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Medienkolumne: Macht Pilawa jetzt auf Gottschalk?

Von der Allzweckwaffe der ARD hin zu Talk und Shows beim ZDF - das ist offensichtlich der Plan von Jörg Pilawa. Noch ist der Transfer nicht vollzogen, aber die Perspektive ist entscheidend: Die ARD sucht einen Entertainer für "Verstehen Sie Spaß ?". Das ZDF kann mehr bieten: "Wetten, dass...".

Von Bernd Gäbler

Die grundlegenden Mechanismen des TV-Geschäfts hat Jörg Pilawa begriffen: Wer Geld und Ruhm einheimsen will, darf auf Dauer nicht nur Moderator oder Entertainer sein, sondern muss auch Produzent werden. Das tut Pilawa bereits als Geschäftsführer der Firma "White balance". Den solidesten Geldzustrom sichert langfristig das unkaputtbare öffentlich-rechtliche System. Einzigartig ist in Deutschland, dass es mit ARD und ZDF gleich doppelt existiert.

Bisher war keiner so clever wie Pilawa, beide gegeneinander auszuspielen. Nur seinen Hauptarbeitgeber, die ARD, hat er bisher je kritisiert. Er flirtet gut sichtbar mit dem ZDF. Seitdem werfen ihm die ARD-Anstalten, vorweg der WDR, Verträge hinterher, die auch die WDR-Personalvertreter als überteuert werten. Man würde Pilawa aber unterschätzen, unterstellte man ihm nur kurzfristiges Kalkül. Ihm geht es um seine Perspektive: als Produzent und als Massenunterhalter.

Das ZDF kann ihm Talk-Termine am Abend bieten, die bisher Kerner füllte. Und das ZDF bietet ihm Shows und Galas an. Nicht heute, nicht morgen, aber irgendwann einmal wird auch der Thron der deutschen Fernseh-Unterhaltung frei werden. Der steht - das weiß das ZDF, das weiß Pilawa - in der Sendung "Wetten, dass....?". Außer "Wetten, dass...?" werde man kein Format im gesamten deutschen Fernsehen finden, lobte Pilawa schon im April 2008 im angelernten Geschäftsführer-Deutsch, das über eine längere Strecke ein "branding" geschafft habe. Jörg Pilawa traut sich selbst viel zu. Jörg Pilawa kann auch warten. Thomas Gottschalk ist fast 16 Jahre älter als Pilawa.

Das ZDF ist klug genug, keine voreiligen Versprechungen zu machen. Vorerst sieht alles nur danach aus, als ginge es um das Erbe von Johannes B. Kerner, der im ZDF ähnlich häufig zu sehen war wie Pilawa im Ersten. Und das ZDF ist klug genug, nicht wieder einer einzigen Person (wie etwa Markus Lanz) den Kerner-Status zu schenken, sondern sein Erbe so aufzuteilen, dass Wettbewerb entsteht. In diesem Wettbewerb geht es auch um eine günstige Ausgangsposition für das irgendwann einmal anstehende Gottschalk-Erbe. Für Pilawa geht davon ein Reiz aus, der sogar die ein oder andere Millionen, die die ARD aktuell mehr bietet, wettmachen kann. Dann nämlich wäre er am Ziel.

Was Pilawa über Medienkritiker denkt

Denn noch ist er getrieben, es sich, der Welt und seinen Kritikern zu beweisen. Er sieht sich als Handwerker und Könner, weniger als Künstler, aber fühlt sich dennoch zu wenig geschätzt. Zu Jobst Plog, dem früheren Intendanten des NDR, hatte er Vertrauen und einen kurzen Draht. Dass zu dessen Verabschiedung extra Günther Jauch als Moderator angeheuert wurde, hat Jörg Pilawa gekränkt. Er habe erst die industrielle "Staffel"-Produktion in der ARD richtig eingeführt. Vier bis sechs Ausgaben des "Quiz" produziere er täglich. Das werde viel zu wenig gewürdigt, klagte Pilawa. Ihm gehe es immer darum, kontinuierlich erfolgreich für die Masse Programm zu machen.

Insbesondere die Medienkritiker - so die Essenz aus vielen seiner Interviews - haben in der Regel keine Ahnung davon, wie Fernsehen gemacht wird. Für Unterhaltung seien sie zu griesgrämig. Außerdem seien sie elitär, realitätsfern, frustriert oder neidisch. Ließe man sie machen, würden sie zwar massenhaft Grimme-Preise einheimsen, aber keiner würde zugucken. Man spürt: Pilawa möchte nicht nur erfolgreich sein, Geld verdienen und seinen Ruhm mehren, sondern Pilawa sehnt sich nach Anerkennung.

