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Medienkolumne: Super Nanny für das Gastgewerbe

Abzugshauben mit fingerdicker Fettschicht, Schubladen voller Gammelfleisch: Mit einer Mischung aus Kochsendung und Beratungsshow feiert der "Restauranttester" Christian Rach Quotenrekorde. Zuletzt schauten mehr als sechs Millionen Menschen zu. Woran mag das liegen?

Von Bernd Gäbler

Die Trittbrettfahrer von RTL 2 haben wieder einmal nichts begriffen. Weil "Rach, der Restauranttester" montags nach "Bauer sucht Frau" auf RTL so erfolgreich ist, haben sie sich mit der Sendung "Restaurant sucht Chef" flugs davor geklemmt - und erleiden Schiffbruch. Gleichzeitig gilt folgendes: ein Trend hat spätestens dann seinen Höhepunkt überschritten, wenn er in der ARD angekommen ist. Dass Tim Mälzer, der Vertreter des Proletariats unter den Köchen, seinen schnellen Löffel künftig in der ARD schwingen wird, zeigt also nur: Kochsendungen gibt es bis zum Überdruss.

Christian Rach kann dies alles kalt lassen. Als "Restauranttester" feiert er gerade Quotenhöhenflüge. Ein Grund dafür ist: Sein Format ist weder eine der zahllosen Kochshows, noch eine simple "Ratgeber"-Sendung. Wie viele der zuletzt mehr als sechs Millionen Zuschauer wollen schon ein Lokal eröffnen? Nein, Christian Rach, der Betreiber des Hamburger Restaurants "Tafelhaus", bietet eine Vorher/Nachher-Show, allerdings ohne Happy-End-Garantie. Er ist eine Art strenge "Super Nanny" für den erschlafften Mittelstand; ein antreibender Peter Zwegat des Bewirtungswesens. Selten nur streift Rach die weiße Koch-Montur über, er testet auch nicht die Restaurants - es geht um deren letzte Chance. Ob "Entenfang", "Obstgarten", "Weserlust" oder das vom Kneipenkollektiv betriebene Berliner "Conmux" - Rach besucht nur Restaurants, die vor der Pleite stehen. Er soll sie retten. Zunächst einmal lässt er sich also bewirten, dann schaut er in Küche und Keller; prüft Service und Konzept; knöpft sich die Verantwortlichen vor und deren Führungsstil.

Blick in den Abgrund

Mit Christian Rach kommt das Fernsehen vor Ort, um dort die Probleme zu klären. Das Fernsehen ist nicht mehr ein besonderes Haus, an das man sich hilfesuchend wenden kann; kein Studio, in dem Experten Ratschläge erteilen, sondern es untersucht den Fall, stöbert herum in den menschlichen Schicksalen. Die Kamera wird zur Lupe, zum Mittel der Inspektion. Und mit ihrer Hilfe schauen wir in Abgründe. Wir sehen Abzugshauben mit fingerdicker Fettschicht; scharfe Reiniger, die direkt neben dem Salat stehen, ekelerregenden Dreck oder Schubladen voller Gammelfleisch. Diese Bilder sind regelmäßig ein erster Höhepunkt der Sendung: je schlimmer, desto besser. "Ramsay's Kitchen Nigtmare" heißt treffender das britische Format, dem der "Restauranttester" nachempfunden ist. Da muss der Zuschauer kein Fachmann sein, um zu begreifen, dass hier etwas grundsätzlich nicht stimmt. Es geht um Sorgfalt und Arbeitshaltung, um Disziplin und Organisation. Wir haben ja alle unsere Probleme, aber so krass sieht es bei uns zum Glück nicht aus. Unser Schaudern bleibt wohlig. Denn die Sendung lädt zu beidem ein: zu Mitgefühl und Distanz, zu Häme und Identifikation.

Sie sollen sich gefälligst anstrengen

Die Probleme sind groß, ja schier unüberwindlich, aber nur Anpacken hilft. Zur Dramaturgie der Sendung gehört, dass Christian Rach nicht als weißer Ritter oder Zauberer daherkommt. Er verspricht keine Idylle, sondern fordert harte Arbeit. Nur wo Initiative herrscht, ein Wille zur Veränderung, ist Rettung denkbar. Ein etwas besseres Leben winkt dem, der sich anstrengt. "Hilfe zur Selbsthilfe" heißt der heimliche Lehrplan, als ginge es um eine Spendenaktion für Afrika. Fast immer gibt es nach harter Analyse und den ersten Schritten der Veränderung ein retardierendes Element. Ein Koch zieht nicht mit; die Geschäftsführerin ist überfordert; die Angestellten streiten. Das gehört zum Spannungsbogen und trägt wesentlich bei zur Wirklichkeits-Simulation. Wüsste man es nicht besser, es könnte glatt eine schonungslose Dokumentation sein. Aber es ist eine Show, in der es nur scheinbar allein um die Sache, die Restaurant-Rettung geht. Tatsächlich gucken wir vor allem zu, wie Menschen sich abstrampeln in ihrem Existenzkampf. Nehmen sie ihn an, resignieren sie, verändern sie sich selbst, indem sie die Umstände ihres Daseins verändern? Unsere Identifikation lässt uns mitbangen, unser Abstand lässt uns genüsslich zusehen.

Rach ist kein typischer Fernseh-Schleimer

Christian Rach gibt ihrem Bemühen Richtung. Und er nimmt kein Blatt vor den Mund. Er kommt nicht ins Restaurant wie die sonstigen lieben Moderatoren vom Fernsehen. Er schleimt nicht rum, er giert nicht nach Konsens oder buhlt um Sympathie. Er urteilt und teilt dem Zuschauer auch noch seine Beurteilung der anderen mit. Er ist knallhart. Freundliche Worte gelten nur jenen, die "mitziehen". Damit profiliert sich Christian Rach nicht als sympathischer Mitmensch, sondern als fachliche Autorität. Das trägt aber wesentlich zum Erfolg der Sendung bei: der Protagonist ist anders als das übliche TV-Personal. Er hat keinen Moderator oder Reporter neben sich. Er sieht nicht aus wie Kai Pflaume oder Oliver Geissen. Er ist gerade deshalb unterhaltsam, weil er es nicht vordergründig auf Unterhaltung anlegt.

Alles so schön echt hier

Das Fernsehen macht es natürlich erheblich leichter, mal eben ein paar neue Möbel zu organisieren, den Tresen umzubauen oder genügend Leute aus der Nachbarschaft zur Neueröffnung zu mobilisieren. Aber in der "Help-TV" Doku-Soap macht das Fernsehen - anders als bei großen Shows - keinen Wind um sich selbst. Im Zentrum steht das Restaurant, bzw. die Menschen, die es durch ihren Einsatz retten sollen. Wenn es gut geht, spendet das Trost. Wenn es schief geht, ist tröstlich, dass es uns selbst nicht so schlecht geht wie den Gezeigten. Das ist Lebenshilfe-Fernsehen in Zeiten der Krise. Unglaubwürdig wären da simple Erfolgsmeldungen. Mit einigem zeitlichen Abstand schaut Christian Rach noch einmal nach, wie es weiterging nach seinem ersten Anschub. Beides ist möglich: Aufschwung wie Absturz - wichtig für den Fernseherfolg ist allein: echt muss es wirken.