekte empfunden, die jenseits, neben oder am offiziellen "System Politik" vorbei direkt im Alltag etwas verändern. Von Klimahäusern bis zur Mehr-Generationen-WG. Darauf müssten sich die informative Berichterstattung, die Nachrichten, die Nachfolgeformen von "Live aus dem Alabama" einstellen. Wie wäre es, wenn man zunächst "attac", "Greenpeace", der "Welthungerhilfe" oder anderen NGOs einfach wöchentlich eine Stunde Sendezeit freiräumte?

Warum wir "Germany's Next Top Model" gucken

Viele schauen "Galileo" und sind unzufrieden: zu viel Werbung, zu viele Berichte über Firmen und Produkte. Die Begeisterung für Wissenschaft und Technik, für Nano-Technik und Raumfahrt, für die großen Wissenschaftler der Vergangenheit und für neue Erkenntnisse der Hirnforschung ist riesig. Wie kann dieses Interesse kurzweilig und seriös bearbeitet werden?

Für das eigene Leben sind alle Fragen der Lebensweise relevant. Nicht zuletzt deswegen werden - häufig auch mit etwas ironischer Distanz - Soaps oder Casting-Shows wie "Germany's Next Top Model" eingeschaltet. Sie dienen der Identifikation und der Verständigung über Typen und Verhaltensweisen. Um zu schauen, welche Themen interessieren und wie man diese bearbeiten kann, muss man eigentlich nur einen Jahrgang der Zeitschrift "Neon" durchblättern. Würden die ARD-Leute mal Timm Klotzek zum Diskurs laden, wäre das ein großer Schritt, glaubhafter das "Unternehmen Jugend" zu betreiben - und eben nicht nur als Fangspiel.

Die Welt da draußen

Der Alltag in Afrika oder "work and travel" in Australien, kurz: Die Welt da draußen ist es, die Schüler, Studenten und Auszubildende interessiert. Noch nie gab es eine so aufgeschlossene, so weit gereiste, so weltoffene und internationale Jugend wie heute. Gleichzeitig haben die Jungs und Mädels oft erschütternd wenig Ahnung von der Welt, in der sie leben. Wenn man dann zugleich darüber nachdenken würde, warum wohl kein junger Mensch den "Weltspiegel" anschaut, wäre das doch eine lohnenswerte journalistische Herausforderung Natürlich werden alle Medien vor allem zur Ablenkung, zur Zerstreuung genutzt. Kaum aber etwas bewegt so sehr die Gemüter wie die Frage, wie es nach der Ausbildung aussehen wird, wie der Übergang in eine reguläre Arbeit gestaltet werden kann oder wie man überhaupt an einen Job herankommt. Alle möglichen Formen - vom Tagebuch bis zur Langzeit-Dokumentation, vom Wissensquiz bis zum Praktikums-Casting-Wettkampf - können hier durchdacht oder erprobt werden.

Erst der Inhalt, dann die Form. Es käme darauf an, jetzt über inhaltliche Defizite und deren Ursachen zu sprechen. Es käme darauf an, Intelligenz, Wissen und Witz der eigenen Mitarbeiter und der potentiellen Adressaten zu mobilisieren, und eben nicht deren Mitläufertum. Dann, ganz am Ende, könnte man in Ruhe darüber reden, ob es wirklich sinnvoll ist, einen eigenen Jugendkanal zu institutionalisieren. Immer das Gleiche braucht jedenfalls niemand.