Was Kritiker bei Pilawa-Shows beobachten können

Das Verhältnis zwischen Pilawa und der Kritik ist auch deswegen so angespannt, weil er sich nie richtig wehrt. Als "Bild"-Kolumnist Franz-Josef Wagner ihn einen "anpasserischen, uninteressierten Menschen bar jeder Neugier" nannte, antwortete Pilawa: "Ich konnte und musste über die Formulierung einfach schmunzeln." Wirft man ihm vor, dass er nur unambitionierten Schrott ohne Fantasie und Verstand produziere, entgegnet er, das könne man so sehen. Jedem, der es nicht hören will, erzählt er, wie gerne er für "nett" gehalten wird. Ihm geht es um die Quote, die er aber "qualitativ" lesen will. Sein Credo ist einfach: "Ich will unterhalten." In der vergangenen Woche gab es gleich zweimal - bei einem Reisequiz und einer neuen Samstagabend-Show - Gelegenheit genauer hinzuschauen, was er darunter versteht.

Das Schema der Pilawa-Shows

Regelmäßig geht es mit einer Ankündigung aus dem Off los wie auf dem Jahrmarkt. Es wird eine Rummel-Stimmung erzeugt, die sich steigert, wenn Pilawa erscheint. Er wehrt dann den Beifall, dessen Künstlichkeit zu bemerken ist, bescheiden ab. Es gibt Rate-Teams, die aus mehr oder weniger bekannten Mitgliedern der TV-Familie nach einem Schema bestückt werden: die Schöne, die Quasselstrippe, der seriöse News-Mann, der Ex-Sportler etc. Es wird so getan, als bekämen diese keine Gage, sondern seien aus Gründen der Wohltätigkeit da. Alle werden johlend begrüßt oder haben Pointen vorbereitet. Spontan ist nichts. Dann erklärt Pilawa die Regeln, und es wird geraten. Nach jedem Einspielfilm wird wieder frenetisch geklatscht. Wer genau hinhört, merkt, dass dabei ein "Anheizer" vorweg klatscht und das Publikum nachzieht.

Ob es um Geschichte, Märchen oder fremde Länder geht, alle Fragen zielen aufs Anekdotische. Nicht Kenntnis, Zusammenhänge oder gar Abstraktion sind gefragt, sondern Belangloses. An welchem Arm trug der Schlagzeuger das Schweißband? Oder: "Addieren Sie 32 Tage zum 9. Januar, 7.45 Uhr." Die Fragen dürfen nie zu schwer sein, das hat Sven Lorig vom ARD-Morgenmagazin, der einmal auf dem Weg zum guten Journalisten war, sich jetzt aber von einem Dasein als Pilawa-Klon mehr verspricht, schon von seinem Vorbild gelernt. Nur dann bleiben die Zuschauer dran. Sie sollen denken: Das hätte ich auch gewusst. Wenn es um die Karibik geht, erklärt Pilawa, dass "die Leute den Rhythmus schon mit der Muttermilch einsaugen" und spricht von den "Schönen und Reichen", wenn es um Paris geht. Auch wegen der Klischees wirkt alles langatmig. Am Ende gibt es riesigen Schlussbeifall für die Sieger.

Wäre Pilawa als Gottschalk-Nachfolger tauglich?

Das alles wäre nicht so schlimm, wenn mit diesen vorproduzierten Quiz- und Promi-Shows nur irgendwie Sendezeit gefüllt würde. Pilawa ist ja nie bösartig, aber er will mehr, sein Ehrgeiz ist größer. Hätte Pilawa zum Beispiel während seiner Zeit als Gastgeber der "NDR-Talkshow" gezeigt, wie gut er Gespräche führen kann, könnte man ihm die industriell hergestellten Durchschnitts-Shows gnädig durchgehen lassen.

Aber das einzig journalistisch anspruchsvolle Format hat er von sich aus aufgegeben, ohne nachhaltig Eindruck zu hinterlassen. Den Tag überdauernde Sequenzen sind von ihm nicht überliefert. Er hat lediglich Gäste bewundert, die Gutes taten. Aber nicht das Durchschnittliche ist Pilawa vorzuwerfen, sondern dass hinter seiner stetigen Berechenbarkeit immer auch Berechnung steckt. Er verkörpert, worunter gerade das öffentlich-rechtliche Fernsehen ohnehin schon leidet: die Anpassung, das sichere Paddeln in der Mitte des Stroms, die Risikovermeidung, der Opportunismus. Was immer man Thomas Gottschalk auch vorwerfen mag - Jugendwahn, Werbegelder oder Schmalspurplaudern - aus diesem Holz ist er nicht geschnitzt.