Duisburg gedenkt der Loveparade-Opfer Trauerfeier ohne Versöhnung


Heute wird in Duisburg öffentlich um die 21 Loveparade-Opfer getrauert. Doch die Feier wird kaum Versöhnung mit sich bringen - zu groß ist die Wut auf die Verantwortlichen.
Von Bernd Gäbler

In einer großen öffentlichen Veranstaltung wird der 21 Toten der Duisburger Love-Parade gedacht. Der ökumenische Gottesdienst, an dem auch der Bundespräsident und die Bundeskanzlerin teilnehmen, wird in das Fußballstadion übertragen. Immer häufiger wird nicht nur im Kreis der Nahestehenden, sondern öffentlich getrauert. In Duisburg ist es besonders schwer, eine Balance zwischen den privaten Gefühlen der Trauer und der öffentlichen Inszenierung zu finden.

Trauer - privat und öffentlich

Trauer, das ist die emotionale Reaktion auf den Verlust eines geliebten Menschen. Zur Trauer gehören Riten. Im "Kreise der Lieben" werden sie zelebriert. So soll der Verlust einen Abschluss finden, ein versöhntes Weiterleben möglich sein. Diese Trauer ist privater, ja fast intimer Natur. Immer häufiger wird inzwischen aber auch öffentlich getrauert: nach den Amokläufen von Erfurt und Winnenden; nach dem Suizid des Fußballtorwarts Robert Enke; zum Gedanken an Soldaten, die in Afghanistan gefallen sind. Hier demonstriert die Gemeinschaft, oft vertreten durch die höchsten staatlichen Repräsentanten, ihre Anteilnahme.

Weil Trauer ein inniges Gefühl ist, das der Zurschaustellung eigentlich widerspricht, wirkt die öffentliche Inszenierung der Anteilnahme oft etwas ambivalent. Darum beglaubigen die offiziell Trauernden ihre Gefühle durch private Betroffenheit. Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft zeigt: Sie ist selber Mutter; ihr Sohn war bei der Love-Parade. Der Verteidigungsminister zitiert bei der Trauerfeier für seine Soldaten die Fragen der eigenen Tochter.

In Duisburg wird die Ambivalenz noch deutlicher. Bundeskanzlerin Angela Merkel versicherte am Tag der Katastrophe, dass ihre Gedanken bei den Angehörigen seien. Am nächsten Tag genoss sie in Bayreuth den Lohengrin. Sie darf das, aber ein deutliches Innehalten war das nicht. Es gibt Angehörige der 21 Toten, die von der Trauerfeier zuerst aus der Zeitung erfuhren. Das wirkt stillos. Vor allem aber liegt in Duisburg der Fall ganz anders: die Trauerfeier wird kein versöhnender Abschluss sein. Denn viele Fragen sind offen. Viele? Fast alle!

Duisburg war keine Tragödie - Trauer und Wut

Auf der Trauerfeier wird der neue Bundespräsident seiner Nähe zur Jugend Ausdruck geben. Alle werden Aufklärung fordern und von einer "Tragödie" sprechen. Aber das war die Love-Parade-Katastrophe eben nicht. Hier gab es keine schicksalhafte Verstrickung, keine höheren Mächte wirkten, sondern die Toten sind ein Skandal, weil sie Opfer fahrlässigen Verhaltens sind.

Dem Reiz des Massenhaften erlagen nicht nur die erlebnishungrigen Teilnehmer, sondern auch die Veranstalter, die größenwahnsinnig alle Warnungen ignorierten. Darum gesellt sich in Duisburg zur ohnmächtigen Trauer die Wut. Sie hat auf Trauerfeiern, die Versöhnung stiften wollen, eigentlich keinen Platz.

In Duisburg richtet sich die Wut gegen zwei Personen: den Oberbürgermeister Adolf Sauerland und den Veranstalter, den McFit-Eigentümer Rainer Schaller. Sie werden ausgebuht, mit Müll beworfen, aus der Gemeinschaft der Betroffenen ausgeschlossen. In Erfurt wurde sogar der Amokläufer selber, also der tote Mörder, in die Trauerfeier einbezogen. In Duisburg sollen es Sauerland und Schaller nur ja nicht wagen, sich auf der Trauerfeier blicken zu lassen. Das wirkt sehr archaisch: der König muss verjagt werden, nur das kann die Gemeinde wieder heilen.

Schuld und Scham

Natürlich muss die Schuldfrage genau untersucht werden. Natürlich ist es unsäglich, wie sich die Beteiligten vor der Verantwortung drücken, aber sie dienen auch als Sündenböcke zum Abreagieren von Gefühlen. In der Trauer denkt man an die Toten. Viele stellen sich vor, wie beklemmend es war in der dichten Masse im Tunnel. Die Opfer wurden zertrampelt. Auch das haben Menschen getan. Selbst wenn sie nicht anders konnten, die Vorstellung daran erfüllt jeden mit Scham. Zu einem reifen Gefühl der Trauer würde es gehören, diese Scham zuzulassen. Die Wut auf Sauerland und Schaller dient auch dazu, sie zu unterdrücken.

Es ist beklemmend, wie arrogant die Warner und Skeptiker übergangen wurden. Es ist aber auch beklemmend, wie wenig energisch sie sich vor dem Ereignis zu Wort gemeldet haben. Es gab keinen Befehlsnotstand und keine Befehlsketten, sondern letztlich nur Konsens-Ketten. Alle wollten dieses Großereignis, das viele zugleich heimlich als "Techno-Ballermann" verachteten.

Die "Kultur-Hauptstadt" ist ausgelegt auf "Events", Spektakel, Rekorde, Quantitäten und oft auf eine entsprechende Trivialisierung des Kulturellen. Sie präsentiert sich gerne mit Bildern von Massen, für die "Kultur" gemeinschaftsstiftend ist. Klein geschrieben wird das Widerständige. Eine gebeutelte Region wird getrimmt auf das Imponiergehabe einer Metropole. Da macht der Provinzbürgermeister gerne mit. Ebenso der Stadtrat. Verwaltung und Polizei werden entsprechend instruiert.

Das alles - Trauer und Wut, Schuld und Scham - ist in der Trauerfeier noch virulent. So wie Duisburg mit der Love-Parade überfordert war, ist die Stadt es auch mit dieser komplexen öffentlichen Trauerfeier in Kirche und Stadion. Sie sollte auf keinen Fall der Versuchung nachgeben, wieder vor allem auf die Größe der Feier zu schauen. Sie kann froh sein, dass die in diesen Fragen erfahrenen Kirchen ihr die Aufgabe zunächst abnehmen: Trauer nicht in einer Geste erstarren zu lassen und zu versöhnen, ohne die offenen Fragen zu verharmlosen.


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