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Oliver Stones "W": Der schlechteste Präsident aller Zeiten

Die Welt steckt nicht nur in der Finanzkrise, sondern auch im US-Wahlkampffieber. Aber was macht eigentlich Präsident George W. Bush, der noch im Weißen Haus sitzt? Wird er sich wohl Oliver Stones Film über sein Leben angucken? Eine Spurensuche.

Von Sophie Albers

Am 20. Januar 2009 muss George W. Bush raus sein aus dem Weißen Haus. Dann packt sein Nachfolger die Kisten aus an der Pennsylvania Avenue 1600. Werden wir es vermissen, dieses Äffchengesicht mit den Charlie-Brown-Brauen über den Punktaugen? Den Strichmund, der sich einst an einer Salzbrezel verschluckte? Diesen Mann, der es in acht Jahren geschafft hat, das Ansehen der Vereinigten Staaten von Amerika in aller Welt komplett in Grund und Boden zu rocken?

Während eben diese Welt gerade über die Zukunft spekuliert, auf einen Neuanfang mit dem ersten schwarzen Präsidenten Amerikas hofft oder sich den Erhalt konservativen Wertedenkens von einem Vietnam-Veteran wünscht, scheint der aktuelle Bewohner des Weißen Hauses so gut wie vergessen. Fast das ganze Volk hat offenbar bereits mit George W. Bush abgeschlossen: 25 Prozent Zustimmung gaben die Amerikaner seiner Amtsführung in der jüngsten Gallup-Umfrage gerade noch. Vielleicht ist das ja die frühe Gerechtigkeit der Geschichte. Denn auch wenn Bush die wohl tragischste US-Führungsfigur ist, so ist er auch die lächerlichste. Und das hebt sich offensichtlich gegenseitig auf. Wo sein Platz in der Geschichte sei, wurde der 43. Präsident der Vereinigten Staaten einmal im Interview gefragt. "Geschichte? In der Geschichte sind wir alle tot."

Dabei hat er doch einiges dafür getan, in die Weltgeschichte einzugehen. Mal als Hans Wurst, mal als mächtigster und deshalb auch gefährlichster Mann der Welt: keine Woche ohne Bush-Witz - vom Fasttod durch besagte verschluckte "Pretzl" bis zur Verwechslung von Guantanamo und Guantanamera. Der mächtigste Mann der Welt hat in seinem Amt keine einzige Krise gemeistert. Auf seinen Nachfolger warten Kriege, eine zerrüttete Innen- und Außenpolitik sowie sein hoffentlich letzter Streich: die wohl größte Finanzkrise seit der Großen Depression 1929.

Das Urteil der Geschichte

Wenn Bush wegen letzterer nicht gerade mit Bundeskanzlerin Merkel und Frankreichs Premier Sarkozy telefoniert, Italiens Ministerpräsident Berlusconi zum Kuscheln ins Weiße Haus lädt oder seine Unterschrift die letzten Male unter verschärfende Überwachungsgesetze setzt, was macht er dann eigentlich? Sitzt er nicht vielleicht doch einsam auf seinem Stuhl im Oval Office und wartet mit eingezogenem Kopf auf das Urteil der Geschichte? Und es kommt schneller, als Bush seine Kisten packen kann.

Der wohl größte Affront aus "good old Europe" kam soeben aus Schweden: Paul Krugman, der Mann, der Bush zwei Mal wöchentlich in einer Kolumne in der "New York Times" mit seinem grundlegenden Versagen konfrontiert, wurde mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet. Auch in der Heimat fallen harte Worte. Bob Woodward, "Watergate"-Enthüller und Chronist der Macht, legte sein viertes Buch über Bushs Präsidentschaft vor. Während in den drei anderen auch erstaunlich positive Worte zu lesen waren, schließt "The War Within" mit der Erkenntnis, dass Bushs Nachfolger feststellen werden, dass alles noch viel schlimmer war, als man eh schon angenommen hat.

