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Medienkolumne: Häuserkampf beim ZDF

Was ist beim ZDF los? Der Wechsel von Jörg Pilawa nach Mainz ist immer noch nicht perfekt. Im Hintergrund wird um die Macht der Produzenten gerungen. Mitarbeiter des Hauses fürchten schon um ihre Macht.

Von Bernd Gäbler

Das ist nun klar: In Zukunft darf "Markus Lanz" im ZDF zweimal pro Woche auf Sendung gehen. Was nach außen als Abschied von Johannes B. Kerner und kluges, rechtzeitiges Kümmern um Ersatz gefeiert wird, ist bei Licht besehen etwas anderes. Zwar sind die Abteilungen Sport und Unterhaltung des ZDF Johannes B. Kerner los, die Buchhaltung aber beileibe nicht. Denn Produzent der "Markus Lanz"-Auftritte ist die Firma "Fernsehmacher", also die Produktionsfirma von Johannes B. Kerner. In der Hamburger Lokalpresse wird Markus Lanz denn auch keineswegs als Transfer nach Mainz, sondern als Rückkehrer in die Hansestadt gefeiert, der nun in die "JBK"-Studios einlädt. Schon dies ist ein Indiz für die wachsende Macht erfolgreicher Produzenten gegenüber dem Sender, der scheinbar nur noch für Ausstrahlung, Verkauf, Marketing und "Labeling" unverzichtbar ist.

Diese Macht ist auch der Hintergrund, warum es mit Jörg Pilawa nicht einfach einen raschen Vertragsabschluss gibt, der den Transfer von ARD zu ZDF besiegelt. Ein Moderatorenwechsel ist eben doch etwas anderes als ein Transfer im Geschäft der Fußballprofis; jedenfalls dann, wenn die Moderatoren vor allem Aushängeschild ihrer eigenen TV-Produktionsfirmen sind. Jörg Pilawa hat nie mit gezinkten Karten gespielt, sondern offen erklärt, was für ihn das zentrale Entscheidungskriterium ist: Nicht auf die Bildschirmpräsenz kommt es ihm an, sondern auf seine Zukunft als Produzent.

Schließlich ist er Geschäftsführer der Firma "White Balance". Warum soll er nicht in der ARD weiter Quiz- und andere Shows produzieren, zum Beispiel mit dem von ihm geförderten Nachfolger Sven Lorig als Moderator - obwohl er selbst ausschließlich und in geringerer Frequenz als Kerner-Nachfolger abends im ZDF zu sehen ist? Unterschriftsreif sollen die Vertragspakete mit Jörg Pilawa beim ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut und auch dem Intendanten Markus Schächter vorliegen. Angeblich hängt alles nur an dem fröhlich aus langem Australien-Urlaub zurückkehrenden Pilawa.

Tatsächlich muss das ZDF sehr genau bedenken, zu welchen Weiterungen die aktuelle Vertragsgestaltung führen kann. Weswegen auch der Bescheid aus der Pressestelle recht karg ausfällt: zu vertraglichen Einzelheiten teile man selbstverständlich gar nichts mit.

Gewerkschaften fürchten um "Eigenproduktionsfähigkeit"

Dass auch die großen TV-Sender nicht alles, was sie senden, auch inhäusig produzieren, ist nicht ungewöhnlich. Für Spielfilme und Serien ist dies sogar selbstverständlich. In der Regel aber achten sie darauf, nicht zur bloßen Abspielstation zu verkommen. Die ZDF-Mitarbeiter gewinnen immer wieder einen Teil ihres Stolzes daraus, dass der Sender auch sehr große Projekte - von der Bundestagswahl, über die Olympischen Spiele bis zum Fernsehgarten und "Wetten, dass..?" - aus eigener Kraft herzustellen vermag. Für den Bereich der Unterhaltung aber wird diese Fähigkeit zur Zeit ausgehöhlt. Zumindest befürchten dies die gewerkschaftlichen Vertreter im ZDF. Kann man - so argwöhnen sie - auf Dauer Thomas Gottschalk verwehren, was man Jörg Pilawa oder Johannes B. Kerner (sogar nach dessen offiziellem Ausscheiden aus dem ZDF) erlaubt? Sie wollen unbedingt, dass die "Eigenproduktionsfähigkeit" des Senders - auch und gerade bei großen Shows - erhalten bleibt.

Steckt hinter dem Zögern bei Pilawa die Angst vor neuen Ansprüchen von Thomas Gottschalk? Die Gerüchte und der Flurfunk im ZDF wollen nicht verstummen, obwohl es offizielle Dementis gibt. Seit der großen "Wetten, dass..?"-Show aus Mallorca gibt es zwischen Sender und Moderator ernste Verstimmungen. Gottschalk war mit der Produktion unzufrieden. Gottschalk ist nach wie vor der bestbezahlte deutsche TV-Moderator. Trotz seines Marketing-Talents gerät er aber gegenüber den Betreibern von Produktionsfirmen ins Hintertreffen. Alle -nicht nur sein Freund Günther Jauch, Pilawa und Kerner - sind längt auch Produzenten: Oliver Pocher oder Harald Schmidt, Stefan Raab oder Frank Plasberg, Anne Will oder Sandra Maischberger. Nur Thomas Gottschalk ist es nicht. Ob ihm das vielleicht selber längst aufgefallen ist?

Bislang hat ihm das ZDF viele Sonderrechte eingeräumt. Er darf eine eigene "Wetten, dass..?"-Website betreiben: wetten-dass.com, auf der das ZDF und Audi gleichrangig als Partner Erwähnung finden. Auch der kurzzeitige ZDF-Unterhaltungschef Viktor Worms ist bei "Wetten, dass..?" immer noch verdienend mit von der Partie. Spezialität seiner Agentur wmp ist laut Selbstauskunft die "inhaltliche Betreuung von Partnereinbindungen" - im Rahmen des gesetzlich Erlaubten, versteht sich. Thomas Gottschalk aber darf noch mehr: in einem joint venture mit dem Bauer-Verlag, der auch das Internet-Wettportal "wannachallenge" betreibt, gibt er zu "Wetten, dass..?" ein gleichnamiges Blättchen heraus.

Das meiste aber wirkt lieblos gemacht, ohne Engagement des Protagonisten. Zwar können im Netz die User abstimmen, wie ihnen das Kostüm Gottschalks gefallen hat und im Shop ein paar sturzlangweilige Sampler wie "Sunshine Reggae auf Ibiza" bestellen, aber eine Goldgrube würde anders aussehen. Das Vermarktungsgenie des Bruders wirkt ein wenig erlahmt. Über diesen Eindruck kann auch die teure Gottschalk-Moderation der Audi-100-Jahrfeier nicht hinwegtäuschen.

Noch braucht es Verlage und Sender

Was nun, wenn Gottschalk die größte europäische TV-Show selbst produzieren möchte? Die wachsende Macht der Produzenten ist eine generelle Tendenz: Noch braucht es Verlage und Sender, Labels und Veranstalter. In der Perspektive können aber immer stärker einzelne Sendungen ein Markenversprechen erfüllen. Noch sind die Protagonisten selber - denken wir an Günther Jauch oder Stefan Raab - auch die Marke; bei Gottschalk aber ist es zunehmend die Einheit von "Wetten, dass..?" und Gottschalk. Das eine funktioniert nicht ohne das andere. Fast alle TV-Versuche von Gottschalk außerhalb dieser Show gingen mehr oder weniger schief.

Und ohne Gottschalk wäre "Wetten, dass..?" eine etwas eigenartige, komisch aufgeblähte Dino-Show. So ist es nach wie vor eines der wichtigsten Produkte des ZDF, eine bedeutende europäische TV-Show. Hinter deren Kulissen wird gerade um mögliche Machtverschiebungen gerangelt. Die Öffentlichkeit soll davon wohl erst etwas mit bekommen, wenn alle Entscheidungen gefallen sind.