Ex-Staatsanwalt Vincent Bugliosi fordert in seinem neuen Buch "The Prosecution of George W. Bush for Murder" die Anklage Bushs vor einem amerikanischen Gericht. Der Präsident verantworte den Mord an 4000 Amerikanern und Zehntausenden Zivilisten im Irak. Und diesen Krieg habe er unter Vorspiegelung falscher Tatsachen - die nie gefundenen Massenvernichtungswaffen sowie die angeblich enge Verbindung von Saddam Hussein und Al Kaida - angezettelt. "Das größte Verbrechen der amerikanischen Geschichte", so Bugliosi.

Ex-Außenministerin Madeleine Albright gibt ganz offen Tipps zur baldigen Chaosbewältigung an die potenziellen Nachfolger. Und selbst Äußerungen von Bush-Mitarbeitern kann man im doppelten Sinne lesen: Die Koordinierung der Amtsübergabe sei besonders wichtig in einer Zeit, in der sich die USA im Krieg befänden, die Finanzkrise meistern und sich vor Terroranschlägen schützen müssten, ließ sich nun Sprecherin Dana Perino vernehmen. Wenn man möchte, klingt das schon nach Resignation. Der Bush, den wir zu kennen meinen, zieht die Mundwinkel nach unten und zuckt mit den Schultern.

Abwesenheit eines moralischen Bewusstseins

Und dann gibt es da auch noch diesen Film, der pünktlich drei Wochen vor der Wahl in die US-Kinos kommt: Er trägt den schlichten Titel "W" und ist Oliver Stones Abschluss seiner Präsidenten-Trilogie: "JFK" (1991), "Nixon" (1995). Wobei George W. Bush der einzige ist, dem die Leinwand-Ehre zu Regierungszeiten zuteil wird. Stone hat eine schwarze Komödie gedreht über einen Mann, der nur noch komisch wirke, weil das Resultat seiner Machthabe "so lächerlich" ist, wie der Regisseur jüngst im Interview ausführte. Passenderweise haben Regisseur Stone und Drehbuchautor Stanley Weiser vor gut 20 Jahren auch zusammen "Wall Street" (1987) realisiert, den im Augenblick häufig zitierten Klassiker über die Gier und den freien Markt.

Drei Phasen hat der Film: W. als betrunkener Student, W. als betrunkener Geschäftsmann, der gegen den Übervater kämpft, sowie W. als trockener Alkoholiker und wiedergeborener Christ, der als US-Präsident den Krieg gegen den Irak befiehlt. Eine entscheidende Eigenschaft Bushs sei die Abwesenheit von Reflexion und moralischem Bewusstsein, so Stone. Es gebe keine Entwicklung, Bush sei heute der gleiche Mann wie zu Beginn seiner Amtszeit. Wenn er geht, wird es also so sein wie vorher, als habe es W. nie gegeben - nur dass nun die Welt in Scherben liegt?

Dear Mister President

Bevor Bush am 20. Januar 2001 ins Weiße Haus einzog, hatten die Mitarbeiter seines Vorgängers Bill Clinton aus allen Tastaturen im Haus das W entfernt. Einer dieser Scherze, die die Mitarbeiter des scheidenden Präsidenten mit ihren Nachfolgern treiben. Ob George W., den wir zu kennen meinen, das überhaupt mitbekommen hat?

Am Ende antwortet der Pop auf die Politik: Als Anti-Marilyn hat Pink im vergangenen Jahr einen Song für ihren Präsidenten gesungen. "Dear Mister President" stellt dabei eigentlich die gleiche Frage wie Stones "W": Wie kann ein Mensch so schmerzfrei sein? "Mein Glaube befreit mich", hat Bush 1999 in seiner Autobiografie geschrieben. "Er befreit mich, Entscheidungen zu treffen, die andere nicht gutheißen mögen." Laut Stone müssen wir mit diesen Entscheidungen noch lange leben: "Dieser Mann hat die gesamte Welt verändert, und wer das leugnet, der ist ein Zyniker."

Am 17. Oktober läuft "W" in den USA an. Für den Filmstart in Deutschland steht noch kein Datum fest.